PfadnavigationHomeICONISTEntweihtLuxusimmobilie oder Hotel? So werden verwaiste Kirchen genutztVon Anna OstrowskiStand: 08:02 UhrLesedauer: 7 MinutenDie Franz-von-Assisi-Kirche im niederländischen Heerlen wird von MVRDV und Zecc Architecten zur öffentlichen Schwimmhalle umgebaut. Titel des Projekts: „Holy Water“
Quelle: St. Francis of Assisi ChurchWeil die Zahl der Gläubigen schrumpft, werden in ganz Europa Gotteshäuser entweiht und umgewidmet – in Hotels, Buchläden, Pools oder Nachtklubs. Beeindruckende Beispiele von Berlin bis Mailand.Vier Meter hohe Kletterwände, ein Yogabereich und ein Café – das sind die Umbaupläne für die katholische St.-Andreas-Kirche in Würzburg. 2027 sollen die Tore zu Bayerns erster Kletterkirche geöffnet werden. Aktuell wird in dem denkmalgeschützten 1960er-Jahre-Bau noch gebetet, doch Ende Juli soll das pyramidenförmige Sakralgebäude profaniert werden, sprich: Das Gotteshaus wird entweiht, damit es anderweitig genutzt werden kann. Die großen Konfessionen in Deutschland leiden unter sinkenden Mitgliederzahlen. Allein im vergangenen Jahr sind rund 1,2 Millionen Menschen aus der Kirche ausgetreten oder verstorben. Da der Unterhalt der kaum genutzten und energetisch oft ineffizienten Gebäude teuer ist, verkaufen die Kirchen viele ihrer Immobilien. Diese liegen meist zentral in der Stadt oder idyllisch auf dem Land. Manche Gemeinden vermieten einen Teil ihrer Räumlichkeiten, etwa für Kunst- und Design-Ausstellungen. Seit 2015 sind laut dem Nachrichtenportal „evangelisch.de“ rund 1000 evangelische und katholische Kirchen in Deutschland verkauft, umfunktioniert oder abgerissen worden.Mit der Frage, wie man verwaiste Gotteshäuser sinnvoll nutzen kann, befasst sich die Biennale Manifesta 16 Ruhr bis zum 4. Oktober. Unter dem Motto „This is not a church“ verwandeln die teilnehmenden Künstler zwölf Nachkriegskirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum in Zentren für Kunst und Gemeinschaft. „In Deutschland werden in den kommenden fünf bis zehn Jahren 20.000 Kirchen aufgegeben“, wird Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen im Magazin „Weltkunst“ zitiert. Viele dieser Orte seien jeweils das Zentrum ihrer Nachbarschaft gewesen.Kirchen kann man wie gewöhnliche Immobilien auch online kaufen: Gerade wird eine 1934 gebaute, ehemals neuapostolische Kirche zwischen Hamburg und Berlin für 780.000 Euro angeboten. Manche dieser ehemaligen Gotteshäuser werden zu Wohngebäuden umfunktioniert. Das Düsseldorfer Architekturbüro Nidus etwa verwandelte 2025 die ehemalige Ottokirche in ein 275 Quadratmeter großes Einfamilienhaus. „Architectural Digest“ lobte das Projekt als gelungenes Beispiel, „sakrale Originaldetails mit Designs aus dem Heute zu verzahnen“. Auch das Onlineportal „Baunetz“ stellte das Haus vor und ein Leser bemängelte: „Kirchenumbauten zu Luxusgütern hinterlassen einen schalen Beigeschmack.“ Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zur „Reaktion der Bevölkerung auf die Umwidmung von Sakralbauten“ ergab, dass die Mehrheit der Deutschen eine kulturelle Nutzung (Museum, Bibliothek, Theater) bevorzugt. Lesen Sie auchWährend man hierzulande eher diesen konservativen Weg geht, ehemalige Kirchen oft in Orte für Kultur und Kunst verwandelt, aber auch als Hotels oder Restaurants nutzt, sieht man das in Belgien und den Niederlanden pragmatischer. Dort ziehen auch mal Supermärkte in profanierte Gotteshäuser. „Eine solche Umnutzung kann in Kombination mit einem Nahversorgungsangebot durchaus sinnvoll sein“, sagt die niederländische Kirchen-Immobilien-Expertin Mickey Bosschert. Allerdings sei es nicht ihre bevorzugte Art der Umwidmung, denn es gebe unzählige andere Möglichkeiten. Ein schönes Beispiel sei die kleine Pieter-Stuyvesantkerk im niederländischen Ort Peperga, die sie in ein Ferienhaus umfunktioniert hat. Hier haben Gäste das komplette ehemalige Gotteshaus für sich.Lesen Sie auchVor 35 Jahren gründete Bosschert die Immobilienfirma Reliplan und spezialisierte sich auf sakrale Gebäude, anfangs, um diese vor dem Abriss zu bewahren. Fast 1000 Kirchen hat das Unternehmen in Europa seit der Gründung verkauft, vermittelt und entwickelt. Die Niederlande sind Vorreiter in Sachen Kirchenumnutzung. Laut „katholisch.de“, dem Nachrichtenportal der katholischen Kirche, wird in den Niederlanden bereits jede fünfte Kirche nicht mehr religiös genutzt, weit mehr als in Deutschland. Die Gründe, so Mickey Bosschert: Kirche und Staat seien dort strikt getrennt, es gebe keine Kirchensteuer, und die Mitgliederzahlen seien schon in den 1970er-Jahren eingebrochen, früher als in Deutschland.Folgende Beispiele aus Europa zeigen, wie groß die Bandbreite ist.MaastrichtVon innen mit Kupferplatten verkleidet, wirkt der Eingangstunnel des „Kruisherenhotels“ in Maastricht fast futuristisch. In der Lobby angekommen, weiß man gar nicht so recht, wo man hinschauen soll. Der renommierte deutsche Lichtdesigner Ingo Maurer (1932–2019) hat den Eingangsbereich gestaltet, genau wie die neun tellerförmigen Leuchten, genannt „Big Dish“, die vom majestätischen Gewölbe hängen. Das Hotel befindet sich in einem ehemaligen spätgotischen Klosterkomplex samt Kirche aus dem 15. Jahrhundert, der bereits während der Französischen Revolution seine religiöse Funktion verlor. Mitten in der Lobby, im ehemaligen Kirchenraum, gibt es einen Einbau – das Restaurant „Spencer’s“, wo auch das Frühstück serviert wird. Beim morgendlichen Ingwershot sitzt man also in luftiger Höhe und kann das Lichtspiel der Sonne auf den jahrhundertealten Steinmauern beobachten. „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz“, sagt Meredith Stark, Kreativ-Direktorin und Mitinhaberin der Oostwegel Collection, der Luxus-Hotelgruppe, zu der auch das „Kruisherenhotel“ gehört. Der Innenraum sei als freistehende Konstruktion angelegt, um die ursprüngliche Architektur nicht zu beschädigen. Im Sommer steht nun eine Renovierung der Zimmer an, und der bekannte Gartenarchitekt Piet Oudolf, der auch die New Yorker Parkanlage High Line gestaltet hat, wird Klostergarten und Hof neu anlegen.Wenige Gehminuten entfernt gibt es ein weiteres Beispiel für eine spektakuläre sakrale Umgestaltung: In einer Dominikanerkirche aus dem 13. Jahrhundert, die seit 200 Jahren nicht mehr kirchlich genutzt wird, befindet sich seit fast 20 Jahren der Boekhandel Dominicanen. Für Torsten Woywod, Buchhändler und Autor von „In 60 Buchhandlungen durch Europa“, zählt er zu den schönsten der Welt. Zentral im Raum steht ein dreistöckiges, 18 Meter hohes, begehbares Bücherregal aus Stahl. Barocke Malereien musizierender Damen und eine Leiter in den Himmel zieren das