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Fachkräfte-Einwanderung: Plant Berlin ein Projekt „bar jeder Sinnhaftigkeit“? Die Bundesregierung will mit der Work-and-Stay-Agentur ausländischen Fachkräften die Zuwanderung erleichtern. Dabei bleiben wichtige Fragen ungelöst.
Was bringt die Work-and-Stay-Agentur gegen den Fachkräftemangel? (Symbolbild) Foto: imago imagesSebastian Klaus vermag dem Ganzen „nur noch wenig Positives abzugewinnen“. Leider mehrten sich die Anzeichen, dass das Thema „zu einem Reinfall werden könnte“, fürchtet der auf Fachkräfteeinwanderung spezialisierte Rechtsanwalt, zu einem „Hickhack der Ressorts auf Bundesebene und den Bundesländern mit dem Bund“.Warum dieser Ärger? Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen, für ausländische Fachkräfte „bürokratische Hürden einzureißen“. Konkret will sie eine Plattform aufbauen, ein digitales Verfahren, mit dem sich für Menschen, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen wollen, vom ersten Tag an sämtliche Bürokratie erledigen lässt: die sogenannte Work-and-Stay-Agentur (WSA).Die Agentur sei „wahrscheinlich das größte Digitalisierungsprojekt dieser Wahlperiode“, so hat es der Kanzler im ersten Jahr seiner Amtszeit ausgedrückt. Im vergangenen November fand sich die WSA als einer von mehr als 50 Eckpunkten für wichtige Vorhaben in einem Papier der schwarz-roten Koalition. Einen ersten Gesetzentwurf plante das Bundesarbeitsministerium (BMAS) zunächst für dieses Frühjahr.Das klang nach Priorität. Nach: Das bringen wir schnell auf den Weg.Work-and-Stay-Agentur 200 Visastellen und 549 Ausländerbehörden – überflüssig? Wir doch nicht! Union und SPD wollen mit einer neuen Agentur Fachkräften das Einwandern erleichtern. Behörden müssten Aufgaben abgeben. Das Kompetenzgerangel beginnt. von Sophie CrocollWarum die Work-and-Stay-Agentur gebraucht wirdPassiert ist bislang allerdings kaum etwas. Dabei drängt das Thema. Deutschland altert. 2035 dürfte jeder vierte Mensch hierzulande 67 Jahre oder älter sein. Um Wirtschaftskraft, Wohlstand und die Sozialsysteme zu erhalten, müssten jedes Jahr 400.000 Arbeitskräfte mehr nach Deutschland zuwandern, zeigen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.Sogenannte Drittstaatler sind Menschen aus Ländern außerhalb der EU – die also in der Regel Visa benötigen, um nach Deutschland einzureisen, sowie einen Aufenthaltstitel, um hier arbeiten zu können. Zwar haben amtierende Bundesregierungen in den vergangenen Jahren den Rechtsrahmen in der Bildungs- und Arbeitsmigration schrittweise liberalisiert, um mit Blick auf die demografische Alterung den deutschen Arbeitsmarkt zu stärken.Doch es sind heute 200 Visastellen, 549 Ausländerbehörden, die Bundesagentur für Arbeit, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Landesämter im Einsatz – zwischen deren Zuständigkeiten ausländische Fachkräfte bisher mühsam navigieren müssen. Arbeitserlaubnis, Aufenthaltserlaubnis, Anerkennung der Berufsqualifikation – mit der Work-and-Stay-Agentur soll es endlich einfacher werden, zum Arbeiten nach Deutschland zu kommen.Standort Deutschland „Müssen uns fragen, wie unsere Sozialsysteme in 20 Jahren aussehen sollen“ Der Wirtschaftsweise Martin Werding rügt den Widerstand gegen die Sparpläne der Bundesregierung – und nennt die weißen Flecken der Reformagenda von Union und SPD. von Bert LosseDenn 2024 erhielten nur knapp 55.000 Menschen aus Ländern außerhalb der EU einen Aufenthaltstitel, um in Deutschland zu arbeiten – fast ein Viertel weniger als 2023 und auch weniger als in den Jahren vor der Coronapandemie.Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erklärt diese Entwicklung damit, dass sich Zugewanderte seit dem zweiten Halbjahr 2023 bis zu zwölf Monate mit ihrem Visum in Deutschland aufhalten können. Sie werden deshalb erst später als Erwerbsmigranten im Ausländerzentralregister erfasst.Blickt man auf die sogenannten Ersterteilungen ohne vorherigen Titel der vergangenen ersten Halbjahre, also die Menschen, die neu für eine Stelle in die Bundesrepublik zugewandert sind, zeigt sich allerdings, dass die Zahlen auch hier zuletzt gerade einmal auf Niveau des zweiten Coronajahres lagen, in dem es erschwert war, in andere Länder zu ziehen.Woran das Projekt in Berlin bislang scheitertUmso mehr könnte es helfen, wenn das Verfahren erleichtert wird und die Bürokratie weniger Menschen abschreckt. Wenn. Die Frage, wie stark die Prozesse zentralisiert werden sollen, ist allerdings seit Monaten ungelöst. Vor allem geht es um die Rolle der Ausländerbehörden. Nähme man sie aus dem Prozess heraus, würde dieser effizienter, argumentieren Praktiker wie der Rechtsanwalt Sebastian Klaus und andere beteiligte Behörden wie die Bundesagentur für Arbeit. Das Bundesinnenministerium aber hat Sicherheitsbedenken.Die Ergebnisse zeigten, „dass