In Taiwan leben sieben Arten von Hornissen, die auch Besucher dann und wann plagen. Dazu gehört die Asiatische Riesenhornisse, die größte der Welt. Anders als andere Hornissen baut sie ihre Nester unterirdisch und ist schwer zu entdecken. Wenn jemand auf ein Nest stößt, schwärmen sie sofort aus und greifen an. Das Gift ihrer Stiche kann lebensgefährliche Reaktionen auslösen.„Nichts wird Konflikte wirksamer verhindern, als Taiwan in ein Hornissennest aus Luft-, Oberflächen- und Unterwasserdrohnen zu verwandeln“, beschrieb der amerikanische De-facto-Botschafter in Taipeh Raymond Greene gerade eines der wesentlichsten Elemente der Abschreckungsstrategie gegen China. Das Ziel: Dem Angreifer mit einer KI-gestützten „unbemannten Höllenlandschaft“ zu begegnen, zu der auch Minen und Raketen gehören.Taiwan baut seine Entwicklung und Produktion von Drohnen gerade rasant aus. Dazu gehört, dass die Inselrepublik neben dem Export ihrer Spitzenhalbleiter zu einem Weltmarktführer von Drohnen werden will, die ohne Komponenten aus chinesischer Produktion auskommen. Diese „nicht-rote“ und als „vertrauenswürdig“ bezeichnete Drohnen-Lieferkette erscheint umso dringlicher, da Streitkräfte der Ukraine und auch die Bundeswehr mangels Alternativen bislang oft Drohnen aus China nutzen.Lehren aus dem UkrainekriegSeit den Erfahrungen des von Drohnen geprägten Ukrainekrieges richtet Taiwan seine Drohnenpolitik neu aus. Für Taiwan werden unbemannte Systeme zu einer weiteren Schlüsselindustrie. Sie soll den Märkten und westlichen Militärs eine nicht chinesische Alternative anbieten. Zudem werden Drohnen ein immer entscheidenderes Element von Taiwans asymmetrischer Verteidigungsstrategie gegen China. Vergangenes Jahr stiegen Taiwans Exporte von Drohnen nach Europa im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das Vierzigfache. Die Ausfuhren wachsen auch dieses Jahr weiter exponentiell.Zu den Hauptabnehmerstaaten der 2025 insgesamt mehr als 120.000 exportierten Drohnen gehörten bislang die Tschechische Republik und Polen, von denen dann viele in die Ukraine gingen. Zuletzt avancierte aber Saudi-Arabien zum größten Abnehmer: Allein im Juni habe Riad taiwanische Drohnen im Wert von knapp fünfzig Millionen Dollar gekauft, meldete das Finanzministerium in Taipeh. Diese Drohnen lassen sich zivil und militärisch nutzen, etwa zur Aufklärung.Im Vergleich zu China sind diese Zahlen immer noch gering. Die Volksrepublik dominiert mit rund siebzig Prozent aller Drohnenproduktionen den Weltmarkt, was im Westen zunehmend als Sicherheitsrisiko erkannt wird. Die USA verlangen bereits, dass alle eigenen Militärdrohnen frei von chinesischen Teilen sind. China exportierte laut offiziellen Angaben im vergangenen Jahr Drohnen und Drohnenteile im Wert von drei Milliarden Dollar, das sind rund dreißigmal so viel wie Taiwan. Zudem dürften nicht alle chinesischen Drohnenexporte offiziell aufgeführt sein.Taiwans seegestützte Drohne Seashark 800 vergangenes Jahr in YilanReutersAuch militärisch gibt es einen großen Fähigkeitsunterschied. Westlichen Sicherheitskreisen zufolge setzt Chinas Volksbefreiungsarmee Drohnen aller Klassen „umfassend“ ein. Und das in allen Dimensionen: in der Luft, zur See und an Land. Seit Langem sind Drohnen fester Bestandteil der Operationsführung chinesischer Streitkräfte. An nahezu jedem Standort der Volksbefreiungsarmee befinden sich unbemannte Systeme, trainiert werde „total integriert“. Während China wohl Zehntausende militärisch nutzbare Drohnen besitzt, haben Taiwans Streitkräfte eher einige Hundert bis wenige Tausend.Mittlerweile aber hat auch Taiwan begonnen, unter anderem Seedrohnen in die Marine zu integrieren, um China von amphibischen Landungs- und Blockadeversuchen abzuschrecken. Peking hat den Einsatz militärischer Gewalt zur Eroberung Taiwans nicht ausgeschlossen. Gerade weitet es seine Versuche aus, eigene Jurisdiktion in den Gewässern um Taiwan durchzusetzen. Taipeh dagegen will Peking dauerhaft klarmachen, dass eine Invasion Taiwans für die Kommunistische Partei zu kostspielig und gefährlich und ein schneller Sieg unmöglich wäre.Neben einem neuen Geschäftszweig für den Export will Taipeh auch schnell selbst Drohnen herstellen können. Zur Drohnenproduktion „braucht Taiwan vor allem ein