Gewölbe.HeerlenDie niederländische Stadt Heerlen bei Aachen wird 2027 eine ganz besondere Attraktion bekommen: Holy Water heißt sie, heiliges Wasser. Die niederländischen Architekturbüros MVRDV und Zecc Architecten sind dabei, die rund hundert Jahre alte Franz-von-Assisi-Kirche, die seit 2023 leersteht, in ein Schwimmbad umzuwandeln. Damit das Wasser die Gemäuer und Malereien nicht beschädigt, wird der Poolbereich mit Glaswänden abgetrennt. Besucher sollen das Gefühl bekommen, auf Wasser gehen zu können. Wo früher der Pfarrer von der Kanzel predigte, werden dann die Rettungsschwimmer sitzen.AntwerpenDa Klöster bereits viele kleine Schlafzellen besitzen, lassen sie sich einfacher in Hotels umwandeln als Kirchen. Der belgische Architekt Vincent Van Duysen, bekannt für seinen minimalistischen Stil, hat ein ehemaliges Augustiner-Kloster in das Hotel „August“ verwandelt. Die Gäste nächtigen hier in 44 Zimmern mit Leuchten der italienischen Marke Flos und handgewebten Teppichen aus Portugal. In der benachbarten Kapelle befand sich das Zwei-Sterne-Restaurant „The Jane“, das allerdings im vergangenen Jahr in einen Neubau an anderer Stelle umgezogen ist. Heute beherbergen die Räume das Fitness- und Wellness-Studio „The Chapel“.LlaneraJahrelang stand die Kirche Santa Bárbara in Llanera an der spanischen Nordküste leer. Dann verwandelte der Künstler Okuda San Miguel das verlassene Gotteshaus per Crowdfunding-Kampagne zusammen mit der Getränkemarke Red Bull in einen kunterbunten Skatepark und bemalte die Wände mit Gesichtern und geometrischen Mustern. „Kaos Temple“ wurde die Skate-Kirche getauft, die zurzeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. MailandMit „Holy Beats“, also heiligen Beats, wirbt der Nachtklub „Gattopardo Milano“. Besonders fromm geht es in dieser ehemaligen Kirche aus dem frühen 20. Jahrhundert, die bereits in den 1970er-Jahren entweiht wurde, allerdings nicht zu. Zwischen Partynebel und Lichtshows rekeln sich Gogo-Tänzerinnen an Ringen, die am Gewölbe befestigt sind. Wo sich einst der Altar befand, steht heute die Bar.BerlinDas Denkmalamt bewahrte die brutalistische Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg, zwischen 1964 und 1967 vom bekannten Nachkriegsarchitekten Werner Düttmann entworfen, in den frühen 2000ern vor dem Abriss. Das Erzbistum Berlin musste die entweihte Kirche aufgeben. Danach wurde sie vermietet, doch für die Sanierung des in die Jahre gekommenen Ensembles fehlte das Geld. Schließlich kaufte der Berliner Galerist Johann König das Haus und machte es unter anderem mithilfe des Architekturbüros Brandlhuber + Emde zu einem Kunst-Hotspot. Im rund 800 Quadratmeter großen Kirchengebäude residiert seither die König Galerie.EssenIm vergangenen Jahr wurde die katholische Heilig-Geist-Kirche am Unesco-Welterbe Zollverein in Essen-Katernberg in einen Kunstraum umgewandelt. Den zeltartigen, expressiv-modernen Bau aus Beton und Glas entwarf der spätere Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm in den 1950ern. Genau wie St. Agnes in Berlin hat Johann König das Projekt zusammen mit seiner Frau Lena entwickelt. „Weitere Vorhaben sind in Planung“, sagt er am Telefon. Aktuell sucht das Paar nach einem Kloster, in dem Künstler schlafen und arbeiten können und das außerdem Platz bietet, die Werke auszustellen.







