Wenn es die Technik schon gegeben hätte, hätten die Romantiker in ihre Glückwunschkarten vermutlich auch Musik gepackt. Karten, die „Happy Birthday to You“ spielen, gibt es aber erst seit ein paar Jahrzehnten. Nur wenige wissen hingegen, dass Karten, an denen man ziehen oder etwas verschieben kann, zwar bis heute populär sind, aber schon zu Goethes Zeiten erfunden wurden, als vieles in Bewegung geriet.Andreas Dietzel weiß es genau. Er liebt diese Karten, die ihm von Alltagssitten, Umgangsformen und menschlichen Sehnsüchten erzählen. Er sammelt sie seit Jahren. 2025 hat der Frankfurter Rechtsanwalt, einst Deutschlandchef von Clifford Chance und seit 2023 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Freien Deutschen Hochstifts, seine Kollektion dem Deutschen Romantik-Museum geschenkt, das vom Hochstift getragen wird. In der Ausstellung „Vergnügen durch Verwandlung“ sind die Karten derzeit zu sehen.Man verschenkte sie um 1800 nicht zu Geburtstagen oder zwischendurch, sondern vor allem zu einer bestimmten Gelegenheit, dem neuen Jahr. Das habe damals viel bedeutet, sagt Dietzel, gesellschaftlich und privat: „Weihnachten hat seinerzeit noch keine Rolle gespielt.“ Es sei ein hohes religiöses Fest mit einigem Brauchtum gewesen, aber noch nicht vergleichbar mit dem, was im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts aus ihm wurde: „Als soziales Ereignis wurde es überstrahlt vom neuen Jahr.“Wenn die Romantik ins Spiel kommtUnd ausgerechnet in den Staaten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, das damals nicht gerade als historischer und modischer Trendsetter bekannt war, kam es um 1800 zur Erfindung der beweglichen Glückwunschkarten, die einige Jahrzehnte lang immer beliebter wurden, voller Scherze, Überraschungseffekte und stiller Geständnisse, eine Freude für Sender und Empfänger zugleich.So richtig Fahrt auf nahm das Klappen, Ziehen, Drehen und Schauen im Jahr 1796, praktisch gleichauf mit der literarischen Romantik. Während Denker und Dichter wie Schlegel und Novalis das Verhältnis von Vernunft und Vorstellungskraft durcheinanderwirbelten, stellten Verleger und Kunsthändler Glückwunschkarten her, die zum Jahreswechsel Abwechslung boten, einer Zeit also, zu der Amüsantes, Intimes, Freundschaftliches und Höfliches willkommen war.Dienstboten überreichten die Karten ihrer Herrschaft, Geschäftsleute versandten sie an ihre Kunden, Freunde verschickten sie unter Gleichen. Im Grunelius-Saal, dem Wechselausstellungsareal des Romantik-Museums, zeigt die Epoche mit Dietzels Hilfe daher sowohl ihre alltägliche als auch ihre humorvolle Seite.Was Rechtsanwälte und Sammler gemeinsam habenUnd das, wo die Romantik von Brentano bis Eichendorff so von geradezu heiligem Ernst geprägt zu sein scheint. Aber das Spiel mit Gewohnheiten und Konventionen gehört von Anfang an zu ihr. Friedrich Schlegels hochkompliziertes Konzept der romantischen Ironie, demzufolge das Kunstwerk immer zeigen muss, dass es ein Kunstwerk ist, veranschaulichen die trickreichen Glückwunschkarten massentauglich.Was damals neu war: Eine der Karten zeigt eine frühe Flugmaschine mit Ballon und Flügeln.Freies Deutsches Hochstift/Alexander Paul EnglertDietzel sieht neben dem spielerisch Verspielten der Karten viele weitere Verbindungspunkte zwischen literarischer Epoche und Kartenmode, vom Interesse an der „überraschenden Veränderung“ bis zur Vorliebe für „geheimnisvoll wirkende bildliche Landschaftsdarstellungen“. Rund 120 Karten aus seinem Bestand, von ihm seit Mitte der Achtzigerjahre in Antiquariaten und auf Auktionen erstanden, zeigen den Besuchern des Romantik-Museums, wie man