Frau Resch, wie stark müssen die Arbeitskosten sinken, damit die Autoindustrie die Krise überwindet?Die müssen gar nicht sinken. Allgemein sind Standortkosten ein Problem. Dazu gehören beispielsweise Energiepreise, aber nicht die Arbeitskosten. Ein Rennen um immer niedrigere Arbeitskosten könnten wir auch nicht gewinnen, weil immer irgendwo in der Welt günstiger produziert wird als in Deutschland.Trotzdem wünscht sich die Mercedes-Führung längere Arbeitszeiten bei gleichem Gehalt, Ihr Tarifpartner vom Arbeitgeberverband Südwestmetall klagt, „vor allem“ die Arbeitskosten seien zu hoch, und Ministerpräsident Cem Özdemir hält den Standort für zu teuer.Der Druck auf die Arbeitskosten ist immens, weil auch der Druck auf das Management groß ist und die Nervosität zunimmt. Gesamtwirtschaftlich bringt es indes nichts, wenn wir bei den Arbeitskosten nachgeben.Aber die Betriebe bekommen für eine bestimmte Zeit Entlastung und überstehen die Krise besser.So kauft man sich Zeit, löst aber keine Probleme. Wir bleiben ein Hochlohnland. Und zum anderen helfen etwas geringere Kosten nicht im Umgang mit chinesischen Überkapazitäten oder US-amerikanischen Zöllen.Trotzdem: Die IG Metall hat mit betrieblichen „Zukunftstarifverträgen“, zuletzt beim Zulieferer Mahle, Kosten gesenkt und zugleich Arbeitsplätze gesichert.Auch bei Mercedes haben wir im letzten Jahr ein Paket geschnürt, inklusive Einschnitten bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Gegenwärtig sehen wir, wie begrenzt solche Pakete wirken, da es weitere Forderungen nach materiellen Einschnitten oder längeren Arbeitszeiten gibt. Damit verschaukeln uns die Arbeitgeber, weil die Probleme mit China und den USA ebenso weiterbestehen wie die weltweiten Überkapazitäten.Wie viele Abweichungen vom Tarifvertrag hat die IG Metall ermöglicht?Im vergangenen Jahr hatten wir rund 300 Fälle, 2024 waren es 250. Grundsätzlich kann man im Einzelfall die Situation im Betrieb stabilisieren, aber im Großen bekommen wir keinen Turnaround hin, um diesen Industriestandort wieder wettbewerbsfähig zu machen. Ich bleibe dabei: Lohnverzicht sichert in einem Hochlohnland keine Arbeitsplätze.Also weiter so?Nein. Ich verstehe nicht, warum Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht stärker zusammenarbeiten und ein Paket von der Politik fordern, das zum Beispiel die Probleme mit China angeht. Ferner müsste man gemeinsam an den Themen Produktivität, Massenfertigung und Innovation arbeiten – das sind die großen Themen. Nur an einem Rädchen drehen bringt uns nicht weiter. Zu den Rädchen gehören Arbeitskosten. Porsche erwägt, die Cayenne-Fertigung von Bratislava nach Leipzig zu verlegen, wenn die Kosten in Leipzig sinken. Da muss doch ein Deal möglich sein.Wir machen solche Deals, auch bei Porsche, doch die Verhandlungen laufen noch. Was wird aus dem Audi-Werk in Neckarsulm mit 15.000 Beschäftigten, das vom VW-Vorstand infrage gestellt wird?Das Werk bleibt hoffentlich bestehen, zumal dort an der Effizienz gearbeitet wurde. Die Hausaufgaben sind gemacht, doch es fehlt schlicht ein Volumenmodell.Wo soll das herkommen, wenn der VW-Konzern die Zahl der Modelle halbieren und die Kapazitäten reduzieren möchte?Da bin ich wieder beim Thema China und der EU, die uns vor Dumpingattacken schützen muss, weil die chinesischen Hersteller ihre Überproduktion in Europa loswerden wollen. Noch sind 80 Prozent der Wertschöpfung vom Auto in Europa, doch die Chinesen kommen – und sie haben uns bei Innovationen im Auto teilweise schon überholt.Um aus der Grütze herauszukommen, wäre auch die IG Metall zu einem weiteren Beitrag für einen Übergangszeitraum bereit – sofern es eine große, gemeinsame Anstrengung gäbe.Barbara Resch, Bezirksleiterin in Baden-WürttembergSie selbst räumen ein, dass alle Akteure, auch die IG Metall, das Bestehende zu lange verteidigt haben.Ja, wir haben uns alle zu lange auf den Erfolgen ausgeruht. Wir kommen aber nur raus aus dem Dilemma, wenn alle gemeinsam nach Lösungen suchen. Das fehlt mir immer noch: Wie gestalten wir den Wandel? Welche Alternativen zum Auto gibt es? Wen können wir wie qualifizieren? Um aus der Grütze herauszukommen, wäre auch die IG Metall zu einem weiteren Beitrag für einen Übergangszeitraum bereit – sofern es eine große, gemeinsame Anstrengung gäbe. Die sehe ich aber nicht.Mit einer verlängerten Arbeitszeit wäre das bei Mercedes möglich.Ich war kürzlich in Sindelfingen, wo Schichten und Arbeitszeiten aufgrund der schwachen Nachfrage reduziert werden. Eine Verlängerung der Arbeitszeit passt doch nicht als Anti-Krisenmaßnahme in die Zeit. Eine Protestaktion der IG Metall vor dem Audi-Werk in Neckarsulm. © dpa/Jennifer Kramer Rund 75.000 Arbeitsplätze sind seit 2019 in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie abgebaut worden. Dringend nötig ist ein Stimmungsumschwung, zu dem auch die IG Metall beitragen könnte.Wir engagieren uns als Treiber zum Beispiel für den Einsatz von KI, doch bei Innovationen kommen wir nicht wirklich voran. Viele Arbeitgeber wollen erstmal günstiger werden und anschließend vielleicht besser. Das ist fatal. Manche Unternehmen bemühen sich um alternative Produkte, doch das sind nur zarte Pflänzchen. Alles in allem ist die Risikobereitschaft in den Unternehmen nicht besonders hoch. Dabei wäre Baden-Württemberg prädestiniert für die industrielle Anwendung von KI, doch das Silodenken ist weitverbreitet.Ist die IG Metall inzwischen zu schwach, um einen neuen Dreh in die Standortdebatte zu bekommen?Nein, die IG Metall ist weiterhin eine starke und gefragte Organisation, doch auch vor uns macht die Demografie nicht Halt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Mitgliederentwicklung. Von der mit Südwestmetall und dem baden-württembergischen Wirtschaftsministerium initiierten „Agenda für eine starke Metall- und Elektroindustrie“ bei uns in Baden-Württemberg habe ich mir mehr erhofft, doch die Themen sind vielschichtig, es gibt unterschiedliche Akteure. Arbeitgeberverbänden fehlt oftmals die technologische Expertise, sie konzentrieren sich auf Arbeitsbedingungen und Tarife.…wie die IG Metall.Unser Auftrag ist die Gestaltung der Arbeitswelt, und das ist in der Krise sehr schwierig, weil wir eher als Verhinderer oder Blockierer wahrgenommen werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir sind diejenigen, die in den Betrieben gestalten.Wir merken schon eine Verschiebung in der Haltung unserer Leute zugunsten sicherer Arbeits- und Ausbildungsplätze.Barbara Resch über die bevorstehende TarifrundeSie werden auf Seiten der IG Metall voraussichtlich im Herbst die Tarifverhandlungen führen und das Selbstbewusstsein der stolzen baden-württembergischen IG Metall zu stabilisieren suchen. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Beschäftigungssicherung im Vordergrund stehen wird?Ja. Wir merken schon eine Verschiebung in der Haltung unserer Leute zugunsten sicherer Arbeits- und Ausbildungsplätze. Gesamtwirtschaftlich sind stabile Einkommen wichtig, das bedeutet zumindest die Sicherung der Reallöhne. In der Chemieindustrie hat sich die Gewerkschaft IG BCE auf leicht sinkende Reallöhne eingelassen, dafür stellen die Arbeitgeber 300 Euro je Mitarbeiter im Jahr für Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung bereit.Natürlich reden wir auch darüber, was machbar ist, um Arbeitsplätze abzusichern. Die Arbeitgeber werden vermutlich das Thema Differenzierung aufrufen: Was ist möglich in den Firmen, denen es gut geht? Was ist tragbar für alle und was erlauben wir in den Firmen, denen es nicht gut geht? Auf diese Fragen wollen wir im Herbst Antworten geben und einen Tarifvertrag für alle abschließen. Das klingt nicht nach Krawall.In den vergangenen Tarifrunden haben die Arbeitgeber hier im Südwesten stur die Haltung vertreten, „wir geben nichts“. Wenn es dazu wieder kommt, sind Warnstreiks unverzichtbar.Ihr Verhandlungspartner auf der Arbeitgeberseite fordert die Rückkehr zu einer Tarifpolitik, die sich an der Produktivitätssteigerung orientiert. Ist das nachvollziehbar?Ich weise nochmal auf den Dreiklang hin: Innovative Produkte, hohe Produktivität und Massenfertigung haben unsere Industrie über viele Jahrzehnte ausgemacht. Deshalb konnten wir eine gute Entgeltentwicklung erreichen, weil wir den Fortschritt in den genannten drei Punkten sozial gemacht haben. Gegenwärtig sind wir bei allen drei Themen unter Druck.Wie ist die aktuelle Produktivitätssteigerung?Die gesamtwirtschaftliche Trendproduktivität liegt bei knapp einem Prozent, in der Metall- und Elektroindustrie ist es noch weniger.Dann gibt es nicht viel zu verteilen im Herbst.Wir werden sehen. Im September beschließen wir die Tarifforderung, dann wird verhandelt. Im Oktober endet die Friedenspflicht, sodass Warnstreiks ab November möglich sind. Wenn die Arbeitgeber die Kürzungsrhetorik und Abbaupolitik überwinden und zu sicheren Arbeitsplätzen beitragen, können wir auch ohne Streiks einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten.