PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungABC-KlassenDer Kampf gegen mangelnde Deutsch-Kenntnisse in den SchulenStand: 18.07.2026Lesedauer: 4 MinutenErstklässler brauchen von Anfang an eine bessere Deutsch-FörderungQuelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpaDie Deutschkenntnisse bei Grundschülern sind oft unzureichend. In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen werden nun Tests und Förderunterricht Pflicht. Das nutzt Schülern, schützt Eltern und setzt dem Betreuungsstaat Grenzen.Die Lehrerin hatte den Erstklässlern eine altersgemäße Aufgabe gestellt: „Malt einen roten Ball und ein blaues Haus!“ Die Kinder machten sich ans Werk und gaben ihre kleinen Kunstwerke voller Bälle und Häuser ab. Auf der Zeichnung eines Jungen war jedoch nur ein grüner Baum zu sehen. Er hatte nicht verstanden, was „roter Ball“ und „blaues Haus“ bedeuten. So gut war sein Deutsch nicht. Am Rande einer Landtags-Anhörung erzählten Pädagogen kürzlich von dieser offenbar nicht untypischen Begebenheit. Solche Erlebnisse ziehen Lehrern ein Stück weit den Boden unter den Füßen weg: Sie entdecken, dass die Sprache, in der sie Kindern etwas beibringen möchten, den Kindern erst beigebracht werden muss.Rund 30 Prozent aller Erstklässler beherrschten 2024 das Deutsche laut NRW-Schulministerin Feller (CDU) so schlecht, dass eine erfolgreiche Schulkarriere kaum denkbar schien. Das bestätigen Schuleingangsuntersuchungen ebenso wie Bildungsstudien. Das Problem ist gewaltig. Und es war absehbar. Über Jahre hinweg wuchs es an, begleitet von Warnungen vor dauerhaft anwachsenden Bildungsunterschichten. Lesen Sie auchDie Politik lähmte sich lange durch Debatten, wie man auf die Bildungsdefizite reagieren solle: Mit einem freiwilligen oder einem verpflichtenden Vorschuljahr? Durch Stärkung der Kitas? Oder der Grundschulen? Durch mehr Lehrer oder Kita-Erzieher? Und wer solle das bezahlen?Jetzt wird in einigen Bundesländern, die ja für Schulpolitik primär zuständig sind, gehandelt. Die Landesregierung in NRW zum Beispiel hat nun Fakten geschaffen: Ab dem Schuljahr 2028/29 wird sie die Schuleingangstests vorverlegen und so über ein Jahr vor der Einschulung ermitteln, wie viele Kinder erhebliche Sprachdefizite haben. Die Betroffenen werden dann verpflichtend und gezielt gefördert. Auch andere Bundesländer, von Hamburg bis Hessen, haben sich auf einen ähnlichen Weg gemacht. Das ist, bei aller beklagenswerten Verspätung, eine gute Nachricht – die jedoch unter dem Geschrei von Opposition und Interessenverbänden unterzugehen droht. Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf das Modell der sogenannten „ABC-Klassen“ in NRW. Diese können in Schulen, Kitas oder anderswo eingerichtet werden – je nach Platz und Erreichbarkeit. Maximal acht Kinder sollen pro Gruppe zweimal zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden. Für die Fahrt zum Unterrichtsort finanziert das Land bei Bedarf gecharterte Busse.Zum Besuch der ABC-Klassen verpflichtet werden nur Kinder mit Förderbedarf. Schulministerin Feller nennt das „passgenaue Förderung statt pauschaler Pflichtmodelle“. Warum auch sollte man Kindern mit guten Sprachkenntnissen Zusatzunterricht aufzwingen? Lesen Sie auchDie Eltern behalten überwiegend bis zum Einsetzen der Schulpflicht das letzte Wort darüber, wo ihre Kinder ihre Zeit verbringen. Gut so. Immerhin schützt die Verfassung das elterliche Erziehungsrecht. Eine Kita-Pflicht wäre damit, so sagt etwa der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages, kaum vereinbar. Auch der bescheidenere Plan, Kinder in den ABC-Klassen je zwei Stunden an zwei Wochentagen verpflichtend zu fördern, schränkt die elterliche Freiheit natürlich ein. Aber er ist verhältnismäßiger als erzwungene sechs bis acht Stunden an fünf Tagen pro Woche. Gegen den Trend zum wachsenden Betreuungsstaat hält sich eben dieser Staat also ausnahmsweise zur Selbstbescheidung an – erfreulich (und natürlich preiswerter).Dort aber, wo er zuständig ist, nimmt er die Zügel umso fester in die Hand. Das ist effektiv. Der Förderbedarf wird künftig bei der Schuleingangsuntersuchung in Grundschulen ermittelt. An ihr müssen alle Kinder eines Jahrgangs teilnehmen. Würde man die Prüfung den Kitas überlassen, wären Kinder, die keine Kita besuchen, außen vor. Das sind im Jahr vor der Einschulung zwar nur sieben Prozent, aber von diesen sind überproportional viele förderbedürftig.Auch den Unterricht in ABC-Klassen soll vor allem Grundschulpersonal erteilen. Dafür spricht auch, dass Kitas sich als allzu unsichere Kantonisten erwiesen haben. Gerade in Vierteln mit überdurchschnittlich vielen Bildungsfernen und Eingewanderten ohne Sprachkenntnisse existieren viel zu wenige Kitas. Zudem wird in Kitas weit mehr gestreikt und krankgemeldet als in Schulen – was viel öfter zu Schließungen führt. Da hat Schwarz-Grün richtig entschieden – aller noch so lauten Empörung von Opposition und Interessenverbänden zum Trotz.
ABC-Klassen: Endlich: Die Politik beginnt den Kampf gegen mangelnde Deutsch-Kenntnisse! - WELT
Die Deutschkenntnisse bei Grundschülern sind oft unzureichend. In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen werden nun Tests und Förderunterricht Pflicht. Das nutzt Schülern, schützt Eltern und setzt dem Betreuungsstaat Grenzen.








