Kiew. Russland hat in der Nacht zu Sonntag die ukrainische Hauptstadt Kiew mit einem der schwersten ballistischen Raketenangriffe seit Beginn der Invasion 2022 überzogen. Mehr als 40 Raketen hätten die russischen Streitkräfte abgefeuert, teilten die ukrainischen Behörden mit. Mindestens ein Mensch wurde getötet, 16 weitere wurden verletzt.Das Handelsblatt konnte am Tag vor dem Angriff ein Interview mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko in seinem Büro im Rathaus führen. Der konservative Politiker berichtete, dass die Bewohner angesichts der neuen Intensität der Angriffe vorsichtiger geworden seien und den Luftalarm ernster nähmen.Auch kritisierte Klitschko die Entlassung des beliebten Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow am vergangenen Mittwoch scharf. „Ich war schockiert“, sagte er und bezeichnete die Entscheidung als „großen Fehler“ von Präsident Wolodymyr Selenskyj.Der Personalwechsel schade der Verteidigungsfähigkeit des Landes, sagte Klitschko. In Kiew und anderen Städten demonstrieren seit Mittwoch Tausende gegen die Entlassung. Auch am Wochenende gingen die Proteste weiter.Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Vitali Klitschko:Russland hat in den vergangenen Wochen seine Angriffe auf Kiew massiv verstärkt. Ausgerechnet jetzt fehlen der Ukraine Patriot-Abfangraketen, deshalb steigt die Zahl der Toten. Wie beeinflusst das die Stimmung in der Bevölkerung?Kiew hat von Anfang an viele Angriffe erlebt, weil es die Hauptstadt des Landes ist. Zuletzt hat sich die Intensität jedoch deutlich erhöht. Wir leben jetzt in einer anderen Realität. Die Russen wissen, dass wir einen Mangel an Abwehrsystemen haben. Putin will unseren Willen brechen, weiterzukämpfen. Er will die ganze Gesellschaft in eine Depression stürzen.Kiew im Fokus Ukraine meldet größten russischen Angriff mit ballistischen Raketen seit Kriegsbeginn Wie gehen die Menschen mit dieser neuen Intensität der Angriffe um?Die Menschen haben den Luftalarm in der Vergangenheit sehr oft ignoriert. Jetzt gehen sie wieder mehr in die U-Bahn und in die Schutzräume, um sicher vor den ballistischen Raketen zu sein. Sie spüren die wachsende tödliche Bedrohung, weil in unserer Stadt immer mehr Zivilisten sterben. Es ist gefährlicher geworden. Die Menschen erkennen das und achten mehr auf ihre Sicherheit als vorher. Wir sind deshalb Deutschland sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung, die humanitäre Hilfe und die Verteidigungswaffen. Ohne diese Hilfe könnten wir nicht überleben.Rolltreppen in der Metro von Kiew: Die Stadtbewohner suchen Schutz vor russischen Raketen. Foto: AFPMilitärisch läuft es für die Ukraine gerade gut. Ihre Drohnenpiloten zerstören russische Ölanlagen und Infrastruktur. Manche Beobachter sprechen schon von einem Wendepunkt im Krieg. Sehen Sie das auch so?Wir haben angefangen, die russischen Angriffe auf unsere Infrastruktur asymmetrisch zu beantworten. Die russische Bevölkerung spürt jetzt auch, was es bedeutet, im Krieg zu sein. Sie hat einen Mangel an Energie und Benzin. Die Stimmung ist nicht mehr so gut wie vor ein paar Jahren. Selbst die Russen verstehen inzwischen, dass dieser Krieg ein riesiger Fehler ist. Dieser Druck von innen auf Putin hilft uns, ihn zu zwingen, diesen Scheißkrieg zu stoppen. Vita Vitali Klitschko Vitali Klitschko gründete 2005 eine liberal-konservative Partei, die seit 2010 UDAR (ukrainisch für „Schlag“) heißt. Sie steht der CDU nahe und hat den Beobachterstatus in der Europäischen Volkspartei (EVP) in Brüssel. 2014 wurde Klitschko zum Bürgermeister von Kiew gewählt und 2020 mit absoluter Mehrheit im Amt bestätigt. Er vertritt einen proeuropäischen Kurs.Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Wladimir zählte Vitali Klitschko jahrelang zu den besten Boxern der Welt. Seinen ersten Kampf als Profiboxer bestritt der Zwei-Meter-Mann 1996 in Hamburg. 1998 wurde er Europameister im Schwergewicht, später mehrfach Weltmeister. 2013 hörte er endgültig mit dem Boxen auf.Was aber, wenn Putin auf den wachsenden innenpolitischen Druck mit einer weiteren Eskalation reagiert?Ich bin kein Wahrsager. Wir werden jedenfalls nie die russische Forderung akzeptieren, freiwillig auf Gebiete zu verzichten. Das kommt nicht infrage. Jeder, der eine solche Entscheidung treffen würde, beginge politischen Selbstmord. Und Putin wird nie akzeptieren, dass das ganze Land unser Territorium ist. Der Abstand zwischen den Wünschen der ukrainischen und der russischen Seite ist zu groß.Einen baldigen Waffenstillstand erwarten Sie also nicht?Wir, und damit meine ich jeden in der Ukraine, wollen den Scheißkrieg endlich stoppen. Aber zu welchen Bedingungen? Welche Garantien haben wir, dass ein Waffenstillstand nicht nur eine kurze Pause ist, bevor Putin wieder angreift? Sein Ziel ist es, die gesamte Ukraine zu erobern. Deshalb vertrauen wir ihm nicht. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass es bald zu einem Waffenstillstand kommt.
Ukraine: Vitali Klitschko – „Wir wollen diesen Scheißkrieg endlich beenden“
Russland hat Kiew erneut massiv mit Raketen beschossen. Der Bürgermeister erklärt im Interview, wie die Bewohner damit umgehen – und kritisiert massiv die Entlassung des Verteidigungsministers.












