Die Schlamperei regiert, nicht nur bei der Bahn, auf dem Bau und bei der Bundeshaushaltsaufstellung, sondern auch in der Produktion von CDs. Die Rückseite des handwerklich insgesamt ansprechend gestalteten Digipaks von Splat!, dem vierundzwanzigsten Studioalbum von Deep Purple, verzeichnet den Song „Gulit Trippin’“. Der zunächst dunkel eingefärbte, durch komplexe Schichtungen disparater musikalischer Muster groovend hindurchwandernde, sich spätestens beim lachenden Honkytonk-Klaviersolo ins Luftige weitende Rocker ist mitnichten eine Reminiszenz an die, wer weiß, bisweilen rauschsubstanzbegleiteten (inneren) Reisen des niederländischen Fußballstars Ruud Gullit, der in den Achtziger- und in den Neunzigerjahren kunstsinnige Betrachter des Spiels betörte. „Guilt [sic!] Trippin’“ handelt eher von einem surrealen Film, den Ian Gillan, der sämtliche Texte verantwortet, versteht, eventuell noch Terry Gilliam (oder Guiltiam) von Monty Python.Die Bandkollegen jedenfalls vermögen dem Vernehmen nach keine Auskünfte über etwaige Bedeutungen der Lyrics zu geben. Gillan erläutert indessen das seinen lässigen, wunderbar nonsensartigen, dem Vorrang des Klangs geschuldeten Wortgespinsten zugrunde liegende, tja, Konzept in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ wie folgt: „Ich stellte mir vor, wie sich Gott und Darwin im Pub treffen und über die Überbevölkerung reden. […] Und was wäre, wenn Menschen sich wie Schmetterlinge verpuppen und in resistentere Wesen verwandeln könnten“, im Sinne eines Übergangs „ins Metaphysische“? Warum über dergleichen nicht sinnieren oder phantasieren? Das haben bereits Dümmere getan (Spinoza, Schelling, Schopenhauer et cetera).Ohnehin sei der Buchstabendreher, der kleine Bruder der semimystischen Umwidmung der bekannten Dinge und der Schlüssel zu einer verborgenen Semantik, gepriesen. Ian Gillan erzählt, dass sich der anheimelnd altmodische Titel „Jessica’s Bra“, der die Hommage an eine flamboyante Kneipengesellschaft ziert, einem Verschreiber verdankt. Er hatte „Jessica’s Bar“ notieren wollen. Simple Fehler offenbaren die Rätselhaftigkeit der menschlichen Sprache.Je kürzer die Songs, desto reicher an StilenAn dem gut gelaunten, keltisch tönenden Uptempo-Stück ließe sich eine Art Formel von „Splat!“ illustrieren: Je kürzer, je kompakter die Songs, die alle, untypisch für Purple, um die vier Minuten lang sind, desto reicher an Stilen, Wendungen, Modulationen, Harmoniewechseln muten sie an. Die ausgedehnten Instrumentalpassagen wurden ausrangiert. Man könnte das „Concise Progrock“ (Thomas Roth) nennen. Schon der donnernde Opener „Arrogant Boy“, der durchaus an „Highway Star“ von „Machine Head“ (1972) erinnert, ist ein Fundus an Formen. Nach den Speed-Metal-Strophen und einem himmlischen Refrain schlagen waghalsig brillante Läufe und Stop-and-Go-Breaks à la Yes, Emerson, Lake and Palmer oder Saga ein, Drummer Ian Paice, der habituelle Buddhist, und Instinktbassist Roger Glover, der Bierstoiker, breiten darunter ihren präzise geknüpften Rhythmusteppich aus – ein majestätisch frecher Spaß.Deep Purple sind ein Amalgamierorganismus, ein überquellendes Archiv voller Patterns und Optionen. Doch bei allen Anklängen und freundlichen Referenzen verkörpern sie ein Genre sui generis. Die fast sechzig Jahre alte Band besitzt eine unverwechselbare Physiognomie, weil das Ganze mehr als die Summe der Teile ist. Dazu tragen der Nachfolger von Jon Lord, der beeindruckend inspirierte Don Airey, und der Nordire Simon McBride maßgeblich bei. McBride, ein extraordinärer Techniker, fungiert als Motorraum, serviert Gitarrenriffs mit Reifenabrieb, schmeißt, der Britishness die Ehre erweisend, die schmutzigen Zutaten des Blues und des Rock ’n’ Roll in die gewagten, verwinkelten, von den popmusikalischen Revolutionen der Siebzigerjahre aufs Kommodeste zehrenden Gebilde hinein. Peng! Paff! Platsch!Simon McBride ärgert sich über die unter Fans verbreitete komparatistische Marotte: „Heute will überhaupt jeder alles mit allem vergleichen. Warum klingt das wie jenes? Hört lieber auf den Sound einer Band im gegenwärtigen Moment.“ Das ist verständlich. Trotzdem hantieren wir, nolens oder volens, mit Hörerwartungen, Hörmöglichkeiten, mit Schemata der Wiedererkennung. Das mag eine biographische oder gar anthropologische Konstante sein. Selbst Adorno konstatierte, dass wir des Gewohnten bedürfen.Eine naturgegebene MaterialermüdungDas entspannte „Diablo“ ist ein Hybrid aus „Wrong Man“ und „Slow Down Sister“, der Popklassiker in spe „The Only Horse In Town“ eine Melange aus „Call Of The Wild“ und „Time To Kill“, „The Beating Of Wings“ eine Mixtur aus einem countrygesättigten Gary Moore und „Lady Double Dealer“, „Sacred Land“ eine Verschmelzung von Led Zeppelin und Whitesnake. Das rührt von der unvermeidlichen, naturgegebenen Materialermüdung im Rockuniversum her. Dergleichen schert das Quintett allerdings nicht. Die angstfreien „lucky buggers“ (Gillan) kultivieren eine Haltung von gewissermaßen philologischer, unideologischer Zeitlosigkeit und synthetisieren in ihrer konstruktiven Gedankenlosigkeit oder vermittelten Authentizität nach Belieben – und sei es, dass dabei schließlich Jazz-Metal herauskommt.„Splat!“ ist in der andauernden Revitalisierungsära der Band, die 2013 mit dem Engagement des Produzenten Bob Ezrin anhob, das wuchtigste, aggressivste Album, und Deep Purple sind das Dementi dessen, dass alles ein Ende findet. Roger Glover sagt es auf rührende Weise: „Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, ein allerletztes Konzert zu spielen. Wir machen einfach weiter. Das ist alles. Wir planen nichts.“