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Kevin möchte im Leben seiner Tochter eine mindestens genauso große Rolle spielen wie seine Frau – trotz Vollzeitjob. (Symbolbild) Foto: Canva Kinder, Küche, Karriere #24: „Sobald eine Oma ausfällt, geht unser Plan nicht mehr auf“ Kevin und seine Frau haben eine Tochter und arbeiten beide Vollzeit – auf Kosten der eigenen Gesundheit. Doch aufgeben möchten sie ihr Modell nicht.
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.Kevin ist Senior-Controller und ist gerade zu einem internationalen Logistikunternehmen gewechselt. Auch seine Frau Steff hat eine neue Stelle: Nachdem sie eine Legislaturperiode lang Referentin des Bürgermeisters war, koordiniert sie jetzt das städtische Familienbüro ihres Heimatorts im Ruhrgebiet. Beide sind 46 Jahre alt und haben eine achtjährige Tochter.WirtschaftsWoche: Kevin, Ihr seid recht spät Eltern geworden, mit 38. Habt Ihr das so geplant? Kevin: Nein, gar nicht. Wir sind seit 28 Jahren ein Paar und haben gut gelebt, ohne über Kinder nachzudenken. Zumindest haben wir nicht groß darüber geredet. Als wir unser Haus gekauft haben, hat der Verkäufer geschäkert: „Das Haus ist doch viel zu groß, da müsst Ihr zwei Kinder reinsetzen.“ Aber wir haben uns umgesehen und gedacht: Wir wollen ein Pokerzimmer, ein Raucherzimmer und ein Arbeitszimmer. Allerdings: Das Arbeitszimmer haben wir nie eingerichtet.Neues Arbeitszeitgesetz „Ich arbeite ohnehin immer länger als erlaubt“ Die Bundesregierung will die Arbeitszeit von Beschäftigten neu regeln. Doch was halten die Betroffenen eigentlich davon? Drei Perspektiven. von Kristin Rau und Claudia TödtmannWolltet Ihr Euch offenhalten, ob Ihr doch irgendwann ein Kinderzimmer braucht?Zumindest haben wir das nie ausgeschlossen. Als Steff dann aus gesundheitlichen Gründen die Pille abgesetzt hat, haben wir es einfach drauf ankommen lassen. Wir waren ja nicht mehr die Jüngsten. Tja, es hat nur ein paar Wochen gedauert. Und dann habe ich richtig Angst bekommen.Warum?Ich wusste genau, was auf uns zukommt. Schließlich habe ich schon mal ein Kind großgezogen.Das musst Du uns erklären.Meine Mutter hat sich von ihrem zweiten Mann getrennt, als ich 14 Jahre alt war. Meine Schwester war damals erst zwei Jahre alt und meine Mutter voll berufstätig. Mir war klar, dass ich mithelfen musste. Und ich wollte auch mithelfen. Also habe ich die To-do-Listen meiner Mutter abgearbeitet, meine Schwester von der Kita abgeholt, Windeln gewechselt, und gekocht. Obwohl ich das gerne gemacht habe, ist meine Mutter immer ein warnendes Beispiel geblieben, sowohl, was das Kinderkriegen angeht, als auch wegen ihrer Arbeitsbelastung.Und jetzt habt Ihr ein Kind und trotzdem beide Vollzeitjobs. Teilzeit zu arbeiten, käme für uns nicht infrage. Ich habe zu oft erlebt, dass Leute in die Teilzeitfalle geraten, vor allem Frauen. Dann wirst Du für 30 Stunden bezahlt, hast aber Aufgaben für 40 Stunden oder mehr. In meiner Branche gibt es auch kaum Teilzeitjobs. Angeblich, weil man die Arbeit nicht in Teilzeit leisten könne. Da kann ich nur sagen: Die Arbeitgeber haben es einfach nicht drauf. Wenn man die Anforderungsprofile nicht klärt und die Tätigkeiten nicht gut strukturiert, kann man natürlich keine realistischen Jobprofile zuschneiden. Dafür muss man den Mitarbeitenden zuhören. Mein größtes Problem zum Beispiel ist gar nicht die 40-Stunden-Woche.Job und Familie Darum lohnt sich mehr Arbeitszeit für viele Frauen gar nicht Für viele Frauen ab 45 Jahren lohnt es sich kaum, in den Job zurückzukehren oder ihre Teilzeit auszubauen. Das Ehegattensplitting entpuppt sich als Bremsklotz. von Anabel SchröterSondern?Ich brauche Flexibilität. Und die fordere ich auch ein. Wenn die Schule um 16 Uhr schließt, hole ich meine Tochter ab und mache ihr was zu essen. Danach übergebe ich den Staffelstab an Steff und kann weiterarbeiten, meinetwegen auch abends. Ich sage meinen Arbeitgebern immer: „Ich arbeite gerne für Euch. Aber nur, wenn ich auch meine Pflichten als Vater erfüllen kann.“Wie reagieren Deine Vorgesetzten auf so eine Ansage?Bis jetzt sehr verständnisvoll. Ich hatte das Gefühl, dass man mir mehr entgegenkommt als manchen Kolleginnen. Als meine Tochter unterwegs war, hat mein damaliger Chef nur gesagt: „Dann performst Du halt ein paar Jahre nicht ganz so gut.“ Dieser Rückhalt hat mich unglaublich motiviert.Kinder und Karriere So funktioniert eine kurze Elternzeit auch für Mütter Nach der Geburt der Kinder schnell zurück in den Job – zwei Mütter erzählen, wie sie das geschafft haben. Und warum sich in Deutschland mehr als das Mindset ändern muss. von Theresa Langwald-DošenovićDas klingt gut. Was sind denn Deine Pflichten als Vater? Wie habt Ihr die Arbeit zu Hause aufgeteilt?Steff macht die Wäsche und ich putze. Und weil ich leider Unordnung am schlechtesten ertrage, bin ich immer derjenige, der aufräumt. Zusammen macht das vermutlich 60 Prozent der Haushaltsarbeit aus. Das kann man aber nicht unabhängig von der Kinderbetreuung sehen. Da übernimmt Steff sehr viel und insgesamt würde ich sagen, dass wir die Aufgaben gleichberechtigt aufteilen. Allerdings funktioniert das nur, wenn wir genau 40 Stunden arbeiten. Sobald es 42 Stunden sind, bricht unsere Struktur zusammen. Und erst recht, wenn es bis zu 60 Stunden sind, wie in Steffs letztem Job als Referentin des Bürgermeisters.Hattet Ihr dann Konflikte?Teilweise wurde es völlig absurd: Wenn wir beide wichtige Termine hatten, haben wir uns gestritten, wer arbeiten darf. Das ist jetzt zum Glück nicht mehr so. Aber es ist ein Balanceakt: Ich will auf keinen Fall in die Rolle des Meckerers kommen, aber ich muss ansprechen, wenn ich überlastet bin. Unsere Aufgaben haben wir aufgeteilt, als wir noch auf 65 Quadratmetern gewohnt haben. Heute haben wir ein Haus mit drei Badezimmern. Deshalb haben wir uns jetzt geeinigt, eine Putzhilfe anzustellen.Ihr hattet vorher keine Unterstützung?Keine bezahlte. Der größte Zeitfresser war bislang das Aufräumen. Das kann mir keine Putzhilfe abnehmen. Aber wenn jemand die Badezimmer putzt, entlastet mich das enorm. Außerdem holen unsere Eltern unsere Tochter dienstags und mittwochs von der Schule ab. Dann können Steff und ich länger arbeiten, sodass wir auf unsere 40 Stunden kommen. Aber sobald eine Oma ausfällt, geht unser minutengenauer Plan nicht mehr auf.Habt Ihr überhaupt noch Zeit für Euch als Paar? Oder sogenannte „Me-Time“?Eigentlich nur, wenn wir auf Schlaf verzichten. Ich bin aber auch kein Typ, der regelmäßig einen „Männerabend“ braucht. Wir haben schon immer viel als Paar unternommen: Wir hören ähnliche Musik, gehen auf Konzerte und treffen gemeinsame Freunde. Vor Steffs Schwangerschaft haben wir auch zusammen Kulturprojekte organisiert. Damit haben wir jetzt wieder angefangen. Wir organisieren Kneipenlesungen mit Musik und treten mit selbstgeschriebenen Texten auf. Das ist unser Ausgleich zum Job. Wenn ich nicht aufs Geld schauen müsste, würde ich mir vermutlich einen Job in der Kultur- und Kreativbranche suchen.Sozialstaat Wer von den Elterngeld-Kürzungen besonders betroffen wäre Familienministerin Prien muss sparen – vor allem beim Elterngeld. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Kürzungen würden eine Gruppe besonders hart treffen. von Valerie NdoukounMüsst Ihr denn auf Geld schauen?Wir gehören zwar zu den Besserverdienenden, aber am Ende des Monats ist das Geld trotzdem weg. Wir sparen ein bisschen was an, aber das ist kein echtes Vermögen, sondern eher eine Rücklage für die Steuern oder die Autoinspektion. Wir wollten unbedingt ein Haus mit Garten haben und haben uns mittlerweile auch an einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt. Wir gehen gerne gut essen und bestellen viel, weil uns im Alltag die Zeit für Einkauf und Kochen fehlt. Das können wir nur mit zwei Vollzeitjobs finanzieren. Wir tauschen massiv Zeit gegen Geld.In welchen Momenten wird Dir das besonders bewusst?Ich habe zum Beispiel nur vier Monate Elternzeit genommen, weil ich damals 1000 Euro mehr verdient habe als Steff. Im Rückblick hätte ich vielleicht mehr nehmen sollen. Aber das Unternehmen, bei dem ich gearbeitet habe, war in einer Offshore-Phase, und ich hatte Angst, dass es meine Stelle vielleicht gar nicht mehr gibt, wenn ich zurückkomme. Und selbst für diese vier Monate Elternzeit musste ich mich vor Kollegen rechtfertigen. In meiner Firma war ich einer der ersten Männer, die überhaupt Elternzeit genommen haben. Da gab es Sprüche, weil ich mehr Elternzeit genommen habe als vom Gesetzgeber gefordert.Kurz zuvor, 2015, war der Partnerschaftsbonus eingeführt worden: Wenn beide Eltern mindestens zwei Monate Elternzeit nehmen, verlängert sich ihr gemeinsamer Anspruch um zwei Monate. Die Reform ist von vielen belächelt worden. Aber ich habe das als großen gesellschaftlichen Umbruch erlebt. Klar: Ich erziehe mir in diesen zwei Monaten keine feministischen Männer, die ihrer Familie gerecht werden. Aber ich bringe die Arbeitgeber dazu, überhaupt erstmal zu akzeptieren, dass Männer Elternzeit nehmen.Würdest Du Dich denn als feministischen Mann bezeichnen?Ich bin überzeugter Feminist. Ich bin unter Frauen aufgewachsen, habe gesehen, wie schwer meine Mutter gearbeitet hat, und ich habe mich im Studium mit feministischer Theorie auseinandergesetzt. Am Ende ist das für mich eine Frage praktischer Vernunft: Wenn zwei Menschen zusammenleben, sollten sie sich die Arbeit teilen. Man muss aber auch ehrlich sagen: Unser gleichberechtigtes Modell ist gesellschaftlich nicht vorgesehen. Es funktioniert, weil wir auf Schlaf verzichten. Weil die Omas mithelfen. Weil ich seit Jahren Rückenschmerzen und Tinnitus habe, aber nicht zum Arzt gehe und keine Zeit für Sport habe. Und trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, es wie andere Männer zu machen und den Kindergeburtstag meiner Tochter zu verpassen.Wenn sich Eure Tochter später an ihre Kindheit erinnert: Was würdest Du Dir wünschen?Ich fände es schön, wenn sie sich daran erinnert, wie viel Zeit wir miteinander verbracht haben. Ich hoffe, dass sie sich daran erinnert, dass wir für sie da waren und unser Bestes versucht haben. Wir wollen, dass sie als freier Mensch aufwächst, der Dinge aus eigenem Antrieb tut und nicht, weil Gruppendruck oder Rollenklischees sie dazu drängen. Wenn wir unser Leben lang ein gutes Verhältnis haben und sie nicht genervt ist, wenn ich anrufe – das würde mich freuen.Hinweis: Weil der Interviewpartner sehr persönliche Erfahrungen sowie Einblicke in Finanzen teilt, nennen wir die vollen Namen von ihm und seiner Frau nicht. Sie sind der Redaktion bekannt. 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