die Work-and-Stay-Agentur nur dann ihre volle Wirkung entfalten kann, wenn sie als integriertes Modernisierungsvorhaben verstanden wird“, steht jedoch auch in einem Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), den es im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt hat. Dafür gab es Workshops mit Wirtschaftskammern, Vermittlungsagenturen und Fachanwälten.Im Mittelpunkt sollte nicht allein die Digitalisierung bestehender Verfahrensschritte stehen, empfiehlt das IW, „sondern die Neustrukturierung des Zusammenspiels von Zuständigkeiten, Datenflüssen, Kommunikation, Nutzerrechten und Entscheidungspraxis“. Dabei sollte es um die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer gehen.Es hätte durchaus Vorteile, würden die Ausländerbehörden in dem Prozess entlastet: Sie hätten dann mehr Kapazitäten, zu prüfen – etwa, wo prekäre Arbeitssituationen bekannt sind. Eine Untersuchung des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) hat gerade Schattenseiten auch gesteuerter Zuwanderung aufgezeigt.Ein Beispiel: Auszubildende aus Vietnam. An einer Berliner Berufsschule für das Gastgewerbe erschien etwa ein Drittel der dort beschulten 700 vietnamesischen Schülerinnen und Schüler im Herbst 2025 nicht mehr zum Unterricht. „Niemand weiß, wo die abgeblieben sind“, sagte ein Gewerkschaftsvertreter und Mitglied der Schulkonferenz dem „rbb“.Digitalisierung Herr Wisniewski hätte da ein Angebot – aber der Staat nimmt es nicht an Mit einer neuen digitalen Agentur will die Regierung Fachkräften das Einwandern erleichtern. Die besten Internetadressen dazu hat sie sich aber wegschnappen lassen. von Sophie CrocollEs gibt viele HerausforderungenDas Problem: unzureichende Sprachkenntnisse – trotz vorliegender, möglicherweise gefälschter Sprachzertifikate aus Vietnam. Damit wären sie kaum in der Lage, ihre Rechte wahrzunehmen und sich gegen prekäre Arbeitsverhältnisse zu wehren, heißt es in dem SVR-Bericht. Günstigstenfalls landeten die jungen Menschen illegal in Nagelstudios, um ihre Schulden abzubezahlen, sagte der Gewerkschaftsvertreter, „schlimmstenfalls in der Prostitution“.Ein zweites Beispiel: Fahrradkuriere, die Essen ausliefern, und häufig aus Indien, Pakistan und Bangladesch stammen. Meist handelt es sich dabei um junge Menschen, die nach Deutschland eingereist sind, um zu studieren. Anfällig für einen zweckwidrigen Gebrauch werde dieser Aufenthaltstitel, da er vom Studium entkoppelte, umfangreiche Zuverdienstmöglichkeiten eröffne, sowie durch die wachsende Rolle privater Hochschulen, schreiben die Autorin und der Autor des SVR.Auswandern Fünf Punkte, die Auswanderer beim neuen Wohnort beachten sollten Viele Deutsche wollen wegen Bürokratie und hoher Steuern ihre Heimat verlassen. Wer auswandern will, sollte seinen Wohnort mit Bedacht wählen. von Martin GerthDenn ein solches Studium an einer Privatuni ist teuer. Die Kosten dafür kommen also zu dem ebenfalls immer teureren Lebensunterhalt in Großstädten wie Berlin und Hamburg noch dazu. „Darüber hinaus verlangen im Herkunftsland tätige Vermittlungsagenturen zum Teil erhebliche Summen für Verträge, Sprachnachweise und Visa“, heißt es in der Untersuchung. „Das verschärft für diese Personen wie auch für die oben bereits genannten Auszubildenden die Notwendigkeit, in Deutschland Geld zu verdienen.“Es könnten sich Strukturen bilden, „die nicht nur eine ausufernde Nebentätigkeit begünstigen, sondern sogar den vorgeblichen Studienaufenthalt für eine prekäre Erwerbstätigkeit zweckentfremden“. Gewerkschaften sprechen bisweilen von modernem Menschenhandel.Drittens gibt es noch die Chancenkarte, die es Drittstaatlern ermöglicht, nach Deutschland zu kommen, um sich hier einen Arbeitsplatz zu suchen. Dieser Aufenthaltstitel erlaubt inzwischen jede Beschäftigung, wenn die im Durchschnitt 20 Stunden pro Woche nicht überschreitet und auf ein Jahr begrenzt ist. Die Gefahr bestehe auch hierbei darin, dass diese Chancenkarte zweckentfremdet werde, um Arbeitskräfte befristet für Tätigkeiten ohne qualifikatorische Voraussetzungen anzuwerben, mahnen die SVR-Autoren.Für ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer „brauchen wir eine gebündelte Anlaufstelle, ein One-Stop-System“, fordert auch Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Themen wie Sprache, Behördenprozesse und Kinderbetreuung müssen als durchgängige Integrationskette funktionieren.“Wann also kommt die WSA? Er prognostiziere, dass zum Ende der parlamentarischen Sommerpause ein Minimalkonsens präsentiert werde, so Rechtsanwalt Klaus, „damit alle glücklich sind außer denjenigen, die unmittelbar betroffen sind: Arbeitnehmer und Arbeitgeber“. Dann wäre ein Punkt aus dem Koalitionsvertrag abgehakt – jedoch „bar jeder Sinnhaftigkeit und Überzeugungskraft“. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick








