Das ist schon bemerkenswert bei den Nibelungen-Festspielen in Worms: Seit 2002 arbeiten sie sich am deutschen Mythen-Urstoff ab, erst an Friedrich Hebbels Original, dann wurden Dichter und Denker mit immer neuen Varianten beauftragt. Moritz Rinke und Joshua Sobol, Albert Ostermaier schrieb gleich eine Trilogie, Ferdinand Schmalz die „Hildensaga“, jedes Jahr eine Uraufführung. Zuletzt „See aus Asche“ von Roland Schimmelpfennig, eine episch-dramatische Tiefenbohrung. Und dieses Jahr? Gibt es „Die Hunnenkönigin“ und das Grübeln hat Pause.Die Eröffnung ist der jährliche Höhepunkt für die Region. Gordon Schnieder, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ist da, viele andere Politiker, auch Boris Pistorius, der Bundesverteidigungsminister. Im Nibelungenstoff geht es viel um Krieg, vielleicht will er sich informieren. Auf jeden Fall, und das ist das Herrliche, feiert hier die Politik die Bedeutung der Kunst, es gibt andere Landeschefs, die davon lernen könnten, lieber aber verzweifelt Wege suchen, sich von Aufführungen, etwa in Bayreuth, fernhalten zu können.Am Ende gehen die Nibelungen unter, nicht auf Etzels Burg, sondern am Rhein.In diesem Jahr bleibt der Nukleus der rheinland-pfälzischen Gesellschaft unbelästigt von hochintellektuellen Deutungskapriolen. Der britische Schauspieler und Autor Oliver Lansley schrieb das Stück, er hat viel Erfahrung mit Fernsehserien, und tatsächlich wirkt sein Text so, als habe er auf Englisch eine Soap geschrieben, die unbeholfen ins Deutsche übersetzt wurde, ohne eine eigene Form zu kreieren. Worte reihen sich aneinander, ohne zueinanderzufinden. Die Geschichte hier ist Erfindung: Lansley erzählt, wie es Kriemhild bei König Etzel ergeht, an den sie ihr Bruder, König Gunther, zwecks Sicherung des Reichs verschachert hat. Kriemhild kehrt mit dem Hunnenheer zurück – und die Nibelungen (also die Burgunder) gehen unter. Neu daran: Das Gemetzel findet nicht auf Etzels Burg, sondern am Rhein statt.Lansley inszeniert zusammen mit James Seager, unter Mitwirkung der von ihnen beiden geleiteten Theatertruppe „Les Enfants Terribles“, deren französischer Name täuscht. Es ist alles sehr britisch hier, was zu Beginn die Hoffnung weckt, jetzt käme eine Monty-Python-mäßig durchgeknallte Mittelalter-Show. Es gibt Anzeichen dafür, aber nichts hebt hier ab, der Abend bleibt auf der leicht schrägen Drehbühne (Sean Turner) vor dem Wormser Dom kleben.Maria Drǎguş als Kriemhild und Aram Tafreshian als Etzel, König der Hunnen: Hier repariert sie, praktisch veranlangt, seine ausgerenkte Schulter. Imago/Star-MediaDabei gibt es Mittel zuhauf. Drei Fotostelen zeigen Heiligenfiguren (warum auch immer), später dienen die Flächen für Videozuspielungen. Rechts hinten sitzt eine Band unter Anleitung der Sängerin Alice Merton und des Gitarristen Alexander Wolfe, angezogen wie für einen Mittelalterjahrmarkt. Die Band säuselt unentwegt etwas vor sich hin, vor allem aber treten Merton und Wolfe immer wieder mit Songs hervor, auch auf die Bühne. Sie können alle Stile, Merton hat eine tolle Soul-Blues-Stimme, aber jeder einzelne Song, von Hardrockderivaten bis Schmachtzeug, wirkt wie ein Als-ob, wie uneigentliche Soundmimikry, meist irgendwie „bittersweet“. Aber: Je mehr gerade im zweiten Teil gesprochen wird, desto mehr sehnt man sich die Band herbei.Zu Beginn sitzen die Burgunder an einer langen Tafel auf der Drehbühne, links und rechts sitzen auch ein paar Zuschauer. Der Hof trägt abenteuerlich überkandidelte Kleider, die einer überdrehten Buchillustration aus dem Mittelalter entstammen könnten (Kostüme: Susan Kulkarni). Paul Marianne Furtwängler darf hier noch König Gunther ein interessantes Flirren verleihen, Jeanette Hain als Königinmutter Ute wartet indes auf ihren hochemotionalen Ausbruch, der viel später kommen wird, Heiko Raulin ist ein harter Hagen, Stratege der Macht.Salzburger Festspiele:„Ich träume von großen Stoffen“Karin Bergmann, die Interimsintendantin der Salzburger Festspiele, über die Lage nach dem Rauswurf ihres Vorgängers Markus Hinterhäuser und ihre Pläne für die kommenden Jahre.Diese erste Szene, nach der dann zwei Stunden lang Kriemhilds Leben bei den Hunnen erzählt wird, nimmt das Ende vorweg, leider passt das Verhalten der Figuren nicht dazu, sei’s drum, wichtig ist der Auftritt Kriemhilds: Blutverschmiert und mit einem blutigen Bündel in der Hand kommt Maria Drağuş die Zuschauertribüne herab. Sie ist neben Hain der obligatorische Filmstar der Produktion, hatte 2010 für ihre Rolle in „Das weiße Band“ als 15-Jährige den deutschen Filmpreis erhalten und wird mit ihrem robust jugendlichen Selbsterhaltungstrieb die Aufführung bestimmen. Kriemhild freundet sich mit Etzel (der sanfte Riese Aram Tafreshian) an, bringt den lustigen Hunnen Deutsch bei (sie sprechen ansonsten Englisch), handelt. Im blutigen Bündel ist der Kopf ihres Kindes. Sie tötete es, um dem Fortgang des Mordens von Dynastie zu Dynastie Einhalt zu gebieten.Zwischen Anfang und Ende spukt Siegfried als vollkommen nutzloser Geist herum. Die Truppe der „Enfants Terribles“ imitiert Pferde und spielt mit Puppen, tanzt folkloristisch fragwürdig als wilde Hunnenschar, und die Schauspieler kämpfen ums Überleben mit dem Text – unter einer Regie, die sie ob des restlichen Treibens offenbar vergessen hat. Dem Publikum ist’s egal, es feiert die Produktion.