Japan reformiert die Thronfolge – eine Kaiserin soll es weiterhin nicht gebenErstmals seit 1947 hat Japans Parlament das Kaiserhausgesetz geändert, um das Überleben der Monarchie zu sichern. Die beliebte Prinzessin Aiko darf nicht auf den Thron. Stattdessen soll die kaiserliche Familie durch Adoptionen erweitert werden.Martin Koelling, Tokio20.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenÜberlebt die japanische Monarchie? Kaiser Naruhito (links) hat nur drei potenzielle männliche Nachfolger. Seine Tochter Aiko (rechts) kommt weiterhin nicht infrage.ImagoNach mehr als zwanzig Jahren Debatte hat Japans Parlament am vergangenen Freitag das Kaiserhausgesetz revidiert – zum ersten Mal seit 1947. Künftig können unverheiratete männliche Nachkommen aus ehemaligen kaiserlichen Familien per Adoption in das Kaiserhaus zurückkehren. Über eine weibliche Thronfolge wurde dagegen nicht entschieden. Beschlossen wurde nur, dass Frauen künftig auch nach einer Heirat Mitglied der Kaiserfamilie bleiben dürfen und nicht mehr in den bürgerlichen Stand wechseln müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit der Reform will die Politik die seit Jahrzehnten schwelende Nachfolgekrise in der angeblich ältesten Erbmonarchie der Welt entschärfen. Der amtierende 66-jährige Kaiser Naruhito hat nur noch drei potenzielle männliche Nachfolger: seinen 90-jährigen Onkel Prinz Hitachi, seinen 60-jährigen Bruder Prinz Akishino und dessen 19-jährigen Sohn Hisahito.Der Fortbestand der Dynastie, die der Überlieferung nach auf den mythischen Kaiser Jimmu im siebten Jahrhundert vor Christus zurückgeht, hing bislang allein davon ab, ob Hisahito nach einer Heirat einen männlichen Nachkommen zeugen kann. Die Tochter des Kaiserpaares, die 24-jährige Prinzessin Aiko, ist auch nach der Revision wie bisher von der Thronfolge ausgeschlossen – obwohl sie in der Bevölkerung überaus beliebt ist.Sie ist jung, modern und überaus beliebt: die 24-jährige Prinzessin Aiko, die Tochter des Kaiserpaars.Franck Robichon / PoolDer Kaiser als Bindeglied zu den GötternFür viele Japaner ist das eine existenzielle nationale Frage. Politische Macht besitzt der Kaiser zwar nicht, doch allein durch sein Dasein bildet er einen wichtigen gesellschaftlichen und moralischen Fixpunkt. Er verbindet die moderne japanische Gesellschaft spirituell mit der Sonnengöttin Amaterasu, der Stammmutter des Kaiserhauses, und mit dem Shinto, der Urreligion Japans.Der Legende nach war der erste Kaiser, Jimmu, ein Urenkel der Sonnengöttin. Bis heute wirken seine Nachfolger als oberste Shinto-Priester. Durch Riten soll der Tenno, so der japanische Name des Kaisers, die Harmonie auf der Welt wahren.Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Monarch sogar göttergleichen Status. Das änderte sich nach der japanischen Niederlage: Die siegreichen USA erlaubten Kaiser Hirohito zwar, im Amt zu bleiben, doch die überwiegend von amerikanischen Beamten verfasste Verfassung reduzierte ihn in Artikel 1 auf das «Symbol des Staates und der Einheit des Volkes».Am 2. September 1945 unterschreibt der damalige japanische Aussenminister Mamoru Shigemitsu auf der USS «Missouri» die bedingungslose Kapitulation Japans.APDennoch nehmen Kaiser bis heute in seltenen Fällen indirekt politischen Einfluss – über Auftritte und Reden. Unvergessen ist der erste Fernsehauftritt von Kaiser Akihito, dem Vater des heutigen Herrschers, mit dem er im Jahr 2011 die Nation überraschte. Nachdem eine Katastrophen-Trias aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall das Land erschüttert hatte, appellierte er an die Bevölkerung, zusammenzuhalten, Anteil zu nehmen und durchzuhalten.Historische Präzedenzfälle für eine KaiserinOb die nun vom Oberhaus beschlossene Reform die Institution des Kaisertums zukunftssicher macht, ist umstritten. Kritiker stören sich vor allem daran, dass eine Kaiserin und eine weibliche Erblinie weiterhin ausgeschlossen bleiben. Der linke Journalist und Kommentator Masazumi Yugari sagt: «Die Debatten haben sich von der öffentlichen Meinung gelöst.» Sie seien anachronistisch.Sein Beleg: In jüngsten Umfragen befürworten zwischen 60 und 83 Prozent der Bevölkerung eine weibliche Thronfolge. Historische Präzedenzfälle gibt es durchaus. Acht Regentinnen zählt die Geschichte des Kaiserhauses: sechs in der Frühzeit, zwei im 17. und 18. Jahrhundert. Allerdings amtierten die beiden letzten Kaiserinnen nur als Statthalterinnen für später nachfolgende männliche Verwandte. Doch erst die Modernisierer Japans im 19. Jahrhundert legten die männliche Erblinie gesetzlich fest.Adoption statt Thronfolge für FrauenDer in den vergangenen Monaten erarbeitete parlamentarische «Konsens» klammert die Frage der Thronfolge jedoch aus. Stattdessen setzte die Mehrheit der konservativen Parteien – allen voran die regierende Liberaldemokratische Partei unter Ministerpräsidentin Sanae Takaichi – auf die Erweiterung der Kaiserfamilie durch Adoption.Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi begrüsst die Revision des Kaiserhausgesetzes.Eugene Hoshiko / APEin Problem: Direkt löst das die Erbfolgekrise nicht. Infrage kommen Söhne der elf alten Fürstenhäuser, die 1947 gesetzlich abgeschafft wurden. Adoptivsöhne müssen mindestens 15 Jahre alt und unverheiratet sein – und selbst dann sind nicht sie, sondern erst ihre Kinder zur Thronfolge berechtigt. Zudem gibt es für dieses Modell in der Bevölkerung keine Mehrheit.Die linken Oppositionsparteien stimmten deshalb gegen die Revision. Die Regierungschefin Takaichi zeigte sich dennoch zufrieden. Sie sei «zutiefst dankbar für die Verabschiedung des Gesetzes», sagte sie am Freitag. Zudem versprach sie, der Öffentlichkeit das Ziel des Gesetzes – eine sichere Erbfolge – zu erläutern, um deren «volles Verständnis» zu gewinnen. In Japan ist das die übliche Formel, wenn eine Regierung weiss, dass eine Initiative keine Mehrheit findet.Passend zum Artikel