Viel ist nicht nötig, damit in Frasdorf das Chaos losbricht. Am vergangenen Freitag zum Beispiel, also ausgerechnet an jenem Tag, an dem sich auch noch viele Menschen aus Nordrhein-Westfalen auf den Weg in ihre Sommerferien gemacht haben: Am Bernauer Berg muss ein Autofahrer scharf bremsen, eine andere Fahrerin fährt auf, die Polizei sperrt die A8 Richtung Salzburg für kurze Zeit, damit die schwer verletzte Frau und die Autos geborgen werden können. Sechs Kilometer weiter westlich in einer Wohnsiedlung in Frasdorf hätte der Unfall beinahe zu einer handfesten Schlägerei geführt.Bei Stau auf der A8 hilft sich die 3000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Rosenheim selbst, so gut es eben geht. Es stünden Material und Schilder zur Verfügung, um 13 gemeindeeigene Straße zu sperren, sagt Bürgermeister Daniel Mair (CSU). Aber bis diese Schilder nach dem Unfall an den Straßen standen, da standen dort schon längst die Autos all derjenigen, die den immer länger werdenden Stau auf der Autobahn umfahren wollten. Und die Frasdorfer Selbsthilfe schrammt dann manchmal hart an der Grenze zur Selbstjustiz entlang. Anwohner hätten ein Auto mit Münchner Kennzeichen angehalten und wären fast handgreiflich geworden gegen den Fahrer, berichtet Mair. Der Mann lebe seit Jahren selbst im Ort und sei in seinem Dienstwagen unterwegs gewesen.Dabei gelten in Frasdorf und einigen anderen Gemeinden im südlichen Bayern seit ziemlich genau einem Jahr Abfahrtverbote für den Durchgangsverkehr bei Stau auf der Autobahn – bisher aber nur an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen. Diese Einschränkung hat sich aus Sicht der Frasdorfer ebenso wenig bewährt wie die eher stichprobenartigen Kontrollen durch die Polizei. Sie verlangen nun Verbote auch unter der Woche und Kontrollen zum Beispiel durch private Sicherheitsdienste.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Als Beispiel für solche Kontrollen dient den Anwohnern die Praxis im benachbarten österreichischen Bundesland Tirol. Dort gelten die Abfahrtverbote schon seit längerer Zeit samstags, sonntags und an Feiertagen, dies aber vollkommen unabhängig von einem tatsächlichen Stau. Vereinzelt steht in Tirol ebenfalls Polizei an den Abfahrten, um Fahrer zurückzuschicken und fallweise Geldbußen einzufordern. Vor allem aber stehen dort „eigens geschulte Straßenaufsichtsorgane“, wie die Tiroler Landesregierung die privaten Sicherheitsdienste nennt.Solche Kontrollen wünscht sich Bürgermeister Mair auch für Frasdorf und für die anderen bayerischen Ortschaften mit Abfahrtverboten entlang der A8 Richtung Salzburg, der A93 Richtung Innsbruck und an der A7 vor dem Grenztunnel bei Füssen. Denn bisher werde „kaum kontrolliert“. So fasst Bürgermeister Mair seinen Eindruck und den der meisten Frasdorfer zusammen. Die bayerische Polizei hat mit den Kontrollen eine zusätzliche Aufgabe erhalten, aber kein zusätzliches Personal. Sie kann nur dann wirklich an der Autobahn stehen, wenn die Beamten in ihren normalen Schichten gerade keine anderen Aufgaben zu erledigen haben. Planbar sind die Einsätze so wenig wie ein Stau, der nach der bisherigen Regelung Voraussetzung für ein Abfahrtverbot ist.Auch in Raubling an der A93 stehen Schilder, die den Durchgangsverkehr von der Autobahn bei Stau vom Ortskern fernhalten sollen. Foto: Johannes SimonDas unter anderem für Frasdorf zuständige Polizeipräsidium in Rosenheim hat wiederholt