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Die deutsche Chemieindustrie profitiert kurzfristig vom Krieg in Nahost. Foto: REUTERS Chemieindustrie: Chemieunternehmen erhöhen Prognosen – doch der Optimismus ist verfrüht BASF, Covestro und Evonik erhöhen ihre Prognosen. Warum eine exklusive BCG-Studie dennoch keine Trendwende zeigt und was für die Chemiebranche jetzt zählt.
Negative Schlagzeilen ist die deutsche Chemieindustrie inzwischen gewohnt. Umso mehr Aufmerksamkeit erzeugten deshalb die Nachrichten der vergangenen Wochen: Im Juni hob das Essener Chemieunternehmen Evonik seine Prognose für das bereinigte Ebitda auf eine Spanne zwischen 2,0 und 2,2 Milliarden Euro an (zuvor: 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro).Vergangene Woche zog der Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro nach und erhöhte nach einem starken ersten Halbjahr seine Jahresprognose: Das operative Ergebnis soll nun „deutlich oberhalb“ des Vorjahreswerts liegen, statt wie bisher erwartet auf Vorjahresniveau.Diese Woche folgte der Branchenriese BASF: Für das Gesamtjahr rechnet der weltgrößte Chemiekonzern mit einem operativen Gewinn vor Sondereinflüssen zwischen 6,9 und 7,7 Milliarden Euro – das sind zehn Prozent mehr als bisher erwartet.Chemieunternehmen BASF hebt nach Gewinnsprung Jahresziele an Warum BASF, Covestro und Evonik ihre Prognosen erhöhenAlle drei Unternehmen profitieren von demselben Effekt: Durch die wochenlange Schließung der Straße von Hormus kam es in Fernost zu Engpässen in der Versorgung mit Öl für die Petrochemie. Viele Käufer wichen daraufhin auf europäische Hersteller aus, die weiterhin lieferfähig blieben – und ließen sich diese Zuverlässigkeit auch etwas kosten. So konnten die deutschen Hersteller zuletzt ihre Preise deutlich erhöhen, die Verkaufsmengen stiegen dennoch.Branchenexperten warnen jedoch vor Optimismus, darunter auch die Chemieexperten der Unternehmensberatung BCG. „Die Hauptprobleme der europäischen Hersteller sind weiterhin ungelöst. Die aktuelle Verbesserung ist ein kurzfristiger Effekt – keine strukturelle Erholung und keine Trendwende“, mahnt Jan Friese, der gemeinsam mit Kollegen eine neue Studie zur Chemiebranche verfasst hat. Das Papier liegt der WirtschaftsWoche exklusiv vor. Darin zeigen die Experten auf: In den vergangenen Jahren haben höhere Energie- und Rohstoffkosten, strengere Vorschriften, anhaltende weltweite Überkapazitäten und sich verändernde Nachfragemuster die Wettbewerbsposition Europas stetig geschwächt.Die Folgen dieses strukturellen Umbruchs manifestieren sich bereits in einer geringeren Anlagenauslastung, in Margendruck, Werksschließungen und Veräußerungen: Zwischen 2020 und 2025 lagen die europäischen Auslastungsraten rund 10 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020. „Die Belastungen sind nicht konjunktureller Natur“, erläutert Friese. „Sie spiegeln dauerhafte Veränderungen in der Wirtschaftlichkeit der Chemieindustrie wider.“Ähnlich klingt das beim Präsidenten des Verbands der chemischen Industrie. Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen sagte Markus Steilemann am Donnerstag: „Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende.“ Die chemische Industrie in Deutschland stecke weiter in der Krise. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion nach Angaben des Branchenverbands VCI rund drei Prozent unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro.Aktie Harbour Energy Aggressive Agenda Die Besitzer der ehemaligen BASF-Tochter Wintershall Dea setzen voll auf fossile Energieträger. Die Wachstumsstrategie ist riskant – und für mutige Anleger interessant. von Frank DollZugleich seien die Investitionen das dritte Jahr in Folge rückläufig. Für das Gesamtjahr senkte der Verband seine Prognose für die Produktion auf einen Rückgang um 1,5 Prozent. Noch zu Jahresbeginn war man von einer Stagnation ausgegangen.Diese Chemiesegmente stehen besonders unter DruckDer Analyse der BCG-Experten zufolge sind allerdings nicht alle Segmente gleichermaßen von den Herausforderungen betroffen. „Differenzierte, defensive Segmente mit stärkerer Innovationskraft oder Kundennähe bleiben vergleichsweise widerstandsfähig“, erklärt Friese. Schließlich ließen sich diese Produkte nicht einfach kopieren. Vor der größten Herausforderung stünden dagegen energieintensive und global gehandelte Chemikalien, die leicht austauschbar seien. „Für sie wird es am schwersten, wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Friese.Damit steht Europa vor einem Dilemma. Hierzulande hat man viele Jahre stark davon profitiert, über vollständig integrierte Wertschöpfungsketten zu verfügen – vom Steamcracker über die Spezialchemikalien bis zum fertigen Produkt. Das war zugleich ein handfester Kostenvorteil: kurze Wege, kurze Lieferzeiten, wenig Emissionen. Bricht nun aber ein Teil dieser Kette weg, wird es kompliziert.„Wenn ich aus der Wertschöpfungskette einzelne Teile herausbreche, gerate ich in eine Abhängigkeit und in höhere Komplexität“, erklärt Friese. Gleichzeitig gilt aber: „Wenn sich diese Anlagen hier dauerhaft nicht mehr wettbewerbsfähig betreiben lassen, werden sie langfristig am Standort nicht gehalten werden können.“Unklare neue Regeln Der AI Act sorgt für Regulierungschaos in der deutschen Industrie KI für industrielle Anwendungen ist eine Riesenchance für Deutschlands Mittelstand. Nur wüssten die Firmen gern bald, welchen Regeln aus Brüssel sie bitte zu entsprechen haben. von Antonella Corrado und Clara ThierFür den BCG-Experten steht fest: „Die europäische Chemieindustrie kann es sich nicht leisten, auf einen konjunkturellen Aufschwung zu warten.“ Stattdessen müssten sich Unternehmen jetzt an das veränderte Wettbewerbsumfeld anpassen.Was Unternehmen und Politik jetzt tun müssenAm Ende würden diejenigen überdurchschnittlich performen, die frühzeitig ihre Portfolios neu ausrichten, ihre Strukturkosten senken, sich finanziell vorteilhafte Rohstoffe und Energie sichern und stärkere Positionen in differenzierten, defensiven Segmenten aufbauen.Konkret heißt das: Die Unternehmen müssen ihre Portfolios ehrlich hinterfragen. „Nicht jede Anlage und nicht jeder Standort wird sich dauerhaft halten lassen“, kommentiert Friese. Gleichzeitig dürfe es nicht nur ums Sparen gehen. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, müsse auch produktiver werden. Dabei könne etwa KI ein Hebel sein.Unter Zugzwang sehen die Branchenkenner auch die Politik: „Beide müssen gemeinsam handeln“, fordert Friese. Auch der VCI verlangt von der Bundesregierung einen konsequenten Reformkurs – mit wettbewerbsfähigeren Unternehmenssteuern, niedrigeren Arbeitskosten, schnelleren Genehmigungen und weniger Bürokratie.Einen ersten Schritt ist die Politik am Freitag bereits gegangen: Die EU hat ein Reformpaket für den Europäischen Emissionshandel (ETS) vorgestellt und schwächt damit ihr wichtigstes Klimaschutzinstrument ab. Die Versteigerung der Zertifikate soll später enden als geplant, zudem sollen einige Sektoren länger kostenlose Zertifikate erhalten. Damit müssen die Emissionen der Industrie nicht mehr so schnell sinken wie ursprünglich vorgesehen. 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