In Ankara überhäufte der amerikanische Präsident die Ukraine mit Komplimenten. Trump hasst Verlierer und liebt Gewinner.Ulrich Speck17.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDonald Trump lobte am Nato-Gipfel in Ankara Wolodimir Selenski überschwänglich. Jetzt unterstützen die USA die Ukraine wieder stärker.Ukraine Presidency / ImagoEs mehren sich die Anzeichen dafür, dass Donald Trump seine Haltung zur Ukraine geändert hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dem Nato-Gipfel in Ankara hat der US-Präsident kürzlich viele Beobachter überrascht. Während einer gemeinsamen Pressekonferenz hat er den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski mit Lob geradezu überhäuft. Und er versprach der Ukraine die Lizenz zum Bau von Patriot-Raketen – eine deutliche Investition in die langfristige Zukunft der Ukraine.Am 10. Juli konnte der kurz darauf verschiedene US-Senator Lindsey Graham von Kiew aus verkünden, dass das Weisse Haus einer Verschärfung der Sanktionen gegen Russland zugestimmt habe. In einem gemeinsamen Statement mit anderen Senatoren hiess es: Da Russland sein «Abschlachten von Zivilisten verstärkt», müsse der Druck auf die Abnehmer von russischem Gas und Öl erhöht werden, mit deren Verkauf der Krieg finanziert werde.Die USA haben die Unterstützung der Ukraine zwar nie wirklich beendet. Die Ukraine ist bei ihrer Kriegsführung stark von amerikanischer Aufklärung abhängig. Und auch wenn die Europäer nun dafür zahlen, geht die Belieferung der Ukraine mit wichtigen US-Waffen doch weiter. Dennoch schien es oft, als würde Trump die Seite Russlands bevorzugen. Es wurde befürchtet, dass das Weisse Haus die Unterstützung der Ukraine ganz einstellen würde.Deutlich wird der Wandel in Trumps Position auch, wenn man die Pressekonferenz in Ankara mit der Szene im Weissen Haus im Februar 2025 vergleicht. Damals schleuderte Trump dem konsternierten ukrainischen Präsidenten entgegen: «Sie spielen mit dem Leben von Millionen von Menschen. Sie spielen mit dem dritten Weltkrieg!» Und: «Sie haben sich in eine sehr schlechte Position gebracht. Derzeit haben Sie nicht die Karten in der Hand!»Was hat zu dem Gesinnungswandel bei Trump geführt?Ukraine gewinnt StärkeDer Kontext ist jetzt ein anderer. Der amerikanische Präsident hat offenkundig die Hoffnung aufgegeben, Russland und die Ukraine mit Zuckerbrot und Peitsche zu einem Deal, einem Friedensschluss oder zumindest zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Im Februar letzten Jahres erklärte er noch, die Ukraine müsse einen Deal machen, sonst seien die USA «raus». Mittlerweile scheint Trump akzeptiert zu haben, dass er damit nicht weit kommt.Vor allem aber dürfte die Ukraine in der Gunst des US-Präsidenten gestiegen sein, weil sie auf dem Schlachtfeld Russland Paroli geboten hat. Viele Beobachter sehen die Ukraine militärisch mittlerweile auf Augenhöhe mit Russland. Die fehlende Masse an Soldaten wird durch den technologischen Vorsprung gegenüber Russland ausgeglichen. Und mit der nun verfügbaren Möglichkeit, Militärschläge tief in Russland durchzuführen, hat die Ukraine Russland in Bedrängnis gebracht.Mit anderen Worten: Die Ukraine hat jetzt «Karten in der Hand», die sie spielen kann. Das Machtverhältnis zwischen Kiew und Moskau hat sich verändert. Die Ukraine ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr das bedürftige Opfer, sondern ein Machtfaktor. Als Selenski im März nach Nahost reiste und dort mit mehreren Golfstaaten militärische Abkommen schloss, wurde deutlich, dass die Ukraine nicht mehr nur Nehmer von Sicherheit ist, sondern längst auch ein Geber.Nichts beeindruckt den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten so sehr wie Stärke und Macht. Darin unterscheidet er sich von den meisten seiner Amtsvorgänger.Amerikanische Visionen von OrdnungStärke und Macht waren zwar immer zentral im Verhältnis der Staaten