An eine Urlaubsreise ist für Robin Kassel und seine Familie nicht zu denken. Er hat mit seiner Familie trotzdem eine gute Zeit, denn in den Ferien leben sie fast ausschließlich am Wasser. Mal in Großkrotzenburg am Badesee, mal am Mainufer in Frankfurt, Aschaffenburg oder Seligenstadt. Überall dort hat er mit seinem Unternehmen Main-SUP Standorte, an denen er Stand-up-Paddle-Bretter verleiht, Kurse und Events für Erwachsene und Kinder anbietet.Das bedeutet oft mehr als sechs Stunden auf dem Wasser, wenn er mehrere Gruppen nacheinander hat, denn die Touren dauern zwei oder vier Stunden, und auch der Verleih am Badesee ist mindestens sechs Stunden geöffnet. „Das schaffe ich nicht allein“, sagt Kassel, der nur eine Festangestellte für die Büroarbeit hat. Ansonsten umfasst sein Team bis zu zehn Minijobber. „Ohne die geht es nicht“, sagt er. Schließlich müssten bei größeren Gruppen zwei oder drei Begleiter mitfahren. Weil das Geschäft je nach Wetter und Standort aber stark schwankt, braucht er bei seinen Mitarbeitenden hohe Flexibilität, und das gehe nur über die Minijobber.„Das sind ja keine Leute, die davon leben“, sagt Kassel: „Wir haben Schüler, Studenten, Banker und Lehrer.“ Die machten das nur zum Teil, um etwas dazuzuverdienen, die meisten eher aus Spaß und Liebe zu dem Sport. Für ein Geschäft, das es hauptsächlich nur von März bis Oktober gebe, könne man aber niemanden fest anstellen. Zumal diese eine Person dann auch nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein könnte. Kassel fürchtet nun, dass die Minijobber, für die er ohnehin schon hohe Nebenkosten hat, für ihn noch um einiges teurer werden könnten, so wie für viele Unternehmer, die mit den sogenannten geringfügigen Beschäftigten arbeiten.Hoher Anteil von Frauen unter den MinijobbernAuch in der Landwirtschaft, im Handel, in der Gastronomie und vielen Kulturbetrieben sieht man die Pläne der Bundesregierung mit großer Sorge. Die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission hatte im Juni in ihren Vorschlägen zur Rentenreform die Abschaffung von Minijobs für die meisten Bevölkerungsgruppen vorgeschlagen. Nur noch Schülern sollten die beitragsfreien Jobs vorbehalten sein, alle anderen Minijobber müssten dann in die Sozialversicherung einzahlen. Dagegen hatte unter anderem das Studierendenwerk protestiert und darauf verwiesen, dass etwa zwei Drittel der Studierenden einen Job hätten und nur so ihr Studium finanzieren könnten.Zu den Plänen der Bundesregierung gehört auch noch das Vorhaben von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die Minijobs mit höheren Arbeitgeberbeiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung zu belegen. Damit würden sich die von den Arbeitgebern zu entrichtenden Sozialversicherungsbeiträge für Minijobber von derzeit rund 31 Prozent auf etwa 39 Prozent erhöhen.Von den geplanten Regelungen könnten Millionen Jobs betroffen sein: Nach Angaben der Minijobzentrale sind bundesweit aktuell 6,5 Millionen Menschen geringfügig beschäftigt. In Hessen sind es nach Angaben der Regionaldirektion der Arbeitsagentur mehr als 613.000. Davon hat etwas mehr als die Hälfte (330.000) ausschließlich einen Minijob. Gut 280.000 arbeiten neben einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Unter denjenigen, die nur einen Minijob haben, sind viele Frauen, ihr Anteil beträgt gut 58 Prozent. Bei denen, die es als Zweitjob machen, sind es 52 Prozent.„Ziel sollte sein, Erwerbsanreize zu stärken“„Minijobs sind in ihrer heutigen Ausgestaltung vor allem dort problematisch, wo sie die einzige Erwerbstätigkeit darstellen“, teilt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Hessen auf F.A.Z.-Anfrage mit. Denn die Erfahrung deute darauf hin, dass geringfügige Beschäftigung Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit und zum Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mindern könne. „Angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs und der demographischen Entwicklung spricht daher vieles dafür, diese Beschäftigungsform deutlich einzugrenzen“, heißt es weiter von den Arbeitsmarktexperten. Insbesondere bei Frauen könnten Minijobs dazu beitragen, dass Erwerbsumfänge dauerhaft niedrig blieben.