Der unwiderstehliche Reiz der UnmoralDie Bayreuther Festspiele feiern ihr 150-Jahre-Jubiläum. Und sind wie immer ausverkauft. Trotz ihrer dunklen Vergangenheit, die weit über 1945 hinausreicht. Warum mögen wir Kunst, die moralisch fragwürdig ist?19.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenRichard Wagner wird bis heute religiös verehrt. Ein Besucher der Bayreuther Festspiele trägt das Bild des Komponisten am Hut.Miguel Villagran / GettySie waren innert neunzig Minuten weg, die rund 58 000 Karten für die diesjährigen Bayreuther Festspiele. Alle dreissig Aufführungen mit Opern von Richard Wagner restlos ausverkauft, sogar die Plätze, von denen man fünf Stunden gar nichts von der Bühne sieht. Und das bei Kartenpreisen von durchschnittlich knapp 500 Euro. Nichts ist in Bayreuth so sicher wie der Publikumsansturm. Oder: fast nichts.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn Jahr für Jahr, wenn die Bayreuther Festspiele stattfinden, stellt sich mit fast ebensolcher Regelmässigkeit irgendein Skandal ein. Einmal zeigt er sich in Form eines Hakenkreuz-Tattoos auf der Brust eines Sängers, dann als Streichungen im Operntext, wenn das Wort «Führer» vorkommt, auch einmal in spontanen Sympathiebekundungen für Hitler durch die Familie Wagner.Und dieses Jahr, pünktlich zum 150-Jahre-Jubiläum der Festspiele, ist der Skandal sogar ein ausgiebiger Dreiteiler: Teil eins bestand in der Absage einer Veranstaltung mit dem jüdischen Publizisten Michel Friedman und dem dazugehörenden Gedenkkonzert für verfolgte und ermordete Bayreuther Künstler (die Festspiele beriefen sich auf Sicherheitsbedenken). Teil zwei umfasste den deutschlandweiten Aufschrei nach Bekanntwerden der Absage. Teil drei die zerknirschte Wiederaufnahme von Konzert und Rede durch die Intendantin Katharina Wagner.Kampfschrift gegen JudenBayreuth ist ein Phänomen. An keinem anderen Festival liegen Verehrung und Unbehagen so eng beieinander. Und das hat seinen Grund. Schon der Gründervater der Festspiele, Richard Wagner, war ein glühender Antisemit. 1850 drohte er in seiner Kampfschrift «Das Judentum in der Musik» den jüdischen Kollegen: «Bedenkt, dass nur Eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers – der Untergang!» Auch Wagners Opern erzählen von germanischen Mythen, von Kampf und Opfertod, von Herrschern und Beherrschten.Wenig verwunderlich, dass Wagner postum zum Leitstern des Nationalsozialismus wurde. Seine revolutionären Opern aus Musik (von Wagner), Text (von Wagner), Regie (von Wagner) und einem tempelartigen Opernhaus (von Wagner in Auftrag gegeben) dienten den Nationalsozialisten als ultimativer Beweis für die Überlegenheit der deutschen Kultur – und als Legitimation für den Expansionskurs des Deutschen Reiches. Hitlers persönliche und abgöttische Wagner-Verehrung wurde zur Staatssache. «Prophetengestalt» war der Ausdruck, den er für den Komponisten gebrauchte. Und er betonte wiederholt, seine politische Karriere habe erst mit Wagners Oper «Rienzi» ihren Anfang genommen (die ausgerechnet zum 150-Jahre-Jubiläum der Festspiele neu inszeniert wird).Klar blieb Hitlers Wagner-Liebe alles andere als einseitig. Wagners Sohn Siegfried und dessen Frau Winifred empfingen den «Führer» Sommer für Sommer in inniger Freundschaft auf dem Grünen Hügel sowie in ihrem Wohnhaus Wahnfried. Nie waren Politik und Kunst enger Hand in Hand gegangen. Wie eng, zeigt sich etwa bei der Auswertung alter Spielpläne des Opernhauses Kattowitz, die auf die Arbeitspläne des nahe gelegenen Vernichtungslagers Auschwitz ausgerichtet waren. Dienstags nach Feierabend hätten sich die Lagerleiter