Die Vorbereitungen auf die bald beginnende Bundesligasaison laufen auf Hochtouren. Es ist die Zeit, sich zu finden, Strategien zu entwickeln und Mannschaften neu aufzubauen. Gerade für das Frauenteam von Eintracht Frankfurt steht dabei noch viel Arbeit an: Der Verein musste den Abgang von acht Spielerinnen verkraften und ist derzeit dabei, fünf neue Talente in die Mannschaft zu integrieren. Eine wichtige Konstante für die Mitspielerinnen wie für das Spiel selbst ist in dieser Phase Sara Doorsoun.Die Abwehrspielerin gehört, mit einer kurzen Unterbrechung, seit 2022 zur Eintracht und genießt auf wie neben dem Platz erheblichen Rückhalt. Die 34 Jahre alte Kölnerin startete ihre Karriere im Jahr 2008 bei der SG Wattenscheid 09 und spielte in der Folge für den SC Bad Neuenahr, Turbine Potsdam und die SGS Essen. Mehrmalige Meisterin und Pokalsiegerin wurde sie beim VfL Wolfsburg. Nun beginnt ihre fünfte Saison für die Eintracht.Ausverkauf als Teil des Geschäfts?Zugleich musste sie sich auch in dieser Vorbereitung wieder von einigen – zum Teil langjährigen – Mitspielerinnen und Wegbegleiterinnen verabschieden, darunter Nicole Anyomi und zuletzt Géraldine Reuteler. Was für manchen Beobachter nach marktgetriebenem Ausverkauf, hartem Umbruch und Dauerbaustelle aussieht, ist für Doorsoun schlicht Teil des Geschäfts.Umbrüche, sagte sie im Gespräch mit der F.A.Z., gehörten zum Sport dazu, weshalb man ihnen offen begegnen solle. Neues sei erst mal nichts Schlechtes: Manche Spielerin, die lange dabei gewesen sei, habe womöglich nicht mehr die entscheidenden Impulse geben können oder für sich selbst festgestellt, dass die letzten Prozente fehlten, um das Team weiter voranzubringen. Die Neuzugänge dagegen brächten Energie mit, frische Ideen, ein paar zusätzliche Prozente von außen. „Das“, so Doorsoun, „finde ich persönlich gar nicht verkehrt.“Stets positiv: Schon beim Trainingsauftakt spricht Sara Doorsoun nur positiv über die Veränderungen im Team.Inga KlöberFür viele Spielerinnen ergebe sich schlicht der nächste Schritt, erzählt sie. Man müsse auch anerkennen, wie gut sich Einzelne entwickelt hätten und dass der Wunsch nach einer Veränderung nicht zwangsläufig etwas mit dem Verein zu tun habe: „Das ist ja eigentlich auch etwas Schönes für Frankfurt, dass wir so viele gute Spielerinnen haben, die zu Spitzenvereinen gehen können.“Die letzte Saison beendete Eintracht Frankfurt trotz Umbruch auf Platz drei in der Bundesligatabelle. Zum Team und zum Erfolg gehören für Doorsoun nicht nur die Spielerinnen auf dem Feld. Man bilde eine Einheit, die von außen nicht immer sichtbar werde. „Ich glaube, ihr hättet alle am liebsten Lotto gespielt nach der Hinrunde, dass wir es nicht mehr packen“, sagt sie und lacht. „Aber man hat gesehen, dass Eintracht Frankfurt immer in der Lage ist, Kritiker auch dann zum Schweigen zu bringen.“ Wichtig sei nun vor allem, die Neuzugänge an die Hand zu nehmen. Sie orientierten sich stark an denjenigen, die schon länger da seien. „Das bin nicht nur ich“, betont Doorsoun. Aber eben auch sie.Die Kapitänsfrage ist offenDenn die Kapitänsfrage steht weiterhin im Raum. Noch trägt Laura Freigang die Binde am Arm. Ob das so bleibt, werden die Vorbereitungen zeigen – und die Entscheidung des Deutschen Fußball-Bundes im „Fall Freigang“. Die Nationalspielerin hat drei Dopingkontrollen innerhalb von zwölf Monaten verpasst und damit gegen die geltende Antidopingrichtlinie verstoßen.Beide Stellvertreterinnen Freigangs haben den Verein verlassen: Reuteler und Elisa Senß. Auch Doorsoun selbst war vor ihrem kurzen Wechsel in die Vereinigten Staaten bereits zweite Kapitänin. Ob sie sich die Aufgabe vorstellen könne? Ihre Stellung in der Mannschaft ist ihr jedenfalls bewusst: „Ich glaube, dass ich im Team und außerhalb des Teams so ein Standing habe, dass ich nicht zwingend eine Binde an meinem Arm brauche.“Ansprechpartnerin und SprachrohrAn ihrer Rolle neben dem Platz habe sich ohnehin nichts geändert, sagt Doorsoun. Sie wolle Ansprechpartnerin sein für die etablierten wie für die neuen Spielerinnen, ein Sprachrohr, jemand, der zuhöre und helfe, unabhängig vom Thema. „Ich weiß, was ich unabhängig von meiner sportlichen Rolle neben dem Platz an ein Team geben kann. Und das versuche ich, so wie in den letzten Jahren auch, einfach zu machen.