Die Fussball-WM als immersives Ereignis: Brauchen Fans in Zukunft gar nicht mehr vor Ort zu sein?In den USA waren WM-Partien erstmals in High-Tech-Arenen zu erleben, die ein realistisches Live-Gefühl vermitteln. Der Markt boomt, die Eintrittskarten sind mittlerweile fast so begehrt wie die Tickets für das Stadion.Sven Haist, Los Angeles21.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSo sieht das immersive Fussballerlebnis aus: Fans verfolgen den WM-Achtelfinal zwischen den USA und Belgien in der Cosm-Arena in Los Angeles.ReutersDie Fussball-Weltmeisterschaft 2026 ist Geschichte, und sie hat ja so manche Neuerung gebracht. Die Aufstockung auf 48 Mannschaften etwa. Die sogenannten «hydration breaks». Oder auch die umfangreicher gewordenen Kompetenzen des Video-Assistant-Referees (VAR). Doch da war noch eine weitere Neuartigkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer für den Viertelfinal zwischen Spanien und Belgien (2:1) in Los Angeles keine Eintrittskarte mehr ergattern konnte, dem bot sich in unmittelbarer Nähe des Stadions eine reizvolle Alternative. Denn auf demselben Gelände, das bezeichnenderweise Hollywood Park heisst, befindet sich auch die Veranstaltungsstätte des Unterhaltungstechnologieunternehmens Cosm. Hinter der verglasten, dreistöckigen Fassade mit Dachterrasse verbirgt sich eine hochmoderne digitale Arena, in der Besucherinnen und Besucher Live-Sport, Konzerte oder Filme auf völlig neuartige Weise erleben können – nämlich «immersiv».In der Medienwelt bezeichnet dieser Begriff ein Erlebnis, bei dem Fans so tief in eine virtuelle Umgebung eintauchen, dass sie den Eindruck gewinnen, unmittelbar Teil des Geschehens zu sein. So erlebten sie das Spiel Spanien gegen Belgien etwa, als wären sie live vor Ort – obwohl sie sich in Wirklichkeit einige hundert Meter vom Austragungsort entfernt befanden.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenVierzig Spiele im immersiven FormatWährend dieser WM ist die in den USA entwickelte «Shared Reality»-Technologie, die physische und virtuelle Welten nahezu verschmelzen lässt, besonders in den Fokus gerückt. Cosm schloss mit dem Weltfussballverband (Fifa) und dem Fernsehsender Fox Sports, der die amerikanischen Übertragungsrechte an der WM hält, eine Vereinbarung ab, die es dem Unternehmen erlaubt, insgesamt vierzig Turnierpartien in das eigene immersive Format zu transferieren.Dafür wird die entsprechende Partie in der Cosm-Kuppel auf eine leicht nach innen gewölbte, umlaufende 180-Grad-Bildschirmfläche mit einer ausserordentlichen Diagonale von 26,6 Metern projiziert. Die LED-Wand verfügt darüber hinaus über eine gigantische Auflösung von 12 000×10 000 Pixeln – also 120 Millionen Bildpunkte. Eine derart hohe Pixeldichte ist gegenüber standardisierten Monitoren eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Bild selbst auf dieser Fläche gestochen scharf bleibt. Der Dome übernimmt damit die Funktion einer Virtual-Reality-Brille – auf eine solche können die Besucher verzichten.Ganz nah dabei: In der Cosm-Arena in Los Angeles fühlen sich Fans, als seien sie live im Stadion.PDDamit tatsächlich ein immersives Erlebnis entsteht, müssen mehrere technische Faktoren aus den Bereichen Bild, Ton und räumliche Wahrnehmung zusammenspielen: hohe Auflösung, schnelle Bildwiederholrate, möglichst geringe Bewegungsverzögerung sowie eine Darstellung, die das Sichtfeld der Zuschauer weitgehend ausfüllt. Zugleich muss die Übertragung das Geschehen so wiedergeben, wie man es aus dem Stadion kennt: mit der natürlichen räumlichen Anordnung von Spielern auf dem Rasen und Fans auf den Tribünen sowie der Atmosphäre.Eine entscheidende Rolle kommt der Kameraführung zu. Durch den häufigen Wechsel der Perspektive – es gibt fünf bis zehn Einstellungen – nehmen die Zuschauer bei Cosm fortlaufend unterschiedliche Plätze im Stadion ein. Mal verfolgen sie das Spiel von der Haupttribüne aus, dann stehen sie bei einem Eckball plötzlich hinter dem Tor oder halten sich scheinbar unmittelbar am Spielfeldrand auf. Gemessen an kursierenden Videos und Erfahrungsberichten gelingt Cosm diese optische Illusion offenbar mit erstaunlicher Perfektion.Besucherinnen und Besucher wähnen sich als Teil der Choreografie im Stadion – und verhalten sich entsprechend. Auf einem Video ist zu sehen, wie Personen in der Cosm-Arena an einem WM-Spiel der USA aufstehen und im Gleichklang mit den Fans vor Ort «USA, USA, USA» skandieren.Reporter des «Observer», die ein Fussballspiel in der Cosm-Kuppel erlebt haben, beschreiben den Effekt als täuschend echt: Die Nachbildung sei derart überzeugend, dass «eine Art Bewegungskrankheit entsteht – Augen und Gehirn geraten plötzlich in einen beinahe Übelkeit auslösenden Widerspruch». Gemeint ist damit, dass die Augen den Eindruck vermitteln, live im Stadion zu sein, während das Gehirn unbewusst weiss, dass man in einem kinoartigen Saal sitzt. Verstärkt wird das Gefühl dadurch, dass im Cosm-Studio ganz selbstverständlich Getränke und Snacks bestellt und konsumiert werden.Dabeisein ist allesDas Format entspricht der wachsenden Nachfrage insbesondere jüngerer Generationen nach einem kollektiven Gemeinschaftserlebnis und dem Bedürfnis, um jeden Preis Teil davon zu sein. Dahinter steht auch das sogenannte Fear-of-Missing-out-Phänomen, die Angst, etwas zu verpassen.Befinden sich diese Brasilien-Fans im Stadion oder in einem kinoartigen Saal? Gar nicht so einfach zu sagen.PDEs zeigt sich bei dieser Weltmeisterschaft selbst in den Stadien: Nahezu jede noch so kleine Begebenheit, die auch nur leicht von der Norm abweicht, wird mit dem Handy festgehalten – als Beweis, dabei gewesen zu sein. Während der Partien werden immer wieder Fans auf den Stadionleinwänden eingeblendet. Niemand scheint sich daran zu stören, vielmehr freuen sich alle, für einen kurzen Moment vor den Augen der Masse sichtbar zu sein. Diesen Zeitgeist hat Cosm erkannt. Das im Jahr 2020 gegründete Unternehmen mit Sitz in Dallas, Texas, hat nach der Eröffnung des Prototyps in Los Angeles vor zwei Jahren mittlerweile zwei weitere Veranstaltungsstätten in Dallas und Atlanta in Betrieb genommen. Bis 2030 sollen insgesamt fünfzig Standorte entstehen.Allerdings hat die Nachbildung des Stadionerlebnisses ihren Preis. Für jeden Event müssen Eintrittskarten erworben werden. In den LED-Kuppeln gibt es bis jetzt jeweils rund 700 Sitzplätze. Für das Spiel Spanien gegen Belgien kosteten Tickets – je nach Kategorie – niedrige bis hohe dreistellige Dollarbeträge. Der allgemeine Einlass fällt zwar deutlich günstiger aus, garantiert jedoch keinen freien Blick auf die Kuppelfläche. Die Ironie dabei: Die Karten sind mittlerweile beinahe ebenso begehrt wie die Tickets für das Stadion selbst.Passend zum Artikel