Krithi Karanth, Preisträgerin des «2026 Rolex National Geographic Explorer of the Year Award». Alisha Vasudev/National Geographic In Indien teilen sich die Menschen den Lebensraum mit Tigern und Elefanten. Die renommierte Forscherin und Wildbiologin Krithi Karanth spricht im Interview darüber, wie ein Zusammenleben von Menschen und gefährlichen Wildtieren funktionieren kann – getragen von einer tief verwurzelten Empathie der Bevölkerung.Frau Karanth, Sie setzen sich seit Jahren für eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Tier ein. Warum kommt es in Indien so oft zu Konflikten zwischen den beiden Spezies?Krithi K. Karanth: Die Lebensräume der Tiere werden immer stärker eingeschränkt, was die täglichen Berührungspunkte erhöht. Ein konkretes Beispiel: Eine Elefantenherde nutzt seit Generationen dieselbe Migrationsroute. Heute steht dort das Feld eines Bauern. Wenn die Elefanten kommen, fressen sie die Zuckerrohre oder Reispflanzen, was man ihnen nicht verübeln kann. Doch für den Bauern, der sechs Monate für diese Ernte gearbeitet hat, bedeutet es den Verlust seiner Existenzgrundlage.Welche Lösungen bietet Ihre Organisation in einer solchen Situation den Bauern an?Wir haben verschiedene Programme. Das älteste ist «Wild Seve», eine gebührenfreie Notrufnummer, die wir 2011 eingeführt haben. Wenn ein Schaden entsteht, kommt unser Team, nimmt den Vorfall auf und hilft, staatliche Entschädigungen zu beantragen. Das deckt zwar nicht 100 Prozent des Schadens, fängt die Bauern aber wirtschaftlich auf, damit sie nicht in die Armut stürzen. Früher dauerte dieses Verfahren sechs Monate, wir haben es auf unter zwei Monate verkürzt.Für Ihre unermüdliche und wertvolle Arbeit haben Sie über 50 internationale Auszeichnungen erhalten und wurden dieses Jahr mit dem renommierten «Rolex National Geographic Explorer of the Year»-Award gekürt. Wie hilft Ihnen dieser Preis?Diese Auszeichnung bedeutet mir und meiner Organisation, dem Center for Wildlife Studies, unglaublich viel. Es ist eine globale Anerkennung für unseren langjährigen Einsatz für Mensch und Umwelt.Museum of Exploration in Washington, D. C. Nach umfassender Renovation wiedereröffnet Der historische Hauptsitz der National Geographic Society in Washington, D. C. in den USA (kurz «Base Camp» genannt) wurde während vier Jahren umfassend renoviert. Am 26. Juli 2026 feierte das Camp seine offizielle Wiedereröffnung. Als Gründungspartner des Base Camp hat Rolex massgeblich zu diesem Meilenstein beigetragen. Herzstück ist das neu konzipierte Museum of Exploration, das auf rund 9’300 Quadratmetern die Geschichte von fast 140 Jahren Forschungsarbeit erzählt. Im zweiten Stock ist die permanente Ausstellung Rolex Explorers Landing zu sehen. Diese entstand im Rahmen der über 70-jährigen Partnerschaft zwischen National Geographic und Rolex. Mit der Auszeichnung Rolex National Geographic Explorer of the Year werden Persönlichkeiten geehrt, die sich für Mensch, Natur und Umwelt einsetzen und mit ihrer wertvollen Arbeit zu nachhaltigem Handeln inspirieren. Beziehen sich Ihre Projekte ausschliesslich auf Indien?Der Fokus ist auf Indien gerichtet, aber wir sind weltweit tätig. Denn die Herausforderung, wie Menschen und Wildtiere koexistieren können, betrifft uns alle. Es geht um Elefanten, Nashörner, Tiger und Löwen in Asien und Afrika, aber auch um Wölfe und Bären in Europa und Nordamerika.Wenn Sie von Konflikten zwischen Mensch und Tier sprechen, was meinen Sie damit konkret?Wirtschaftliche Schäden, aber auch Gefahr für Leib und