an der musikalischen Betäubungsmaschinerie Richard Wagners gelabt, schreibt der Musikwissenschafter Anno Mungen in seinem Buch «Von Bayreuth nach Auschwitz».All das ist aus heutiger Sicht erschütternd. Doch fast ebenso erschütternd ist, was nach 1945 passierte. Denn noch während ganz Deutschland im Schockzustand verharrte, die Städte in Trümmern lagen, die Menschen ihre Entnazifizierungsprozesse durchliefen, wagnerte es in Bayreuth schon wieder unverdrossen weiter: Nur zwei Jahre nach den letzten Nürnberger Prozessen fanden 1951 die Bayreuther Festspiele wieder statt.Angewandte GeschichtsvergessenheitEs war, als übe sich der Grüne Hügel in angewandter Geschichtsvergessenheit. Und schon bald übte das deutsche Publikum mit. Als hätten die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 nie stattgefunden. Als hätten sich die Ideologie, die Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus in nichts aufgelöst. Wie konnte das sein? Wie konnten die Festspiele, wo gemäss Hitler «das geistige Schwert geschmiedet wurde, mit dem wir fechten», plötzlich als ein unbescholtenes Opernfestival gelten, wo seit 1969 die Bundespräsidenten und seit 2003 auch die Bundeskanzler ein und aus gehen, während die ehemalige Festivalleiterin Winifred Wagner noch 1975 sagte: «Wenn der Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben als wie immer.»Es hat viel mit der Musik zu tun. Sie ist eine Kunst, die nicht an Sprache gebunden ist – oder im Fall von Richard Wagner: nicht nur. Das erlaubte es Publikum und Politik nach 1945, «auf einem Auge blind zu sein», wie der amerikanische Literaturwissenschafter Hans Rudolf Vaget schreibt, und Wagners Werke als reine Ästhetik zu sehen.Anders die deutschen Literaten: Gerhart Hauptmanns Ruf war nach dem Krieg nachhaltig moralisch beschädigt durch die Ausdrücke «Blut», «Boden» und «Heimat», die er als Mitläufer der Nazis 1942 in seinem Gedicht «Die goldene Harfe» verwendet hatte. Auch Gottfried Benn hatte sich mit der Aussage «Der neue Staat blickt (. . .) auf das Erbgut. Er trennt das Vitale vom Flüchtigen, das Erbgesunde vom Erbkranken. Das ist kein politischer Akt, das ist die Rückkehr zu den Gesetzen der Natur» unmissverständlich zu jenem Nazi gestempelt, der er nur 1933 für kurze Zeit gewesen war. Er erhielt nach 1945 ein vierjähriges Schreibverbot. Denn Sprache ist konkret. Musik aber besteht aus Klängen. Und können Klänge unmoralisch sein?«Was soll denn cis-Moll mit Politik zu tun haben?», fragte Christian Thielemann, der langjährige musikalische Leiter der Bayreuther Festspiele, verärgert bei einem Interview im Jahr 1999. Wahrscheinlich mehr, als Thielemann wahrhaben will. Thomas Mann brachte es in einem Brief folgendermassen auf den Punkt: «Es ist viel Hitler in Wagner.» Doch wer hat nun recht, Thielemann oder Thomas Mann? Es ist die alte Frage: Kann man zwischen dem Leben und dem Werk eines Künstlers trennen?Die Frage ist falsch gestellt – zumindest, wenn es um Richard Wagner geht. Bei ihm müsste sie heissen: Kann man zwischen Werkinhalt und Ästhetik trennen? Also zwischen der deutschtümelnden Handlung und der avantgardistischen Harmonik und Instrumentation? Tatsächlich hat Wagner mit seinem berühmten «Tristan-Akkord» schon 1857 tollkühn die Grenzen der tonalen Musik gesprengt. Und auch, was seine Instrumentation angeht, konnte er locker mit den französischen Impressionisten mithalten. Das brachte Alex Ross 2020 dazu, in seiner Wagner-Biografie zu schreiben, Wagner gehöre letztlich «zur Partei der Neuerung, Änderung, Befreiung – also zur Linken». Zumindest aus der Perspektive der Ästhetik stimmt das.Ästhetik als AbsolutionKein Wunder, wurde die Ästhetik in der Nachkriegszeit zum probaten Weg in die moralische Absolution. Und Wagner war nicht der Einzige, dem sie nach 1945 den Weg in die Zukunft ebnete. Auch viele prominente Künstlerinnen und Künstler des Nationalsozialismus beriefen sich nach Kriegsende darauf, ihnen sei es stets nur um das Ästhetische gegangen. Etwa der einstige nationalsozialistische Vorzeigebildhauer Arno Breker. 1986 wurde auf dem Grünen Hügel seine Wagner-Büste aufgestellt. Dass Hitler eine Version dieser Skulptur in seinem Regierungssitz am Obersalzberg stehen hatte, schien niemanden zu irritieren.Die Regisseurin und Nazipropagandistin Leni Riefenstahl (auf dem Kamerawagen stehend) 1934/35 bei einem Dreh.ImagoAuch die Schneiderei von Hugo Boss, die einst die SS-Uniformen genäht hatte, gilt bis heute als ein renommiertes Modehaus. Und schon in den 1970er Jahren erlebten auch die Filme von Leni Riefenstahl ein Revival. Nun wurde die einstige Nazipropagandistin als feministische Pionierin gesehen. Ihre kühnen Kameraeinstellungen, die schiere Schönheit der ornamentalen Bildkompositionen vermochten einen eigentümlichen Reiz auf viele Menschen auszuüben. So dass auch die Band Rammstein 1999 den Song «Stripped» mit Ausschnitten aus Riefenstahls «Olympia»-Film von 1938 bebilderte.Das irritiert. Nicht nur angesichts des historischen Zusammenhangs. Sondern vielmehr angesichts der Ästhetik selbst. Offenbar vermag das, was vor rund hundert Jahren die Massen bewegte und zum Nationalsozialismus verführte, uns noch heute zu faszinieren. Doch warum schwingt ausgerechnet in dieser Ästhetik etwas mit, was uns Menschen anzieht? Warum ist in den vergangenen Jahrzehnten ausgerechnet um die Filme von Leni Riefenstahl ein Kult entstanden? Und warum sind es bis heute nicht Bach oder Beethoven, die quasi religiös verehrt werden, sondern ausgerechnet Richard Wagner?Faszination des FaschismusIn ihrem Aufsatz «Faszinierender Faschismus» schreibt die Philosophin Susan Sontag 1974: «Diese Kunst hält sich trotzig aus dem Hauptstrom künstlerischer Errungenschaften des Jahrhunderts heraus. Genau deshalb hat sie sich im heutigen Geschmack einen Platz erobern können.» Angesichts des zunehmenden Stilpluralismus in der Kunst sowie der Komplexität der Moderne, die im 20. Jahrhundert eingesetzt hätten und noch lange nicht an ihr Ende gekommen seien, erscheine vielen Menschen eine Kunst mit faschistischen Zügen als «Wohltat», so Susan Sontag.Schiere Schönheit: Der «Olympia»-Film von Leni Riefenstahl.www.album-online.comDas ist heute nicht anders. Denn es ist eine Kunst, die Antworten gibt, statt Fragen zu stellen. Gerade das macht sie zu einem Ort der Zuflucht vor den Widersprüchen und der Komplexität der gegenwärtigen Gesellschaft - und der Unsicherheit der Zukunft. Man könnte es auch künstlerischen Populismus nennen. Aber das ist nicht alles.Weil diese Kunst der grossen Bilder, der grossen Emotionen und der grossen Themen auch eine antiintellektuelle Kunst ist. Sie muss nicht zuerst mit dem Kopf aufgedröselt werden – sondern dockt gleich auf der Ebene der Gefühle an. Dort beherrscht sie das emotionale Überwältigen und Betäuben souverän. Zu Wagners Lebzeiten fielen reihenweise Hörerinnen während seiner Opern in Ohnmacht. Und noch heute kann man in Bayreuth erleben, wie der Sitznachbar vor lauter Erregung seine Brille zerquetscht. Wo Wagner ist, da ist kein Entkommen.Doch wo die Gefühle regieren, da schweigt der Kopf. Und mit ihm die Frage nach der Moral. Das macht Wagner und Riefenstahl auch heute noch unwiderstehlich. Es ist der unwiderstehliche Reiz der Unmoral.