dachte, lebte, wünschte und begehrte zwischen Ancien Régime, Französischer Revolution, napoleonischer Zeit und Restauration.Mechanismus: Zieht man am Kartonstreifen, hebt der fliegende Junge zum Gruß den Hut.Freies Deutsches Hochstift/Alexander Paul EnglertVertieft man sich wie Dietzel in die Geschichte ihrer Herstellung, verraten sie einem viel über die soziale Wirklichkeit ihrer Zeit. Angefertigt wurden die Karten als Teil von Druckbögen, die in Heimarbeit von Frauen, Kindern und Kriegsinvaliden bearbeitet wurden. Sie kolorierten sie, schnitten sie aus und montierten sie. Und das war bei manchem Mechanismus mit Kartonstreifen, Fäden und Drehscheiben gar nicht so einfach.Dass die Karten verschickt, von Dienern in anderen Häusern abgegeben oder von Hand zu Hand überreicht wurden, bis in die ersten Wochen des neuen Jahres hinein, fasziniert Dietzel ebenso wie die Frage, wer wem welche Karten zukommen ließ. „Wann immer ich etwas lese, denke ich mir: Wo kommt das her?“ Wie kam es zu etwas, wer war daran beteiligt, mit welchen Absichten? Dass im Sammler, der gern Historiker geworden wäre, auch ein Jurist steckt, ist bei solchen Fragen nicht zu übersehen.Petra Roth spielt SchicksalDer in Baden zur Welt gekommene Dietzel wuchs in Freiburg auf und studierte Jura in seiner Heimatstadt und in Genf. Da sein Vater Direktor der Deutschen Bank in Freiburg war, kam er schon früh mit Wirtschaftsthemen in Berührung: „Sie wurden beim Abendessen besprochen.“ Gedacht hatte er aber auch an ein Studium der Germanistik und träumte vom Beruf des Antiquars. Geworden ist aus ihm dann ein Wirtschaftsanwalt, was andere Interessengebiete und Fähigkeiten kombinierte.Seine Frau, die ebenso aus dem Badischen stammt wie er, arbeitete in der Finanzbranche in Frankfurt, ihr folgte er 1990 an den Main. Er ging zur Sozietät Pünder, Volhard, Weber & Axster, die sich zehn Jahre später mit Partnern aus London und den Vereinigten Staaten zu Clifford Chance zusammentat. Die Gründer Rüdiger Volhard und Dolf Weber waren seine Mentoren, „sehr anspruchsvolle“. Dietzel leitete später das Deutschlandgeschäft der Sozietät, heute gehört er nicht mehr dem Kreis der Partner an, sondern ist Of Counsel, hat also seine eigenen Mandate, unterstützt und berät.Zum passioniert ausgeübten Beruf kam in Frankfurt der Einsatz für das Freie Deutsche Hochstift, den 1859 zur Frankfurter Schillerfeier gegründeten Trägerverein des Frankfurter Goethe-Hauses und des Romantik-Museums. Schon in seinen ersten Frankfurter Jahren hatte Dietzel die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth kennengelernt. Sie fragte ihn: „So, junger Mann, was machen Sie denn jetzt für Frankfurt?“ Dietzel nahm sich ein Beispiel am Stadtoberhaupt: „Man musste sich als Mitglied der Bürgergesellschaft beweisen.“Einsatz für Goethe2003 trat er dem Verwaltungsausschuss des Hochstifts bei, dem Leitungsgremium des Vereins, das von den Mitgliedern bestimmt wird. Dem Ausschuss gehören auch Vertreter von Bund, Land und Stadt an, die den Kern-Haushalt des Hochstifts zu jeweils einem Drittel finanzieren. Zum 1. Januar 2022 übernahm Dietzel den Vorsitz des Ausschusses auf Wunsch seines langjährigen Vorgängers Carl Ludwig von Boehm-Bezing, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.Schockwerte: Überraschungen waren als Unterhaltung schon zu Goethes Zeiten beliebt: Hinter der Maske ...Freies Deutsches Hochstift/Alexander Paul EnglertHochstift-Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken hat Dietzel bei der Vollendung des im Herbst 2021 eröffneten Romantik-Museums in Rechtsfragen unterstützt: „Das nächste Projekt ist die Sanierung des Goethe-Hauses.“ Es soll bis zu Goethes 200. Todestag im Jahr 2032 von oben bis unten bei laufendem Betrieb renoviert werden. Die dafür erforderliche Spendenkampagne beginnt nach der Sommerpause. Etwas mehr Zeit hat das Finden einer Nachfolge Bohnenkamps, die nach ihrem 65. Geburtstag im Herbst 2025 noch etwas weitermacht, aber in absehbarer Zeit ausscheiden wird.... verbirgt sich eine schöne Frau, die der Empfänger der Karte durch einen Klappmechanismus zum Vorschein bringt.Freies Deutsches Hochstift/Alexander Paul EnglertAber solche Situationen liegen Dietzel. Als Leser und Sammler interessiert er sich für die gesamte Neuzeit, vor allem aber für die Jahrzehnte um 1800: „Es ist eine Umbruchzeit.“ Sein ausgeprägter Sammeltrieb bewies sich zuerst an Münzen, Briefmarken und Fossilien, mit zwölf begann er, sein Taschengeld in Freiburger Antiquariate zu tragen. Alte Bücher hatten es ihm angetan. Hinzu kamen andere Objekte aus Papier, allesamt fragil und vergänglich: Plakate, Flugblätter, Zeitungen, Einblattdrucke, Schulhefte und Andachtsbilder. Sowie die beweglichen Glückwunschkarten.Nicht immer sind die seltenen Stücke gut erhalten. Sie stammen oft aus alten Korrespondenzen, die irgendwann irgendjemand für aufhebenswert erklärt hat. Aber das heißt nicht, dass diese Karten, denen ein Ende als Spielzeug für die Kinder der Goethezeit erspart blieb, zum Zeitpunkt ihres Kaufs noch funktionstüchtig sind.Dietzel, der seine Funde häufig in Wien macht, wo das „mechanische Billett“ 1796 erfunden wurde, zahlt für eine Karte je nach Erhaltungsgrad und Seltenheit mehrere Hundert Euro. Und treibt anschließend, wie er es formuliert, seine Restauratorin zur Verzweiflung. Nur um gegenüber den Besuchern, die er durch die Ausstellung führt, freigebig zu loben, was sie alles schon gerettet und wiederhergestellt hat.Wenn der Dichter mit Karten spieltAber auch Dietzel vertieft sich immer wieder in die Feinmechanik der Epoche. Im Januar 1809 zeigt sich Goethe begeistert, als er von seiner Freundin Marianne von Eybenberg aus Prag einen Brief mit sieben beweglichen Neujahrsglückwunschkarten geschickt bekommt. Ihm gefallen die „zierlichen, nickenden, bückenden und salutierenden kleinen Geschöpfe“. Sie hätten nicht nur ihm, sondern „ganzen Gesellschaften, in denen ich sie producirt, viel Vergnügen gemacht“.Von den sieben Karten, die Goethe erwähnt, lassen sich vier von Kennern des Sammelgebiets identifizieren. Nun sind sie zu Dietzels Freude in der Frankfurter Ausstellung versammelt – eine mit einer Flugmaschine des Flugpioniers Jakob Degen, eine mit Vögeln, die Glückwünsche überbringen, in denen es um Geld, Gesundheit und Glück geht, als schreibe man nicht das Jahr 1809, sondern das Jahr 2026, eine mit einem Hausschuh und eine mit einer grüßenden jungen Dame in einem rosafarbenen Kleid.Zwei der Karten hat Dietzel zur Ausstellung beigesteuert, zwei Leihgaben kommen von seinem amerikanischen Sammlerkollegen Larry Seidman, einem Kinderarzt aus Virginia.Über die einmalige Gelegenheit, in der Ausstellung einem kleinen Alltagsaugenblick in Goethes Leben nahezukommen, ist Dietzel ebenso glücklich wie über seinen Ausflug in die Glückwunschkartenforschung für Schau und Katalog: „Mir hat es Spaß gemacht, etwas herauszufinden, das bisher übersehen wurde. Von Goethe ist doch sonst praktisch alles dokumentiert und kommentiert.“ Was einst Goethe und seine Zeit begeisterte, macht jetzt auch den Besuchern des Romantik-Museums Freude.„Vergnügen durch Verwandlung – Bewegliche Glückwunschkarten aus der Zeit der Romantik“, Deutsches Romantik-Museum, Großer Hirschgraben 25, Frankfurt, bis 6. September