PfadnavigationHomekmpktArtikeltyp:MeinungErfahrungsberichtGelassen erziehen kann vor allem, wer Geld hatStand: 06:36 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Natalia LebedinskaiaStressfreie Erziehung ist vor allem eine Frage des Geldbeutels. In Zukunft werden sich die Rahmenbedingungen sogar verschlechtern. Unsere Autorin, selbst Mutter, rechnet mit konkreten Beispielen ab.Nein, es ist keine gute Idee, sich beim Thema Leben mit Kleinkind von Instagram und Co. beraten zu lassen. Denn dort wird einem vermittelt, dass stressfreie Erziehung alles nur eine Frage des richtigen Mantras sei. Was dabei unter den Tisch fällt: In Wahrheit ist es vor allem eine Frage des Geldes.Denn wer Freizeit, Erziehung und Job unter einen Hut bekommen will, benötigt Ressourcen. Will man als Elternpaar Zeit für ein Date oder einen Kinobesuch und hat nicht das Privileg von eben-um-die-Ecke-lebenden Großeltern, muss man einen Babysitter organisieren. Der kostet schnell knapp 15 Euro die Stunde. Oder Kinderturnen im Sportverein? Rund 300 Euro im Jahr.Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich extrem gewandeltWährend 2018 laut Statistischem Bundesamt in noch rund 54 Prozent aller Familienhaushalte mit Kindern unter drei Jahren der Vater Alleinverdiener war, hat sich die Situation bereits vier Jahre später dramatisch gewandelt. 2022 arbeiteten in bereits 67 Prozent aller Familien mit Kindern unter drei Jahren sowohl Mutter als auch Vater. Das liegt an veränderten Rollenbildern, aber auch an gestiegenen Lebenskosten. Das bedeutet in den meisten Fällen eine höhere Belastung für den Familienalltag. Dabei möchte man doch so viel Zeit wie möglich mit dem eigenen Nachwuchs verbringen und ihm optimale Bedingungen bieten!Lesen Sie auchBloß gut, dass Bundesfamilienministerin Karin Prien das Elterngeld für die ersten zwölf Monate erhöhen will – von 300 Euro auf 330 im Mindestsatz und von 1.800 auf 1.900 Euro im Höchstsatz. Bloß: Das geht nur noch zwölf Monate lang, wenn beide Elternteile mindestens drei Monate Elternzeit nehmen. Ansonsten gibt es nur maximal neun Monate lang Elterngeld. De facto bekommen junge Eltern in Zukunft insgesamt also weniger Elterngeld als nach den bisherigen Regeln. Und danach? Muss das Kind in die Krippe Den Rechtsanspruch dafür gibt es aktuell in Deutschland aber erst ab einem Jahr. Bedeutet also: Die Suche nach einem geeigneten Betreuungsplatz muss schon früher stattfinden und damit auch die Eingewöhnung, die je nach Modell mehrere Wochen dauert. Hinzu kommt: In den meisten Bundesländern kosten die Kindergartenplätze. Oft sind sie an die Höhe des Einkommens gekoppelt und für Kinder in Krippenbetreuung, also unter drei Jahren, teurer. In Nordrhein-Westfalen etwa ist die Kita nur in den letzten beiden Jahren beitragsfrei. Davor kann sie laut einem Bericht des WDR je nach Kommune bis zu 1.200 Euro kosten. Zudem ist die Kinderbetreuung insbesondere in den westdeutschen Bundesländern nur bis 13 oder 14 Uhr ausgelegt. Ganztagsplätze sind nicht der Standard. Sprich: In vielen Familien ist ein Elternteil gezwungen, in Teilzeit zu gehen. Das bedeutet aber auch Abstriche in der Haushaltskasse. Die Beitragsunterschiede sind dann aber oftmals nur so gering, dass sich manche Familien doch überlegen, ihr Kind unter drei Jahren lieber zu Hause zu betreuen – weil der Mehrverdienst, den man durch die zweite Person erwirtschaftet, fast komplett durch die Kita-Beiträge aufgezehrt wird. Und ja, auch im Jahr 2026 ist es dann meistens die Mutter, die zu Hause bleibt, weil ihr Gehalt eben geringer ist als das ihres Mannes. Das belegen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts: Gerade einmal 39,7 Prozent aller Frauen mit einem Kind unter drei Jahren sind erwerbstätig. Der Großteil bleibt daheim. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Gehalt werden zwar nachweislich geringer, je höher qualifiziert der Beruf oder das Karrierelevel ist, und ermöglichen es dann auch vielen Paaren, dass beide ohne große Abstriche in Teilzeit gehen können. Auch das ist dann ein finanzieller Luxus, der eine entspanntere Elternschaft für beide Seiten ermöglicht. Die neuen Lebensentwürfe gehen ins Portemonnaie Ob man sich Nachwuchs leisten kann, ist auch eine Frage der Einkommenssschicht: Wer genug Geld hat, kann leichter durch den Alltag gehen und unbeschwerter mit seinem Nachwuchs in Erziehungsfragen umgehen. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge fühlen sich Eltern insgesamt sowohl zufriedener als auch gelassener, wenn sie weniger finanziellen Druck spüren – und dieses Gefühl geben sie auch an ihre Kinder weiter. Nun könnte man argumentieren: Kinder gelassen erziehen zu können, hat schon immer Geld gekostet. Das stimmt. Fakt ist aber auch, dass sich die Umstände verschärft haben. Während sich viele junge Familien früher auf ein kostenfreies großelterliches Netzwerk als Entlastung bei der Kinderbetreuung verlassen konnten, ist das heutzutage seltener, weil Lebensentwürfe weiter entfernt von zuhause entwickelt werden. Dazu kommen Preisexplosionen bei Miet- und Kaufimmobilien. Auch an anderer Stelle ist entspannte Elternschaft käuflich: Bei Familienurlauben, dem Eintritt ins Freibad oder Freizeit- und Förderangeboten wie Musikschule oder Sportverein. Beim Thema Nachhilfe kann auch der kluge Kopf eines Elternteils zum Einsatz kommen – entspannter ist ein Nachhilfelehrer, bei dem Kinder die emotionalen Grenzen seltener testen.Wer tatsächlich glaubt, dass gestresste Eltern sich einfach nicht genug bemühen, sollte vielleicht kurz über seine eigenen Privilegien nachdenken. Und wird womöglich feststellen, dass man sich eine geringere Stressbelastung womöglich erkaufen konnte.Sabine Winkler berichtet als freie Autorin für WELT regelmäßig über Familienthemen, Reisen und Popkultur. Zweimal im Monat erscheint montags ihr Newsletter „Läuft bei uns – der Familien-Newsletter“, in dem sie über ihr Leben als Mama schreibt.