Interview«Ein unerhörter Versuch, die Nazi-Verbrechen zu normalisieren»: der Starhistoriker Richard J. Evans über den Streit um die Einzigartigkeit des HolocaustLässt sich Auschwitz mit anderen Menschheitsverbrechen vergleichen? Vierzig Jahre nachdem sich an dieser Frage der Historikerstreit in Deutschland entzündet hat, zieht der britische Bestsellerautor Bilanz. Und ordnet auch die koloniale Gewalt ein.20.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Auslöschung aller Angehörigen einer pseudowissenschaftlich definierten Rasse als Ziel: Adolf Hitler in einer Aufnahme im Braunen Haus in München im Jahr 1935.Heinrich Hoffmann / GettySir Richard J. Evans, vor vierzig Jahren stritt die Bundesrepublik über die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen und damit auch über die eigene Identität. Der amerikanische Geschichtsprofessor Gordon A. Craig nannte es einen «Krieg der deutschen Historiker». War es so dramatisch?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Begriff «Historikerstreit» ist im Grunde irreführend. Wir Historiker streiten ja immer miteinander. So funktioniert Forschung. Aber damals erreichte diese Debatte über den Nationalsozialismus plötzlich ein breites Publikum, nicht nur in Deutschland. Sie wurde zu einer internationalen Kontroverse. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass das schlimmste Menschheitsverbrechen, nämlich der Holocaust, verhandelt wurde. Sondern auch damit, dass dieser Streit viel mit der Geopolitik im Kalten Krieg zu tun hatte.PDAlso mit der Angst des Westens vor der Sowjetunion?Der amerikanische Präsident Ronald Reagan verfolgte Anfang der 1980er Jahre eine aggressive und entschlossene Politik gegenüber der Sowjetunion, die er als «Reich des Bösen» bezeichnete. Von der Bundesrepublik unter Kanzler Helmut Kohl verlangte er mehr Selbstbewusstsein und mehr Engagement im Kampf gegen den Ostblock. Er wollte, dass die Deutschen ihr Schuldgefühl wegen Hitler ablegen, dass sie einen Schlussstrich ziehen. Gefragt war ein starkes Westdeutschland, auch militärisch. Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik formulierte es so: Es sei für die Westdeutschen an der Zeit, sich von der «Tragödie des Zeitraums von 1933 bis 1945» zu befreien und durch eine stärkere Konzentration auf die positiveren Seiten der deutschen Vergangenheit zu mehr Selbstvertrauen zu finden.Im Mai 1985, anlässlich des vierzigsten Jahrestags der bedingungslosen Kapitulation des «Dritten Reiches», reiste Reagan auf Einladung Kohls nach Bitburg, wo er auf einem Soldatenfriedhof einen Kranz niederlegte, «im Geist der Aussöhnung». Der Besuch geriet zum Fiasko.Zuvor war Bitburg nur bekannt für das Bier. Es gab Proteste, weil auf diesem Friedhof nicht nur gewöhnliche Soldaten begraben lagen, sondern auch Mitglieder der Waffen-SS. Und Reagan – der es anfänglich nicht für nötig befand, auch ein KZ zu besuchen – erklärte, dass diese Männer «ebenso Opfer des Nationalsozialismus» gewesen seien «wie die Opfer in den Konzentrationslagern». Tatsächlich wollte aber auch die Regierung Kohl die Last der deutschen Schuld leichter machen und ein positiveres Geschichtsbewusstsein fördern. Michael Stürmer, Geschichtsprofessor und historischer Berater Kohls, beklagte einen «Orientierungsverlust» und plädierte für ein neues nationales Identitätsgefühl. Das passte zu den Forderungen von rechts aussen, in den Worten des damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauss: Die Deutschen sollten sich den «gebückten Gang des schuldbeladenen Sklaven der Geschichte» abgewöhnen und «wieder den aufrechten Gang lernen».Das war der politische Rahmen, in dem der Historiker Ernst Nolte im Juni 1986 in der «FAZ» den Essay «Vergangenheit, die nicht vergehen will» schrieb, der den Streit so richtig entfachte: Mit der Zeit verlören die Ereignisse der Vergangenheit ihr «Bedrängendes» und würden zu Gegenständen der gelassenen Arbeit von Historikern – nicht aber der Nationalsozialismus. Was war die grosse Provokation?Na ja, Nolte war ein respektierter Geschichtsprofessor, der mit dem Buch «Der Faschismus in seiner Epoche» sogar international Anerkennung gefunden hatte. Und nun behauptete er, die allgemein akzeptierte Betonung der Einzigartigkeit von Hitlers «Endlösung» stehe der Entwicklung des westdeutschen nationalen Selbstbewusstseins unnötig im Weg. Denn Auschwitz sei keineswegs einzigartig. Und der Nationalsozialismus