„Ein Wegfall oder eine deutliche Eingrenzung von Minijobs dürfte deshalb dazu beitragen, dass ein Teil der heute ausschließlich geringfügig Beschäftigten seine Arbeitszeit ausweitet oder in reguläre Beschäftigung wechselt“, so die Einschätzung des Instituts und weiter: „Eine vollständige Abschaffung wäre jedoch nicht zwingend der beste Weg.“ Sinnvoll erscheine es vielmehr, Minijobs auf bestimmte Gruppen wie Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie Rentner zu begrenzen. Denn: „Ziel sollte sein, Erwerbsanreize zu stärken, die soziale Absicherung zu verbessern und den Übergang in reguläre Beschäftigung zu erleichtern.“Arbeitgeber: Robin Kassel, Chef von Main-SUP, kann seine Stand-up-Paddle-Kurse und Events nur mit Minijobbern organisieren.Lando HassVom Handwerk bis zur Landwirtschaft: viele Branchen betroffenDie meisten Minijobber gibt es nach Angaben der Arbeitsagenturen im Handel und im Gastgewerbe, aber auch im Handwerk, bei Dienstleistungen sowie im Sozial- und Gesundheitswesen. Und auch die Landwirtschaft ist nach Angaben des hessischen Bauernpräsidenten Karsten Schmal auf diese Beschäftigungsform angewiesen. „Es ist tatsächlich so, dass wir, als die Reformvorschläge der Bundesregierung kamen, schon in Sorge waren, dass diese Jobs komplett wegfallen“, so Schmal. Denn gerade die Landwirtschaft brauche diese Arbeitskräfte zum Beispiel als Erntehelfer. „Da haben wir ganz viele Minijobber, die das auch machen, weil sie Spaß an der Arbeit haben, aber einen anderen Beruf haben oder noch zur Schule gehen oder studieren“, erläutert Schmal. „Es wird wohl teurer, so ist das“, sagt Schmal, setzt aber hinzu: „Hauptsache, wir können diese Form der Beschäftigung beibehalten, das halte ich für ganz wichtig.“Auch in anderen Branchen sieht man sich nicht in der Lage, ohne die Minijob-Kräfte auszukommen. „Nur so können wir lange Öffnungszeiten abdecken, vor allem die Randzeiten abends und die Samstage“, sagt der Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd, Joachim Stoll. Aber auch zum Überbrücken von Urlaubszeiten und Krankheitsfällen brauchten Händler diese Kräfte.Im Gastgewerbe ist jeder zweite Job ein MinijobAuch in der Gastronomie sieht man sich außerstand, auf diese Beschäftigungsform zu verzichten. „Wer Minijobs abschafft, gefährdet nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die Flexibilität und Zukunftsfähigkeit des Gastgewerbes“, macht der hessische Präsident des Branchenverbands DEHOGA, Robert Mangold, deutlich. Der Verband warnt, dass die geplanten Änderungen die Minijobs massiv verteuern und damit die Branche, die ohnehin angesichts der aktuellen Wirtschaftslage zu kämpfen habe, besonders treffen werde. „Dabei ist gerade diese Beschäftigungsform für Veranstaltungen, Saisongeschäft und Nachfragespitzen unverzichtbar.“ Im Gastgewerbe arbeite jeder zweite Beschäftigte auf Minijob-Basis.Eine drohende Verteuerung der Dienstleistungen befürchtet man auch für das Messegeschäft, wie Oliver Schell, Geschäftsführer der Catering-Tochter der Messe Frankfurt, auf Anfrage sagt, denn die Beschäftigten wären wohl nicht bereit, die Abzüge zu tragen. Der Messe-Dienstleister beschäftigt einige Hundert solcher Kräfte im Service, in der Küche, für Garderoben und Logistik. „Es liegt in der Natur der Sache, dass das Eventgeschäft zu Spitzenzeiten personelle Verstärkung benötigt, deshalb arbeiten alle mit Aushilfen und Minijobbern“, so Schell. Und man dürfe nicht vergessen, auch Minijobs seien feste Vertragsverhältnisse, die Menschen wählten, weil sie ausdrücklich Beschäftigung in einem geringen Umfang suchten, der zu ihrer Lebenssituation passe.Auch für Robin Kassel bleibt das Minijob-Modell die beste Lösung. Sollte der Einsatz der Kräfte aber eingeschränkt werden, dann überlegt er, sein Geschäftsmodell zu ändern und nach neuen Möglichkeiten zu suchen, beispielsweise über eine Umwandlung in einen Sportverein mit Trainern. Eine Möglichkeit, die Handel, Gastgewerbe und andere Dienstleister nicht haben.
Minijobs: Welche Folgen hätte ein Wegfall für Wirtschaft und Unternehmen?
In vielen Branchen sind Minijobber nicht wegzudenken. Derzeit diskutiert die Politik darüber, das Arbeitsmodell abzuschaffen. Doch viele Arbeitgeber Blicken darauf mit großer Sorge.