erfolgreiches Ökosystem“, sagt Sheu Jyh-shang vom Institut für Nationale Verteidigungs- und Sicherheitsforschung (INDSR) der F.A.Z. in Taipeh. Da es sich bei Drohnen um eine sich rasant entwickelnde Technologie handele, deren Kampfwert alle paar Monate gesteigert werde, mache es abgesehen von Trainingsdrohnen „auch keinen Sinn, in Friedenszeiten schon Millionen kleiner Drohnen zu beschaffen, weil man nicht weiß, wann der Krieg beginnt“, fügt Sheu hinzu.Unabhängige Drohnenindustrie möglichst bis 2027Wichtiger sei zunächst die Lokalisierungsstrategie, so Sheu. Taiwans Regierung will bis 2027 eine unabhängige Drohnenindustrie aufgebaut haben. Sheu sagt, im Blockadefall „müssen wir vielleicht nicht alle, aber so viele Komponenten wie möglich selbst herstellen können“. Amerikas unverlässliche Rüstungshilfe unter Donald Trump kommt hinzu. In Taiwan haben mit Unterstützung der Regierung zahlreiche Start-ups und Firmen aus dem Mittelstand begonnen, Drohnen herzustellen. Die Zusammenarbeit mit amerikanischen und europäischen Firmen nimmt zu, etwa zwischen dem taiwanischen Luftfahrtunternehmen AIDC und Airbus. „Die Grenzen politischer Art gibt es immer noch, aber viel weniger als vorher, vor allem mit Europa“, sagt Sheu. „Das ist natürlich eine sehr gute Gelegenheit für uns.“Um das dafür nötige öffentliche Geld aber wird in Taiwans Parlament weiter gestritten. Im Mai hatte das von der oppositionellen KMT-Partei dominierte Abgeordnetenhaus einen um ein Drittel gekürzten Sonderhaushalt fürs Militär verabschiedet, den Präsident Lai Ching-te eingebracht hatte. Zudem dürfen diese Mittel ausschließlich für amerikanische Waffen verwendet werden. „Der politische Druck aus Washington hat da gut funktioniert“, sagt Sheu. Darunter fallen zwar auch US-Drohnen. Aber Taiwans heimische Drohnenproduktion muss ihr Geld woanders herbekommen.Zuletzt brachte die Regierung ein weiteres Paket von sechseinhalb Milliarden Dollar für Drohnen aller Art ein, den die KMT abermals ablehnte. Sie will, dass Taiwan die Geräte aus dem regulären Rüstungshaushalt finanziert. Auch soll es nach der KMT eine jährliche Ausgabengrenze von gut einer Milliarde Euro für Drohnen geben. Die Oppositionspartei dringt auf Haushaltsdisziplin. Nicht alle, aber einige in der KMT-Führung unterstützen ebenfalls den Ausbau der eigenen Drohnenindustrie.Taiwans Präsident Lai bei einer Militärübung im Dezember im Landkreis YilanAFPPräsident Lai drängt zur Eile: „Angesichts der Veränderungen in der geopolitischen Lage und der Entwicklung moderner Kriegsführung ist der Aufbau asymmetrischer Kampffähigkeiten ein nationales Verteidigungsprojekt, das einem Wettlauf gegen die Zeit gleicht.“Wie zentral dabei Drohnen sind, haben Taiwans Militärplaner im ukrainischen Abwehrkampf beobachtet, im von Drohnen geprägten Krieg um Nagornyj Karabach und jüngst im Persischen Golf. In allen Fällen fügten Drohnenangriffe dem vermeintlich überlegenen Gegner schweren Schaden zu. Ein großer Teil der Drohnen, die Kiew erfolgreich gegen Russland einsetzt, wird in der Ukraine hergestellt. Insbesondere die Marinen Russlands und der USA zeigten sich verwundbar gegen Drohnen.Dass es sich bei Taiwan um eine technologisch und wirtschaftlich weit fortgeschrittenere Macht als die Ukraine oder Iran handelt, steigert den Optimismus in Taipeh, ebenfalls erfolgreich unbemannte Systeme entwickeln zu können. Überdies waren es vor vier Jahrzehnten Unternehmer aus Taiwan, die in der Volksrepublik mit der Fertigung von Elektronikteilen mit die Grundlagen für das dortige Tech-Ökosystem für Drohnen schufen. Taiwan sieht sich in der Lage, das auch selbst hinzubekommen. Probleme werden weniger in der Fähigkeit als im Willen in Teilen der Bevölkerung und der Opposition gesehen. Doch es geht voran.Gerade einigten sich Taiwan und die USA auf die gemeinsame Produktion der in Taiwan entwickelten Drohne Chien Feng 1, die sich für Schwarmangriffe auch von schnell fahrenden Schiffen starten lässt. Nicht zufällig trägt sie ihren Namen: Chien Feng bedeutet kräftige Hornisse.
Operation Hornissennest: Taiwans Drohnenstrategie gegen China
Taiwan will mit Schwärmen von Drohnen Peking abschrecken. Gleichzeitig entsteht eine Alternative zu Chinas Drohnenexporten: Taiwans Ausfuhren steigen rasant.