Leben: Es kommt immer wieder zu gefährlichen Begegnungen, etwa wenn jemand abends auf dem Heimweg einem Bären oder Elefanten begegnet. Aus Panik passieren Fehler und es werden Menschen verletzt oder getötet. Ein anderes Problem stellen Raubtiere dar: Leoparden und Tiger holen sich Vieh wie Ziegen, Schafe oder Kühe, wenn diese nicht ausreichend geschützt sind.Setzen Sie auch bei der jüngeren Generation an?Genau, mit unserem Programm «Wild Shaale» gehen wir gezielt in die Schulen der betroffenen Dörfer. Wir vermitteln den Kindern auf spielerische Weise durch Kunst, Geschichten oder Filme, warum Wildtiere wichtig sind. Wir zeigen ihnen zum Beispiel, dass Elefanten schwimmen können – das wissen viele gar nicht. Und wir bringen ihnen grundlegende Verhaltensregeln bei: wie sie sich verhalten sollen, wenn sie auf dem Schulweg einem Wildtier begegnen, oder dass sie nachts nicht allein unterwegs sein sollten. Ein ähnliches Programm namens Wild Surakshe richtet sich an das lokale Gesundheitspersonal sowie an die Forstmitarbeiter. Mit ihrem Projekt «Wild Shaale» vermittelt Krithi Karanth Kindern, warum Wildtiere wichtig sind und wie sie sich verhalten sollen, wenn ihnen ein Tiger oder Elefant über den Weg läuft. Alisha Vasudev/National Geographic Sie gelten damit als eine Art Anwältin für beide Seiten – Mensch und Tier. Was treibt Sie persönlich an?Ich hatte eine wunderbare, sehr naturverbundene Kindheit. Mein Vater ist ein bekannter Tigerbiologe und Naturschützer. Er hat mich schon als Zweijährige mit in den Dschungel genommen. Die ersten 17 Jahre meines Lebens habe ich sozusagen damit verbracht, Tiere zu beobachten. Als ich später meine eigene wissenschaftliche Laufbahn einschlug und nach meiner Promotion nach Indien zurückkehrte, wurde mir schnell klar: Reine Forschung reicht nicht aus. Wir müssen die Wissenschaft nutzen, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern – nur dann verbessern sich auch die Bedingungen für die Tiere.Wofür sind Sie Ihren Eltern besonders dankbar?Mein Vater hat mir vorgelebt, niemals mit dem Lernen aufzuhören; er ist über 70 und brennt noch immer vor Wissensdurst. Von ihm habe ich die tiefe Faszination für die Natur geerbt. Meine Mutter wiederum hat mich zu einer starken, unabhängigen Frau erzogen. Ich bin ihnen dankbar für dieses Fundament aus unerschöpflicher Neugier und innerer Stärke – Eigenschaften, die mir heute dabei helfen, den Weg für die nächste Generation von Frauen im Naturschutz zu ebnen.2026 Rolex National Geographic Explorer of the Year Krithi Karanth Die gebürtige Inderin Krithi Karanth (47) studierte Umweltwissenschaften und Biologie in den USA an der University of Florida, der Yale University und der Duke University. 2008 kehrte sie nach Indien zurück. Als Leiterin des Center for Wildlife Studies widmet sie sich der Konfliktreduktion zwischen Mensch und Natur. Für ihre Arbeit und ihr Engagement hat die Forscherin zahlreiche Auszeichnungen erhalten und wurde mit dem prestigeträchtigen «2026 Rolex National Geographic Explorer of the Year Award» ausgezeichnet. Mark Thiessen/National Geographic Müssen sich Frauen doppelt anstrengen, um in der Wissenschaft ernst- und wahrgenommen zu werden?Wir leben im Jahr 2026, und immer noch stossen Frauen in der Wissenschaft und im Naturschutz auf viele Barrieren und Hindernisse. Ich sehe es als meine Pflicht, diese Barrieren abzubauen und nachfolgende Frauengenerationen zu unterstützen.Sie haben Tausende Familien interviewt, die Ernteschäden oder Angriffe durch Wildtiere erlebt haben. Was