Krawatten für Harry Styles, Punkte für Olivia Dean: Inoffizielle Dresscodes haben bei Pop-Konzerten Hochkonjunktur. Kürzlich sorgten sie gar für einen kuriosen Weltrekord.Musiker brechen ständig Rekorde. Für die meisten Wochen in den Charts, die besten Streaming-Zahlen, die höchsten Ticketpreise. Auch der kubanisch-amerikanische Rapper Pitbull erlangte vergangene Woche einen Weltrekord. Dieser galt aber weder seiner Musik noch deren Erfolg. Sondern der Anzahl Menschen mit Latex-Glatzen, die zum Pitbull-Konzert im Londoner Hyde Park erschienen waren: 22 141. Tausende Pitbull-Spiegelbilder, zumindest, wenn man die Augen zusammenkneift: Weltrekordversuch im Londoner Hyde Park im Juli 2026. Getty Images Pitbull hielt das Guinness-Zertifikat auf der Bühne in die Höhe wie einen Siegerpokal. Schon seit 2021 verkleiden sich seine Fans wie er selbst, ausgelöst durch einen Tiktok-Trend, und machen seine Konzerte zu einem Meer von Latex-Glatzen. Dazu kombinieren sie weisse Hemden, schwarze Krawatten, verspiegelte Sonnenbrillen und falsche Ziegenbärte. Es ist der absurdeste Auswuchs eines zeitgenössischen Phänomens: Pop-Konzerte sind zu Mottopartys geworden. Zumindest modisch.«Concert dressing» nennt es sich auf Englisch nüchtern, Konzertkleidung, was das Ausmass nicht ganz ausdrückt. Als Taylor Swift im Sommer 2024 durch Europa tourte, wurde sie von einer Welle von Cowboystiefeln und Paillettenröcken begleitet. Besuchte man diesen Sommer ein Konzert der britischen Sängerin Olivia Dean, sah man so viele gepunktete Kleider, dass man bei sich kurz eine Augenkrankheit befürchtete. Als Fan von Harry Styles hingegen war lange die Federboa das obligate Accessoire, bis zu diesem Jahr, als es durch bunte Krawatten abgelöst wurde.Business-Casual für Harry StylesDie visuelle Annäherung an sein Pop-Idol ist nicht neu. Schon in den neunziger Jahren erschienen Fans als ihr liebstes «Spice Girl» zum Konzert der britischen Girlband. T-Shirts, die Musikerinnen und Musiker mit Stickereien und Aufdrucken huldigen, gibt es seit den vierziger Jahren. Doch Social Media haben aus dem einst simplen Tribut ein Spektakel gemacht. Fans planen ihre Konzertkleider Monate im Voraus, schneidern sie selbst oder überbieten sich mit Referenzen auf besonders nischige Songzeilen gegenseitig.Die gestiegenen Preise für Pop-Konzerte werden dazu beigetragen haben. Wenn man für sein Ticket Hunderte von Franken ausgegeben und viele angespannte Minuten auf den Buchungsplattformen verbracht hat, möchte man den Abend aufs Äusserste auskosten. Vom Laufsteg auf die Bühne und bald ins Publikum: Harry Styles in einem Look von Celine, mitsamt gestreifter Seidenkrawatte. Celine Doch wie entstehen solche Trends? Manchmal mischt der Laufsteg mit. Harry Styles trägt auf den Bühnen seiner aktuellen Europatournee massgeschneiderte Looks von Celine, JW Anderson, Prada und Calvin Klein Collection. Fast alle haben Stoffhosen, flache Sneaker, weisse Socken und leuchtende Farbakzente gemeinsam.Doch die Fans haben sich auf die gemusterten, bestickten, oft seidenen Krawatten fixiert, die regelmässig von Styles’ Hals baumeln. Sie schneidern aus Krawatten Oberteile oder Kleider oder verewigen darauf ihr liebstes Album. Es könnte dem Accessoire zu dem Comeback verhelfen, das von der Laufstegmode schon länger heraufbeschworen wird. Wann sonst traut man sich so unvoreingenommen an ein formelles Kleidungsstück? Getty Images Plötzlich formell: Fans von Harry Styles tragen Krawatten zu seinen Konzerten im Londoner Wembley-Stadion im Juni 2026. Andere Stars bedienen die Nachfrage gleich selbst und verkaufen mehr als nur herkömmliche Band-Shirts. Die «Benito Antonio Collection» des Reggaeton-Superstars Bad Bunny mit Zara umfasst rund 160 Kleidungsstücke. Von Patchwork-Bermudashorts bis zur halbmondförmigen Polyestertasche könnte man sie allesamt zu einem seiner Konzerte anziehen.Ein Punktemeer für Olivia DeanDass bei Olivia Dean im Publikum die Punkte dominieren, egal ob in Zürich oder San Francisco, gründet hingegen nicht in einer besonderen Vorliebe der Sängerin für Polka-Dots. Sie trägt sie nur ab und an.Eher ist es eine positive Rückkopplungsschleife. Manche Fans trugen zu ihren Konzerten gepunktete Kleider, weil es sie zurzeit bei jeder Fast-Fashion-Kette zu kaufen gibt und weil sie zum adretten, verspielten Look der Sängerin passen. Darauf verbreitete sich auf Social Media die Botschaft, dass Polka-Dots bei Konzerten von Olivia Dean beliebt seien. Bald sah man kaum etwas anderes.Ende Juni spielte Dean in Dublin das letzte Konzert ihrer Europatournee. Das Kleid, das sie dabei trug, wirkte wie ein Tribut zurück an ihre Fans. Es stammte von Jacquemus, war weiss und mit riesigen schwarzen Polka-Dots übersät. Das Punktemeer wurde damit um einige reicher.Schliesslich geht es bei diesen Konzerten um ein Gemeinschaftsgefühl. Es ergreift einen, wenn man dieselben Songtexte auswendig kann wie Tausende fremde Menschen. Wenn man dasselbe trägt. Oder wenn man dasselbe trägt, weil man dasselbe Tiktok-Video gesehen hat. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Konzert oder Kostümparty? Die neue Fan-Garderobe kennt keine leisen Töne
Krawatten für Harry Styles, Punkte für Olivia Dean: Inoffizielle Dresscodes boomen bei Popkonzerten – wie Fan-Outfits zum Teil der Show werden.









