SZ-Magazin: In einer Studie der Uni Berkeley wurden Paare im Abstand von neun Monaten befragt. In diesem Zeitraum nahm die Wertschätzung zwischen den Paaren signifikant ab. Nimmt man die Menschen um sich herum wirklich mit der Zeit für selbstverständlich?Stella Kümmerle: Wir schauen oft auf den Kontrast zwischen dem, wie es am Anfang war, und dem, wie es nach zehn, 20 oder 30 Jahren ist. Am Anfang haben wir uns glücklich gefühlt – aber wie sehr hing das mit Wertschätzung zusammen? Oft spielen Idealisierung, Projektion und Hoffnung eine viel größere Rolle. Wenn ich jemanden kennenlerne und mich verliebe, bin ich erstmal hellauf begeistert. Aber selten liegt das an ehrlicher, tragfähiger Wertschätzung, die mir der Partner oder die Partnerin entgegenbringt, sondern eher an Begehren und Leidenschaft. Ehrliche Wertschätzung kann erst mit einem Reality-Check entstehen – also in dem Moment, in dem meine Beziehung Normalität wird. Raus aus dem Dopaminrausch hin zur Gewohnheit, von Verliebtheit zur Liebe. Wenn klar wird: Wie unterstützt mich meine Partnerin oder mein Partner? Wie verhält sich die Person in Krisen? Wie viel Verantwortung übernimmt er oder sie? Dann erst sehe ich den Kern des Charakters und kann wirkliche Wertschätzung aufbauen.