im Grunde nur eine Reaktion auf die Greuel des Bolschewismus. Es war ein unerhörter Versuch der Normalisierung der Nazi-Verbrechen.Nolte fragte rhetorisch: «War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten?»Genau. Und seine Beweisführung war absolut schwach. Viele der vorgebrachten Argumente fand ich fadenscheinig – oder sie basierten schlicht auf der Verfälschung der Vergangenheit. Es ist zum Beispiel eindeutig, dass Hitlers Antisemitismus seinem Antibolschewismus vorausging. Die Nationalsozialisten glaubten fanatisch, dass sich Juden auf der ganzen Welt verschworen hätten, um Deutschland und die westliche Zivilisation zu zerstören. Das unterscheidet dieses Regime grundlegend von den Bolschewiki, die alles auf Klasse und nicht auf Rasse reduzierten. Dazu kamen Thesen, die direkt aus der NS-Propaganda abgeleitet waren, etwa jene, dass der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 ein Präventivkrieg gewesen sei.«War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz?», schrieb der Historiker Ernst Nolte: Zwangsarbeiter in der Sowjetunion beim Bau des Belomorkanals um 1930.Laski / Hulton Archive / GettyAber der historische Vergleich ist doch wichtig, gerade um diese totalitären Systeme zu verstehen.Natürlich. Der historische Vergleich ist zentral, aber er umfasst neben der Benennung der Gemeinsamkeiten immer auch die Erwähnung der Unterschiede, sonst verliert er seine analytische Kraft. Nolte hat sich viel zu stark auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Gemeinsamkeiten fokussiert. Immerhin hat im Historikerstreit niemand ernsthaft die Bösartigkeit des nationalsozialistischen Antisemitismus bestritten. Doch die Ansichten, wie es dazu kam, gingen weit auseinander.Es führt keine direkte Linie vom Gulag zu Auschwitz.Nein. Natürlich war der Gulag, dieses sowjetische Lagersystem, grausam und in vielen Fällen mörderisch. Die Sterblichkeitsraten waren hoch, die Häftlinge wurden sehr schlecht behandelt, und in vielen Fällen starben sie an den Folgen von Misshandlung, Unterernährung, Krankheiten. Aber er war nicht darauf ausgelegt, gezielt Menschen einer bestimmten «Rasse» zu vernichten, wie es in Auschwitz der Fall war.Interessanterweise war dann der grosse intellektuelle Gegenspieler von Nolte mit Jürgen Habermas kein Historiker, sondern ein Philosoph. In der «Zeit» veröffentlichte er unter dem Titel «Eine Art Schadensabwicklung» eine scharfe Kritik an den «apologetischen Tendenzen in der Zeitgeschichtsschreibung». Verpolitisierte seine Intervention die Debatte noch mehr?Habermas’ Einmischung katalysierte die Debatte. Öffentlichkeitswirksam denunzierte er Nolte und geistesverwandte Historiker, die die deutsche Vergangenheit relativieren oder normalisieren wollten: «Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, dass sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation.» Das sass. Liberale und sozialdemokratische Historiker inszenierten eine vehemente Verteidigung dessen, was in den sechziger und siebziger Jahren erinnerungskulturell erreicht worden war.Nach jahrelangen intellektuellen Kontroversen war der Streit dann aber 1989 plötzlich zu Ende.Geschichtswissenschaftlich war die Sache letztlich ziemlich eindeutig. Und dann kam die Wiedervereinigung. Und es war auf einen Schlag ohnehin obsolet, das Selbstbewusstsein der Westdeutschen mit einem positiveren Geschichtsbild zu stärken, um gegen die Bedrohung aus dem Osten gewappnet zu sein. Übrigens sagte ich noch kurz vor dem Mauerfall, dass zu meinen Lebzeiten die Wiedervereinigung nicht geschehen werde. So viel zur Prognostik von Historikern. Immerhin hatte auch ein Helmut Schmidt zur gleichen Zeit das Gleiche gesagt.Vor wenigen Jahren ist die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland plötzlich wieder in die Kritik geraten. Was als Errungenschaft galt, soll nun ein den Deutschen aufgezwungener «Katechismus» sein, über dessen Einhaltung «Hohepriester» wachen, wie es der Genozidforscher Dirk Moses formulierte. Dadurch würden andere historische Verbrechen ausgeblendet, insbesondere jene des Kolonialismus. Ist Moses’ Argument zutreffend?Nein. Es ist zwar eine Tatsache, dass die Verbrechen während des Kolonialismus erst seit einigen Jahrzehnten ein grosses Thema sind. Auch wenn etwa der Historiker Helmut Bley bereits Ende der 1960er Jahre eine seriöse Studie über den Genozid an den Herero publizierte. Aber erinnerungspolitisch ist längst einiges in Bewegung, die Verbrechen zum Beispiel im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika anerkannt. Die postkoloniale Kritik zielt mit dem Katechismusvorwurf am Problem vorbei.Nun wird die Singularität des Holocaust nicht mehr von rechts in Zweifel gezogen, sondern von links.Man kann in der kolonialen Gewalt Vorläufer der NS-Verbrechen im Osten sehen, als sogenannte slawische Untermenschen aus dem Weg geräumt werden mussten, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Sie wurden als Zwangsarbeiter unterdrückt, ausgebeutet und getötet. Die deportierten Juden hingegen sind aus einem einzigen Grund ermordet worden: weil sie Juden waren. Es ist die Auslöschung aller Angehörigen einer pseudowissenschaftlich definierten Rasse. Das ist der entscheidende Unterschied. Auch wenn es für die Opfer letztlich unerheblich war, weshalb sie erschossen oder in eine Gaskammer geführt wurden.«Die deportierten Juden sind aus einem einzigen Grund ermordet worden. Weil sie Juden waren»: Ankunft eines Zugs im Konzentrationslager Auschwitz.ImagoWie erklären Sie sich die Vehemenz, mit der die Debatte geführt wird? Geht es vor allem um politischen Aktivismus?Es gibt einen Zusammenhang mit der Kampagne für Entschädigungen für die ehemals Kolonisierten, insbesondere weil die Holocaust-Überlebenden entschädigt wurden, wenn auch alles andere als grosszügig. In diesem Sinne hat die Debatte eine politische Dimension. Es geht auch um die Restitution von geraubten Kulturgütern. Ich bin in einer britischen Kommission, die sich um solche Fragen kümmert. Wir haben alle unsere Leichen im Keller. Und es ist wichtig, dass wir offen über diese Themen diskutieren. Auch weil Völkermord, wie wir im Falle Bosniens oder Rwandas gesehen haben, leider weiterhin eine Tatsache ist. Wir müssen verstehen, wie das passieren konnte, damit es nicht wieder passiert. Dafür muss man aber nicht die Singularität des Holocaust anzweifeln.Geht es im Fall Deutschlands nicht auch darum, die Unterstützung für Israel infrage zu stellen, die ja wegen der singulären NS-Verbrechen deutsche Staatsräson ist?Das sehe ich nicht. Das Problem ist eher, dass Kritik an der israelischen Regierung nicht dasselbe ist wie eine antisemitische Verschwörungstheorie. Aber nur allzu leicht in eine solche übergeht.Nach Umfragen ist die AfD heute die wählerstärkste Partei Deutschlands. Björn Höcke fordert eine «erinnerungspolitische Kehrtwende um 180 Grad» und bezeichnet das Holocaust-Mahnmal als «Denkmal der Schande». Zeichnet sich bei den Deutschen eine revisionistische Neubewertung von Krieg und Holocaust ab?Das ist besorgniserregend. Aber es ist zum Glück die einzige Partei in Deutschland, die so etwas fordert. Gleichzeitig glaubt doch niemand ernsthaft, dass nun die Nazis zurückkommen und wieder Juden umbringen würden. Ich halte die deutsche Erinnerungskultur für sehr wichtig, da sie das Gefühl historischer Verantwortung und darüber hinaus Menschlichkeit, Demokratie und das Bewusstsein für Rassendiskriminierung in den Mittelpunkt der politischen Kultur einer Nation stellt. Und sie ist breit verankert.Was ist die wichtigste Lektion aus dem Historikerstreit?Wir Historiker müssen uns bewusst sein, dass es bei unserer Arbeit darum geht, die Vergangenheit zu verstehen und zu erklären, und nicht darum, über sie ein moralisches Urteil zu fällen. Wenn man sich von politischen Wünschen und Überlegungen leiten lässt, deutet man die Quellen allzu oft so, dass sie den eigenen Vorstellungen entsprechen – und das ist der Tod einer wirklich ernsthaften Geschichtswissenschaft.Von der Queen geadeltRichard J. Evans ist einer der bedeutendsten Historiker der Gegenwart. Der Brite lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Cambridge. Seine Publikationen zur deutschen Geschichte waren bahnbrechend, nicht zuletzt jene zum Nationalsozialismus, etwa die dreibändige Geschichte des «Dritten Reichs». Für Aufsehen sorgte er auch als Fachgutachter im Gerichtsprozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving. Im Buch «Hitler’s Shadow» zog er 1989 eine kritische Bilanz des Historikerstreits und der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Für seine Verdienste wurde Evans 2012 von Queen Elizabeth II. zum Ritter ernannt. Der 78-Jährige ist Mitglied des Advisory Board der NZZ Academy.Passend zum Artikel
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