Basil Kerski, Kulturmanager und Präsident der Stiftung „Haus der Geschichte NRW“, am Johannes-Rau-Denkmal (Düsseldorf)Quelle: Silvia ReimannDer 80. Geburtstag Nordrhein-Westfalens naht – höchste Zeit, all den selbsternannten NRW-Erklärern zuvorzukommen. Im Interview erläutert Basil Kerski, der Leiter des Hauses der NRW-Geschichte, anhand von sechs Objekten, was es mit diesem Land wirklich auf sich hat.Ah, der Duft der Geschichte“, schmunzelt Basil Kerski. Er spaziert die mit rotem Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Und hinein in einen leicht muffigen Raum voller brauner Tische. Hinter ihnen hängt eine braune NRW-Karte. Wir befinden uns in der Villa Horion in Düsseldorf. Bis 1999 diente sie als Sitz der NRW-Ministerpräsidenten. Der Raum mit seinem aktenbraunen Charme fungierte als Kabinettssaal. Aktuell wird er für wechselnde kleinere Ausstellungen zur NRW-Geschichte genutzt. Der deutsch-polnische Kulturmanager Kerski, der 14 Jahre das Solidarnosc-Museum in Danzig führte, arbeitet an einer weit größeren Dauerausstellung in einem eigenen Gebäude, dem Haus der NRW-Geschichte. Das wird allerdings erst bis 2030 eröffnet. Immerhin: Für das Gespräch hat er ein paar Exponate auf dem ehemaligen Kabinettstisch platziert.Basil Kerski: Schauen Sie mal: die Geburtsurkunde des Landes! (Kerski greift nach einem Papier, der „Verordnung Nr. 46“ der britischen Besatzungsbehörde. Darin teilt die Besatzungsbehörde mit, in ihrem Machtbereich seien nun mehrere Länder gegründet worden – auch NRW. Es datiert auf den 23. August 1946.)WELT: Herr Kerski, feiern wir den Landesgeburtstag falsch? Da steht 23. August. Die Landesregierung begeht die zentrale Geburtstagsfeier aber am 28. August.Kerski: In der verspäteten Feier spiegelt sich aber etwas Wahres: Die Gründung des Landes war ein Prozess, sie lässt sich nicht auf ein Datum festlegen. Über Jahre hinweg schufen die Besatzungsmächte Verwaltungs- und Regierungsstrukturen im besiegten Deutschland. Den Briten ging es, anders als den Sowjets im Osten, um demokratische Strukturen, was erst 1947 in der ersten freien Landtagswahl mündete.WELT: Dabei erblickte ein anorganisches Konstrukt namens NRW das Licht der Welt.Kerski: Zumindest verstanden sich Rheinländer und Westfalen nie als zusammengehörig. Auch unter preußischer Herrschaft bis 1945 wurden sie nie in einer Provinz vereint. NRW brachte stark katholische und stark protestantische Regionen, ländliche Räume und hochindustrielles Revier zusammen.WELT: In der sogenannten „Operation Marriage“ verheirateten die Briten also, was nicht zusammengehörte. Warum diese Zwangsehe?Kerski: Das klingt so schroff. Immerhin entstand eine vielfältige Bevölkerung, die seitdem als politische Einheit funktioniert. Gerade diese Vielfalt wirkt modern, wenn man an unser heutiges Zuwanderungsland denkt.WELT: Aber warum dieser Zuschnitt, der ein so heterogenes Land schuf? Kerski: Damals stritten die Alliierten über das Ruhrgebiet. Dieses industrielle Zentrum Deutschlands hatte bis 1945 als Rüstungsfabrik des Reiches gedient. Das sollte sich nicht wiederholen. Es wurde eine internationale Aufteilung debattiert oder ein Vier-Mächte-Status wie in Berlin.WELT: Dann hätte Stalin einen Fuß im Revier gehabt.Kerski: Das wollten die Briten verhindern. Auch deshalb konzipierten sie NRW als Land mit industriellem Zentrum und agrarischem Raum, der die Lebensmittelversorgung sicherte. 