auf diese Lage hingewiesen und auch schon öfter Zahlen genannt, wonach man an einem einzigen Wochenende wieder Hunderte Autos auf die Autobahn zurückgeschickt habe. Dies geschieht schon aus praktischen Gründen in aller Regel direkt an den Abfahrten. Deshalb wird dann auch kein Bußgeld fällig. Streng juristisch genommen sind die Abfahrtverbote nämlich nur Durchfahrtverbote durch die jeweilige Ortschaft – und ohne Durchfahrt kein Bußgeld. Außerdem reicht ein einigermaßen nachvollziehbarer Grund, um doch von der Autobahn abfahren zu dürfen – und seien es Hunger, Durst oder ein dringendes Bedürfnis nach einer Toilette.Diese aus Sicht der Anwohner mangelhaften Regelungen sind auch schon ein Ergebnis der Frasdorfer Selbsthilfe. Bis zum Sommer 2025 hatte es jahrelang geheißen, ein Abfahrtverbot entspreche nicht dem geltenden Recht. Erst als viele Frasdorfer eine Bürgerinitiative gründeten und nicht locker ließen, entdeckte man im Bundesverkehrsministerium doch noch eine Rechtsgrundlage für ein Abfahrtverbot.Durchfahrverbot an der Autobahn 8:„Jedes fremde Kennzeichen ist als Feind gesehen worden“An den Hauptreisetagen wurden Orte wie Frasdorf von Autofahrern geplagt, die den Stau auf der Autobahn umgehen wollten. Seit einigen Monaten soll ein Durchfahrverbot genau das verhindern. Wirkt die Regelung? Ein Besuch.Ob dieses Verbot der Klage eines betroffenen Fahrers vor Gericht standhalten würde, ist bisher nicht erwiesen. Die bisherige Beschränkung auf das Wochenende könnte auch ein Versuch sein, solche Klagen zu vermeiden, mutmaßt Bürgermeister Mair. Er und die Frasdorfer BI haben an diesem Montag einen Termin beim Rosenheimer Landrat Otto Lederer (CSU). Der hatte vor einem Jahr als Erster die neuen Möglichkeiten genutzt und für Orte in seinem Landkreis Abfahrtverbote erlassen. Nun hoffen die Frasdorfer, dass Lederer ihnen auch bei der erhofften Verschärfung der Regeln helfen kann. Man werde da jetzt „schon wieder richtig Gas geben“, sagt Daniel Mair, gerne zusammen mit anderen Kommunen. Denn Frasdorf ist nicht in die einzige Gemeinde, in der die anfangs hohen Erwartungen an das Abfahrtsverbot einer gewissen Ernüchterung gewichen sind.Nun soll es auch um die Frage gehen, wie die Abfahrtverbote besser in die Navigationsgeräte der Autos eingespeist werden können. „Die Navis leiten nach wie vor runter“, sagt Mair. Dabei könnten die Kartendienste offenbar zügig reagieren. „Wenn wir unsere Sperren aufstellen, ist das relativ schnell drin.“Doch die Abfahrtverbote sind schon in ihrer jetzigen Form umstritten. So lehnt sie der Autofahrer-Klub ADAC als Einschränkung der Reisefreiheit ab. Denn öffentliche Straßen sind in Deutschland zumindest im Grundsatz für alle da, was dann auch für Frasdorfer Siedlungsstraßen und für staumüde Urlauber aus Nordrhein-Westfalen gelten müsste. Zudem zeigt das Beispiel mit der jüngsten Beinahe-Schlägerei nicht nur, dass in Frasdorf „die Nerven blank liegen“, wie es Bürgermeister Mair formuliert. Es ließe sich in letzter Konsequenz auch die Frage nach den Vorrechten von Anwohnern knüpfen: Warum eigentlich sollte ein Frasdorfer über eine Straße in seiner Nachbarschaft fahren dürfen, nur um einen Stau auf jener Straße zu umfahren, in der er selber wohnt.
Frasdorf in Bayern: Anwohner fordern strengere Abfahrtverbote bei Stau auf der A8
Frasdorf im Landkreis Rosenheim will bei Stau auf der A8 den Verkehr durch Abfahrtverbote aus dem Ort halten.






