Vom Bürgermeister zum Premierminister: Andy Burnhams schwierigste Aufgabe steht erst noch bevorAm Montag hat der 56-jährige Labour-Politiker die Regierungsgeschäfte übernommen. Er verfolgt hochtrabende Pläne – wie diese finanziert werden sollen, bleibt unklar.20.07.2026, 16.59 Uhr4 LeseminutenDer neue britische Premierminister Andy Burnham und seine Frau Marie-France van Heel winken vor der Downing Street Nummer 10 den Fotografen zu.Isabel Infantes / ReutersAls Andy Burnham am Montagmittag seine erste Rede als frisch gekürter britischer Premierminister hält, ist etwas anders als sonst: Vor der Downing Street Nummer 10 fehlt das hölzerne Rednerpult, hinter das sich alle seine Vorgänger bei Ansprachen jeweils gestellt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Burnham jedoch verzichtet darauf, spricht frei, ohne Notizen oder Teleprompter. Es ist klar, welches Signal er damit aussenden will: Ab sofort herrscht ein neuer Stil, die Dinge werden nun anders gehandhabt. Burnham will volksnah sein, offen, verständnisvoll.Bevor Burnham im Buckingham Palace von König Charles III. den Auftrag zur Regierungsbildung entgegennahm, hatte er sich am Morgen noch öffentlichkeitswirksam auf den Strassen von London gezeigt und dort mit Obdachlosen gesprochen. Schon als Bürgermeister von Gross-Manchester hatte er sich zum Ziel gesetzt, der Obdachlosigkeit in der Stadt ein Ende zu setzen. Das soll nun für ganz Grossbritannien gelten, wie er vor einer jubelnden Menge verkündete: Seine erste Anweisung als Premierminister werde es sein, das «rough sleeping», also das Schlafen auf der Strasse, zu beenden.Nun ist Andy Burnham Premierminister – jener Mann also, der vor einem Monat noch Lokalpolitiker gewesen war, dann über eine eilig anberaumte Nachwahl ins Parlament gehievt und vergangenen Freitag zum Parteichef von Labour gewählt wurde. Man kann sich kaum einen steileren Aufstieg vorstellen. Doch die schwierigste Aufgabe steht ihm erst bevor.Am Montagmorgen traf Andy Burnham Obdachlose in den Strassen von London.Christopher Furlong / PoolEine «Atempause» für die BritenBöse Zungen sagen, dass das schwächelnde und zerstrittene Grossbritannien inzwischen fast schon unregierbar sei. Burnham ist der siebte britische Premierminister innerhalb von zehn Jahren. Auch sein Vorgänger Keir Starmer war nach einem Erdrutschsieg von Labour als Hoffnungsträger ins Amt gekommen. Doch in weniger als zwei Jahren war das Vertrauen verspielt. Immerhin: Burnham ist laut Umfragen jetzt schon populärer, als es Starmer bei seinem Amtsantritt war.Seine Amtsführung als Bürgermeister von Gross-Manchester hat ihm landesweit Respekt eingebracht. Doch jetzt muss er im Zentrum der politischen Macht bestehen, wo die Kämpfe härter geführt werden, wo mehr Interessengruppen Einfluss nehmen wollen. Keir Starmer war weniger an seiner Politik gescheitert und vielmehr daran, dass er es allen recht machen wollte. Am Schluss wusste niemand mehr, wofür Starmer stand. Für Burnham gilt es also, eine klare Linie zu finden, die er dem Volk erklären kann – selbst unpopuläre Massnahmen.Doch bislang sind auch Burnhams Pläne reichlich opak. Am Montag versprach er, dass er noch in diesem Jahr einen Zehnjahresplan vorlegen werde. Er scheint sich insbesondere auf die steigenden Lebenshaltungskosten im Land fokussieren zu wollen. Die Briten brauchten eine «Atempause», sagte er. Erste Massnahmen werde er schon am Dienstag verkünden, und ebenso, wie diese finanziert werden sollen. Unter ihm werde das Land die grössten Veränderungen seit 40 Jahren erleben.Andy Burnham verzichtete am Montag auf ein Rednerpult – unter ihm soll ein neuer Stil gelten, so das Signal.Alberto Pezzali / APErneut sprach Burnham davon, dass er die politische Macht vom Zentrum in die Peripherie tragen wolle. Davon, dass das Land reindustrialisiert werden solle. Gleichzeitig werde Grossbritannien gegenüber den internationalen Partnern seine Verpflichtungen im Verteidigungsbereich erfüllen, aber gleichzeitig die fiskalischen Vorgaben einhalten. Ob das gelingen kann, ist fraglich. Finanziellen Spielraum gibt es eigentlich nicht. Unter anderem wird Burnham 15 Milliarden Pfund für die Aufrüstung der Armee zusammenkratzen müssen – eine Hinterlassenschaft von Keir Starmer.Sparen liesse sich etwa bei den wuchernden Sozialausgaben. Das gehört durchaus zu Burnhams Zielen. «Wir werden in den Erfolg der Menschen investieren, anstatt für Misserfolge zu bezahlen», sagte er am Montag. Doch Reformen des britischen Sozialstaats haben sich schon für viele seiner Vorgänger als Stolperstein erwiesen. Kürzungen sind nie populär. Burnham wird sich dabei insbesondere mit dem linken Flügel von Labour anlegen müssen.Nun wird mit Spannung erwartet, welche Minister Burnham in seine Regierung holt – die Personalentscheide werden Hinweise auf die programmatische Ausrichtung seiner Regierung geben. Bis am späten Montagnachmittag waren allerdings noch keine Namen bekannt.Burnham als «schamloser Usurpator»Bislang steht Burnhams Partei noch demonstrativ geschlossen und euphorisch hinter dem neuen Premierminister. Aus der Opposition klingt es gänzlich anders: Sie wünsche Burnham zwar viel Erfolg, schrieb am Sonntag Kemi Badenoch, die Vorsitzende der konservativen Partei. Aber er trete sein Amt ohne klaren Plan an. «Das ist kein vielversprechender Anfang.»Noch härter ging die konservative Zeitung «Daily Mail» mit Burnham ins Gericht. Der Kolumnist Stephen Glover bezeichnete den neuen Premierminister als «schamlosen Usurpator», der durch einen Putsch gegen Starmer ins Amt gekommen sei. Deshalb müsse er sofort vorgezogene Parlamentswahlen ansetzen.Mit Applaus werden Andy Burnham und seine Gattin in der Downing Street Nummer 10 empfangen.Kin Cheung / APBurnham wird dieser Aufforderung kaum nachkommen. Aber die nächsten Wahlen hat er mit Sicherheit bereits im Blick. Diese finden spätestens 2029 statt. Für die Regierung wird es in erster Linie darum gehen, der nationalistischen Reform-UK-Partei von Nigel Farage den Wind aus den Segeln zu nehmen, die derzeit alle Umfragen anführt. Der neue Stil von Andy Burnham wird allein nicht reichen, um das zu schaffen.Passend zum Artikel