zueinander. Doch haben sich die USA seit dem 20. Jahrhundert immer auch durch eine Vision von Ordnung hervorgetan, die über blosse Machtpolitik hinausging. Prominent war dabei Woodrow Wilson, dessen Vision von demokratischem Frieden und Völkerbund den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg prägte. Und während noch der Zweite Weltkrieg tobte, arbeitete Franklin D. Roosevelt an einer Nachkriegsordnung für die Welt, in der Staaten Konflikte friedlich beilegen sollten. Das Ergebnis waren die Vereinten Nationen.Auch in jüngerer Zeit hatten amerikanische Präsidenten Leitideen. George H. W. Bush, der das Ende des Kalten Krieges massgeblich gestaltete, propagierte eine neue Ordnung, in der die früheren Gegner die Probleme der Welt gemeinsam lösen sollten.Sein Nachfolger Bill Clinton setzte ganz auf die Globalisierung: Wirtschaftliche Interessen würden politische Konflikte am Ende überflüssig machen, weil alle am gleichen Strang zögen. George W. Bush wiederum wurde von den Terroranschlägen des 11. September 2001 dazu gebracht, mit den Neokonservativen auf eine Freiheitsagenda zu setzen. In seinen Augen war Terrorismus Ausdruck von rückständigem Autoritarismus, den es gegebenenfalls auch mit Gewalt zu brechen galt, um die amerikanisch geprägte Freiheit durchzusetzen.Sein Nachfolger Barack Obama wollte dagegen Amerikas internationale Rolle reduzieren und als freundliche Supermacht mit allen eng kooperieren. Unter ihm florierte das Forum der G-20, das alle wichtigen Ökonomien zusammenbrachte. Bei Joe Biden, der noch stark vom Kalten Krieg geprägt war, waren es die Alliierten, auf die sich Amerika stützen sollte.Trump denkt anders. Ordnungssysteme internationaler Politik sind ihm fremd, er interessiert sich nicht für historische Entwicklungen und politische Ideen. Auf abstrakte Ideen wie den Systemkonflikt zwischen Demokratie und Autokratie, die regelbasierte Ordnung oder Allianzsysteme springt er nicht an. Trump ist gänzlich unintellektuell – und sieht dies keineswegs als Nachteil.Sein eigenes Ordnungssystem stammt aus seiner persönlichen Erfahrung: dem rücksichtslosen Durchsetzen eigener Interessen im Dschungel des New Yorker Immobilien-Business. Hier zählen nur Stärke und Macht – wer kann mir schaden, wer kann mir helfen, wie kann ich dem Gegner meinen Willen aufzwingen?Deutlich wird dies in seinen endlosen Monologen vor Fernsehkameras. Immer wieder gibt es nur ein Kriterium bei der Beurteilung von Ländern: Ist der jeweilige Staatschef stark oder schwach? Welche «Karten» hat er? Wie lässt er sich für die eigenen Zwecke benutzen? Dabei ist es Trump ziemlich egal, worauf die jeweilige Stärke beruht – ob ein Präsident demokratisch gewählt ist oder seine Macht nur auf der gewaltsamen Unterdrückung der Opposition beruht.In der Achtung gestiegenDie Ukraine hatte lange das Pech, in Trumps Wahrnehmung als schwach zu gelten. Beziehungsweise im Krieg mit einem Land zu stehen, das Trump als stark sah.Diese Wahrnehmung hat sich bei Trump verändert. Die Ukraine hat sich als Staat gegen Russland behauptet. Und das, obwohl Trump die Unterstützung für sie erheblich heruntergefahren hat. Zugleich scheint Trump in doppelter Hinsicht von Russland enttäuscht zu sein. Zum einen hat sich Russland auf dem Schlachtfeld als weniger stark erwiesen als von ihm erwartet. Zum anderen hat sich der russische Präsident nicht wirklich als Partner bei Trumps Friedensinitiativen gezeigt.Wladimir Putin hat deutlich gemacht, dass er nicht bereit ist, auch nur aus taktischen Gründen dem amerikanischen Präsidenten selbst eine Zeitlang die Führung zu überlassen.«Präsident Trump schätzt Gewinner», hat der republikanische Kongressabgeordnete Michael McCaul kürzlich gesagt. Solange die Ukraine es schafft, ihre militärische Dynamik aufrechtzuerhalten, hat sie gute Karten im Weissen Haus.Passend zum Artikel
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