hat Sie psychologisch mehr überrascht: Die berechtigte Wut der Menschen oder ihre unerwartete Toleranz gegenüber der Natur?Die Empathie und das Mitgefühl der Menschen in Indien sind aussergewöhnlich. Ich habe von so vielen verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Dörfern immer wieder denselben Satz gehört: «Diese Tiere haben das gleiche Recht zu leben wie wir.» Das ist tief in unserer Kultur und Religion verwurzelt. Selbst wenn Menschen durch Wildtiere ihre Existenz oder ihr Vieh verlieren, ist die Bereitschaft zur Vergeltung gering. Diese Haltung ist unser grösstes Kapital, das wir auch an die nächsten Generationen weitergeben müssen.Hatten Sie selbst schon einmal eine lebensbedrohliche Begegnung mit einem Tier?Während der Feldarbeit wurde ich dreimal von Elefanten gejagt. Aber als Wildbiologin weiss man, dass solche Risiken bestehen und muss stets wachsam und reaktionsbereit sein. Ich hatte aber auch wunderschöne Momente mit Tieren in der Wildnis. Einmal bin ich, als ich zu Fuss unterwegs war, einem Tiger über den Weg gelaufen. Er schaute mich kurz an und zog friedlich weiter. Nichts kommt an das Gefühl heran, einem solchen Tier auf Augenhöhe zu begegnen – das ist in einem Jeep so nicht möglich. Indien beherbergt die weltweit grösste Tiger-Population in freier Wildbahn. Prakash Ramakrishna Apropos Jeep: Safaris werden immer populärer. Was halten Sie von diesem Tourismusboom?Der Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert. In Indien konzentriert sich der Safari-Tourismus auf den Tiger, wodurch die Tiere in den Touristenzonen stark an den Menschen gewöhnt sind. Der grosse Wert des Tourismus liegt darin, dass Menschen ein Tier überhaupt in freier Wildbahn erleben können. Das weckt ein Bewusstsein, das ein Zoo nicht vermitteln kann. Problematisch wird es, wenn Fotografen auf Instagram nur dem besten Bild hinterherjagen, sich aber nicht für den Park, die lokalen Gemeinschaften oder das Tier an sich interessieren.Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was ist Ihr nächstes grosses Ziel?Wir wollen unsere wissenschaftliche und naturschützerische Arbeit in den nächsten Jahren auf insgesamt 100 Nationalparks in Indien ausweiten. Gleichzeitig müssen wir den Fächer öffnen: Es geht nicht nur um den Schutz von Wäldern, sondern auch um vernachlässigte Ökosysteme wie Grasländer und Feuchtgebiete.Verlagsserie «Zeit fürs Klima» Mit ihrer Perpetual Planet Initiative hat sich Rolex langfristig verpflichtet, Persönlichkeiten sowie Organisationen in ihrem Bestreben zu fördern, die Umwelt zu schützen und die Wissenschaft zu nutzen, um die heutigen ökologischen Herausforderungen zu verstehen und Lösungen dafür zu finden. Um dieses nachhaltige Engagement in der Deutschschweizer Öffentlichkeit noch sichtbarer zu machen, bündeln das Unternehmen NZZ und die Uhrenmanufaktur Rolex seit 2024 ihre Kräfte in der Verlagsserie «Zeit fürs Klima» – sie ist nationalen und internationalen Persönlichkeiten gewidmet, die aktiv zur Erhaltung des Planeten beitragen. In der Westschweiz tut es «Le Temps» der NZZ gleich. Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab erstellt. Mehr dazu gibt es hier. Reise-Newsletter Wir schicken Ihnen die besten Artikel rund ums Reisen und Entdecken aus «NZZ Bellevue» einmal pro Woche per E-Mail.
Krithi Karanth setzt sich dafür ein, dass Mensch und Natur koexistieren können
Mensch-Tier-Konflikte in Indien: Krithi Karanth, Gewinnerin des «Rolex National Geographic Explorer of the Year»-Award über Lösungen und Empathie.







