In keiner Lebensphase muss man sich mit so vielen Weisheiten auseinandersetzen wie während der ersten Jahre des Elternseins. Dies beginnt in der Regel, bevor das Kind auf der Welt ist, wahrscheinlich, damit man Zeit hat, die erste Weisheit hermeneutisch auf sich wirken zu lassen: Das musst du jetzt genießen. Auch wenn die Tage bald lang sind, aber die Jahre kurz. Aber alle irgendwann durchschlafen. Und alles eh nur eine Phase ist, auch dein derzeit etwas derangiertes Mutterhirn, also entspann dich bitte umgehend, denn: kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen.Ich könnte jetzt noch ein paar Kolumnen in diesem Sound weitermachen, aber vielleicht wirke ich dann unentspannt, und jeder, der einmal einen Fuß in dieses Haifischbecken der Kalendersprüche gesetzt hat, weiß doch: entspannte Mütter, entspannte Kinder, entspanntes Hammerleben.Auch wenn das Ausmaß an passgenauen Sprüchen mit dem Ausmaß an kollektiver Hilflosigkeit korrelieren muss – ein paar sind sicher gut gemeint. Und manche stimmen sogar, muss ich zugeben, etwa: Das wirst du alles bald vergessen haben.So erzählt man mitteilsamen Frauen nach der Geburt, dass man sich an diesen nie gekannten Körperschmerz schon bald nicht mehr wird erinnern können, sonst bekäme ja keine ein zweites Kind, zwinker, zwinker. Nein, man kann nicht in die Menschen hineinschauen, Schmerz nicht ermessen, aber viele werden sich bei der Einschulungsfeier nicht mehr ganz so plastisch daran erinnern, wie sie damals drei Tage in den Wehen lagen. Ebenso wenig daran, dass es mal eine Zeit gab, in der man ganz ohne auf einer Party abzustürzen mit 20 Minuten Schlaf pro Nacht auskommen musste oder einen ganzen Winter lang mehr Kinderkrankenschwester als überglückliche Mutter war.Dinge, die einmal tagesbestimmend waren, anstrengend, beglückend, werden irrelevant, geraten in Vergessenheit. Ja, fallen von einem ab. Wie gut, wenn man ab und zu an sie erinnert wird, weil sie eben nicht irrelevant sind. Mit der Protestaktion „Ich still, wo ich will“ setzen sich Frauen dafür ein, dass das Stillen eines Kindes in der Öffentlichkeit als das wahrgenommen wird, was es ist: ein natürlicher Akt, den es nicht zu kommentieren oder zu kritisieren gilt. Sie posten Still-Fotos von sich, lassen sich im Späti oder der Gemäldegalerie in Berlin professionell fotografieren. Vor ein paar Wochen war eine Mutter in einem Einkaufszentrum in Saarbrücken vom Sicherheitsdienst dazu aufgefordert worden, das Stillen ihres Babys zu unterlassen. Mutmaßlich von Menschen, die selbst einmal an der Brust genährt wurden.Und auch wenn ich mich eher dunkel daran erinnere, wie sehr ich mich auf der pandemischen Wochenbettstation relativ allein damit abmühte, zum ersten Mal ein Baby zu versorgen, habe ich den bald darauf einsetzenden Still-Drill noch sehr präsent im Kopf, verpackt in Fragen. Stillst du? Und dann, Monate später: Stillst du noch? Weisheiten dazu, wieso einem eingehämmert wird, Stillen sei das Beste, was man tun könne, dieses Stillen aber bitte einigermaßen diskret stattfinden soll, habe ich leider nicht parat.In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike-Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.