“Dass sie eine besondere Stellung im Team einnimmt, zeigt sich auch auf Social Media. Zuletzt in einem Video, unterlegt mit einem derzeit vielfach geteilten Tonschnipsel: Doorsoun bezeichnet sich darin augenzwinkernd als „Owner of this house“, als Hausherrin also, und deutet auf den Deutsche-Bank-Park.Hinter der Selbstironie steht eine Spielerin, die sich in einer bemerkenswerten Konstellation behauptet: Im November wird Doorsoun 35 Jahre alt – in einer Mannschaft, deren Durchschnitt rund ein Jahrzehnt darunter liegt. Beim Auftaktspiel ließ sie keinen Zweifel daran, dass Lust und Ehrgeiz ungebrochen sind. Doch wie behauptet sich eine Spielerin jenseits der dreißig dauerhaft in einem so jungen Kader?Doorsouns Antwort liegt in einer Ausgeglichenheit, die sie über Jahre kultiviert hat. „Ich hatte schon immer eine gute Balance zwischen Leistungssport und persönlicher Freiheit“, sagt sie. „Ich verbiete mir selten Dinge und versuche mir selbst einen Rahmen zu schaffen, in dem ich mich frei bewegen kann, gleichzeitig aber auch Leistungssportlerin bin.“ Dazu zählten Ernährung, Schlaf und ausdrücklich auch Freizeit.„Der Ehrgeiz ist nach wie vor da“: Sara Doorsoun zeigt beim Auftakttraining, dass sie noch mithalten kann.Inga KlöberEs wäre schade, erzählt Doorsoun, wenn diese Freizeit ihr fußballerisches Leben derart beeinträchtigte, dass sie auf diesem Niveau nicht mehr bestehen könne; deshalb habe sie einen Weg gefunden, sich nicht einzuschränken und dennoch auf dem Platz volle Leistung abzurufen. „Das habe ich schon damals gesagt: Sara Doorsoun ist nicht nur Profifußballerin.“Dass sie in ihrem Alter noch auf diesem Niveau spielt, sei alles andere als selbstverständlich – darüber denke sie viel nach. Solange die Freude am Training bleibe, mache sie weiter. Getragen wird das von einem Ehrgeiz, den sie selbst nicht kleinredet: „Wenn mir Menschen sagen, ich kann etwas nicht, habe ich sehr viel Freude daran, diesen Kritikern das Gegenteil zu beweisen.“ Ein weiterer Faktor sei die mentale Gesundheit. Gerade im Leistungssport, sagt sie, müsse man offen darüber sprechen können. „Ich versuche immer, viel in mich reinzuhören.“Heimweh in KalifornienIn sich hineingehört hatte Doorsoun auch, als sie sich zur Rückkehr nach Frankfurt entschloss. Heimweh, erklärt sie, sei es nicht ganz gewesen oder jedenfalls nicht in erster Linie. Ihre Entscheidung, im Sommer zuvor zu Angel City FC nach Los Angeles zu wechseln, war ihr nicht leichtgefallen: Mit 33 Jahren war sie in Frankfurt ins „Team of the Year“ gewählt worden, hatte, wie sie selbst sagt, „hier meinen besten Fußball gespielt“ und ging trotzdem. In Kalifornien plagte sie dann anfangs tatsächlich Heimweh. Ihre Hunde waren nicht dabei, die Zeitverschiebung erschwerte den Kontakt in die Heimat, und Frankfurt verfolgte sie aus der Ferne weiter.Ausschlaggebend für die Rückkehr aber war nicht die Sehnsucht, sondern etwas anderes: die Anerkennung, die ihr in der Winterpause bei einem Besuch in Frankfurt entgegenschlug. „Eine solche Art der Wertschätzung ist mir in meiner Karriere selten entgegengebracht worden“, sagt sie. Dass Frankfurt ihr so viel zurückgab, habe ihr gezeigt, dass sie in ihren dreieinhalb Jahren dort „nicht ganz so viel verkehrt gemacht“ habe. Als der Verein abermals anklopfte, war die Sache im Grunde entschieden. Es sei, sagt Doorsoun, „eine Herzensentscheidung“ gewesen.Mitte der Woche hatten die Eintracht-Frauen gegen Mainz 05, die gerade erst den Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft haben, in einem Testspiel gespielt. Doorsoun selbst spielte in der zweiten Hälfte. Das „Mini-Ziel“, wie sie erzählt, zu null zu spielen, haben sie nicht erreicht. Dafür aber sieben Tore erzielt, zwei davon von den Neuzugängen Jamilla Rankin und Danique Tolhoek. Am Ende stand es 7:2 für die Eintracht.An diesem Sonntag spielt das Team in einem weiteren Testspiel auf dem Sportgelände des SC Goldstein gegen den Zweitligaklub SC Sand. Doorsoun wird so oder so auch dabei eine tragende Rolle übernehmen.