1946 grassierte ja noch der Hunger. WELT: Doch die Verbundenheit mit diesem Bindestrich-Land ist bis heute niedrig.Kerski: Bei NRW wird immer über Bindestrich-Identität gesprochen. Aber die meisten Länder haben erst nach 1945 ihren heutigen Zuschnitt erhalten. Abgesehen davon: Als stabile demokratische Einheit hat NRW sich bewährt. WELT: Einem ist es dann doch gelungen, die Verbundenheit der NRWler mit ihrem Land zeitweise zu steigern.Kerski: Johannes Rau. Er hat als erster stark auf die Identitätsfrage gesetzt mit seiner Wir-in-NRW-Kampagne.WELT: Die wuchs sich aus zu permanenter landespatriotischer Rhetorik.Kerski: Das stieß aber nur aufgrund seiner Persönlichkeit auf Gegenliebe. Von seinem ganzen Temperament her strebte Rau danach, unterschiedliche Menschen zusammenzuführen.WELT: NRW war unter Rau auch noch nicht so heterogen wie heute.Kerski: Naja, es fing 1946 schon bunt an. Millionen Menschen aus der späteren DDR und den ehemaligen Ostgebieten strömten nach NRW.WELT: Das waren meist Deutsche.Kerski: Aber sehr unterschiedlich geprägte. Und die Zuwanderung aus anderen Ländern begann auch schon 1955 durch ein Anwerbeabkommen mit Italien, 1961 eins mit der Türkei und noch einigen anderen. (Kerski hebt ein schneeweißes Krankenschwesternhäubchen hoch, siehe Foto zwei): Diese Haube trug eine der 10.000 koreanischen Krankenschwestern, die zwischen 1966 und Mitte der 1970er einwanderten. Schon damals existierte Personalmangel in Krankenhäusern.WELT: Die koreanischen Zuwandererinnen wurden nach Arbeitsmarktbedarf ausgewählt, ihre Zahl wurde festgelegt, die meisten von ihnen heirateten Deutsche. Dieser Verlauf ist die Ausnahme.Kerski: Dass Zuwanderer sich hier beheimaten, scheint mir aber die Regel zu sein. Es stimmt allerdings, dass andere Migrationsbewegungen andere Ausmaße hatten und weniger kontrolliert abliefen. Den Anwerbeabkommen lag ja die naive Idee zugrunde, Arbeitskräfte kämen, blieben eine Weile und kehrten dann zurück. Aber so funktioniert das nicht.WELT: Als die Anwerbung 1973 beendet wurde, lebten 1,3 Millionen sogenannte Gastarbeiter in NRW. Heute haben 31,9 Prozent der NRW-Bewohner Zuwanderungsgeschichte.Kerski: Wir sind unübersehbar ein Land der Vielfalt.WELT: Ein weiteres Schlagwort, mit dem Landespolitiker NRW gerne beschreiben, lautet „Strukturwandel“.Kerski (schmunzelt): Jedes Land befindet sich fast immer im Wandel. Außerhalb Deutschlands amüsiert man sich – so scheint es mir – darüber, dass die Deutschen den Wandel oft als das Außergewöhnliche thematisieren.WELT: Immerhin erlebte NRW ökonomisch ein enormes Auf und Ab. Nach 1945 erblühte das Revier als europäisches Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie, jede zweite Arbeitskraft war Ende der 1950er von der Montanindustrie abhängig.Kerski: Bis der Strukturwandel kam. Kohle-, Textil- und Stahlindustrie hielten der internationalen Konkurrenz immer weniger stand, ein gewaltiger Schrumpfprozess begann. Über die Jahrzehnte verloren viele hunderttausend Menschen ihren Job, über 1000 Zechen und Hütten schlossen.WELT: Ein permanentes Erdbeben.Kerski: Ja, nicht nur Arbeitsverhältnisse, auch Lebensverhältnisse wurden umgekrempelt. Das führte zu einer Protest- und Volksbewegung, worauf auch unser Plakat „Hattingen muss leben“ hinweist. In Hattingen wollte Thyssen ein großes Stahl-Hüttenwerk schließen. 30.000 Menschen demonstrierten dagegen, die Frauen der Stahlarbeiter traten in Hungerstreik.WELT: In dem 1854 gegründeten Hüttenwerk arbeiteten zeitweise 10.000 Menschen – bei 50.000 Einwohnern.Kerski: Da zerbrach eine Welt. Hattingen steht für viele Städte, in denen die Stahlkrise der 80er-Jahre Angst und Widerstand auslöste – von Duisburg bis Oberhausen. Zugleich bot dieser Kampf aber auch ein großes Solidaritätserlebnis, weil die Betroffenen sich gegenseitig unterstützten. Und: In all der Sorge blitzte immer wieder die Hoffnung auf, dass dort, wo ein Ende naht, auch Neues wird.WELT: Und es wurde Neues.Kerski: Vor allem entstand eine außergewöhnliche Hochschätzung für Bildung. Das ging hinaus über den massiven Ausbau der Hochschulen oder die Arbeit an der dualen Ausbildung. Bildung an sich wurde als Top-Ressource entdeckt.WELT: NRW-Regierungen rühmen sich seither mit dem Slogan „Wir können Wandel!“. Wurde der Strukturwandel denn erfolgreich gestaltet?Kerski: Mit sehr vielen Milliarden Euro wurde der Wandel sozialverträglich gestaltet. Schließungsprozesse wurden verlangsamt, alternative Beschäftigung wurde organisiert. Aber noch heute gilt das Revier manchen als Armenhaus der Republik.WELT: Manches hätte man besser machen können?Kerski: Gewiss, aber: Dieser gewaltige Umbruch hat weder zu Massen-Verarmung noch zu Radikalisierung oder Extremismus geführt. Das ist viel.WELT: Extremismus suchte NRW gleichwohl heim.Kerski: Schauen Sie (Kerski hebt ein grünes Buch mit Einschussloch hoch): Dieses Buch stand im Arbeitszimmer des Treuhand-Chefs Rohwedder, als er 1991 von der RAF ermordet wurde. Sie erschossen ihn durch das Fenster seines privaten Arbeitszimmers in Düsseldorf-Niederkassel. Eine Kugel traf das Buch. Bei diesem Mord handelte es sich um das letzte große Attentat der RAF.WELT: Wurde NRW von der RAF stark heimgesucht?Kerski: Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer 1977 fand in Köln statt. Seine Geiselhaft und Ermordung gelten als ein Höhepunkt des RAF-Terrors im sogenannten Deutschen Herbst. Daneben gab es mehrere weitere Anschläge, unter anderem auf den Diplomaten von Braunmühl in Bonn, auf die US-Botschaft und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Der Terror traf NRW auch besonders, weil Bonn Regierungssitz war. Aber immerhin: Zumindest diese Form des Terrors wurde besiegt. WELT: Wo wir bei Schrecknissen sind: Steht da hinten auf der Schachtel „Contergan“?Kerski: Das sind Contergan-Tabletten der Stolberger Firma Grünenthal (Kerski zieht sich die Handschuhe an, die er eigentlich schon die ganze Zeit tragen sollte, und hebt die Original-Tabletten hoch, siehe Foto fünf), die weltweit bei rund 10.000 ungeborenen Kindern zu Fehlbildungen oder Totgeburten führten, weil Schwangere in den 1960er-Jahren die Tabletten als Beruhigungsmittel einnahmen.WELT: Wie sind Sie in deren Besitz gekommen?Kerski: Eine Betroffene übergab uns eine Sammlung von Fotos, Schriftwechseln und anderem rund um das Thema. Zunächst plante sie eine eigene Ausstellung. Dann gab sie das Vorhaben auf und schenkte uns ihre wertvollen Objekte.WELT: Die Zulassung des Medikaments erfolgte durch das NRW-Innenministerium?Kerski: Ja, das sorgte für Empörung, letztlich aber auch für einen Qualitätsschub in der Zulassungspraxis. Wie so oft: Katastrophen können wenigstens bewirken, dass man aus ihnen lernt.WELT: Mit solchem Horror made in NRW wollen wir nicht enden.Kerski: Es gibt ja auch Avantgarde made in NRW (er tippt auf einen handbeschriebenen Zettel). Das ist der Text des Lieds „Autobahn“ von der international so einflussreichen Elektropop-Band Kraftwerk. Verfasst hat ihn der Beuys-Schüler Emil Schult. Oder hier (Er hebt das Cover von Herbert Grönemeyers LP „4630 Bochum“ hoch): Ein weichenstellendes Meisterwerk!WELT: Im Ernst?Kerski: Es war ein Durchbruch des Deutschrocks! Plötzlich wurde Deutsch nicht mehr nur im Schlager genutzt! Und dann diese machtvolle Botschaft!WELT: Dass das graue Bochum letztlich doch ganz ok ist?Kerski: Dass das scheinbar Graue und Gewöhnliche groß wird – wenn jemand es liebt!.
NRW-Geschichte: Wie Nordrhein-Westfalen zum Land der Vielfalt wurde - WELT
Der 80. Geburtstag Nordrhein-Westfalens naht – höchste Zeit, all den selbsternannten NRW-Erklärern zuvorzukommen. Im Interview erläutert Basil Kerski, der Leiter des Hauses der NRW-Geschichte, anhand von sechs Objekten, was es mit diesem Land wirklich auf sich hat.






