Wann war eigentlich dieses Früher, in dem alles besser gewesen sein soll, und wo liegt es? Der Gemeinderat von Braunschlag tippt auf die Achtzigerjahre und dreht an der Uhr. Er beschließt die Wiedereinführung der Verhältnisse vom Juni 1986, und schon sind Bürger und Besucher durch eine ortspolizeiliche Verordnung zurück in einer Welt ohne Internet, Globalisierung und „Kaffee mit Schaum“.Die Mütter jubeln, dass ihre Kinder endlich wieder „schön fad“ ohne iPad aufwachsen müssen. Die Väter erhoffen sich die Frauen von früher zurück. Die alten Platten laufen auf endlos. Und natürlich dürfen die Bürger innerhalb der Gemeindegrenzen auch rauchen und reden, wie es beliebt. Selbst das N-Wort taucht auf, was der Serie „Braunschlag 1986“, die sich diesen Wahnsinn ausmalt, noch einigen Wirbel bescheren könnte. Sie bittet darum.„Braunschlag 1986“ ist eine Fortsetzung der Groteske „Braunschlag“ von David Schalko, die 2012 von einem fiktiven Ort im Waldviertel und seinen schrulligen Bewohnern erzählte. Damals ging es um eine fingierte Marienerscheinung, die sich der Bürgermeister Gerri Tschach (Robert Palfrader) zur Rettung der Stadtkasse einfallen ließ, gemeinsam mit dem abgehalfterten Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek) von der Dorfdisko.Wir erinnern uns: Meerschweinchen mit heilenden KräftenEs wurde ein einziger Spaß, eine große Seelenschau für alle, die Österreich lieben und aushalten können. Schalko durchmischte das althergebrachte Genre des Schwanks mit irren Ideen, zur Story gehörten etwa ein Ufo-Landeplatz und Meerschweinchen mit heilenden Kräften, aber auch hochtrabende Landespolitiker, notgeile Kirchenvertreter, haufenweise Beziehungsprobleme, und was die Schauspieler vollbrachten, war einzigartig.Leider weiß man, wie es mit Fortsetzungsversuchen gemeinhin läuft: vergleichsweise mäßig. „Braunschlag 1986“ ist da keine Ausnahme. Dabei ist die Grundidee, eine Abrechnung mit der nostalgischen Verklärung der Achtzigerjahre („Eine Wähleranalyse hat ergeben, dass unsere Wähler mehrheitlich in den Achtzigerjahren hängengeblieben sind“), charmant. Und auch diesmal trägt die Geschichte die schmissige Handschrift von Schalko, der mit Daniel Kehlmann einen famosen „Kafka“ schuf.Braunschlag darf wieder besiedelt werdenDie ersten Minuten von „Braunschlag 1986“ erinnern an die atomare Verstrahlung, mit der das Marienprojekt vor vierzehn Jahren endgültig einging. Pfeisinger und Tschach zogen sich weiland in Pfeisingers Disko zurück, die übrigen Bewohner wurden ausquartiert. Nun bimmelt der Telefonapparat: Rainer Katzlbrunner (Simon Schwarz), Landespolitiker im fernen Sankt Pölten, verkündet hochamtlich, dass die Strahlung abnehme. Braunschlag darf wieder besiedelt werden.Für das Duo am Tresen bedeutet das: raus in die Welt. Aber will man das wirklich? Bei einer Welt, die noch unergründlicher ist als jene von 2012? Unterstützt von diversen Schnäpsen, der Erscheinung des Esoterikers Reinhard Mattusek (Raimund Wallisch) und dem Hinweis auf die Gemeindeschulden bei der russlandverflochtenen Raiffeisenbank entsteht eine Idee, die viel zu spinnert ist, um nicht gleich vom konservativen Katzlbrunner und seinem rechtsradikalen Adlatus Sigmund (Stefan Gorski) gebilligt zu werden: Das Leben in Braunschlag soll sich fortan nur noch in Formen von „1986“ abspielen dürfen. Besiegelt wird der Beschluss durch die Bestellung von 3500 Objekten aus den Achtzigerjahren.Der Plan geht auf: Die alten Bewohner kommen zurück und Ausflügler sogar in Scharen. Das Marketing des blutjungen Lockenkopfs „B.B.“ (Arthur Vischer), ein Kindkaiser mit Stranger-Things-Vibes, der Braunschlag als „Detox-Zone“ bewirbt, zahlt sich rasend schnell aus.Wie in „Braunschlag“ stößt allerdings auch in „Braunschlag 1986“ der Geniestreich an seine natürlichen Grenzen. Negative Ereignisse des Referenzjahres wie die Tschernobyl-Kastastrophe lassen sich nicht einfach ausblenden. Auch gibt es reichlich Konfliktstoff durch den schwarzen Pfarrer (David Wurawa), der den ausländerfeindlichen „Provinzadolf“ Siggi erzürnt.Und wo Menschen sind, steht dem Glück der Flucht in andere Zeiten auch das Menschsein im Wege. Der Sohn zum Beispiel, den Pfeisingers Gattin Elfi (Nina Proll) in der ersten Staffel trotz der Unfruchtbarkeit ihres Mannes gebar, ist mittlerweile ein Teenie. Er läuft fast ausschließlich in Darth-Vader-Montur umher, wedelt mit dem Lichtschwert und signalisiert: „Er ist nicht mein Vater.“Für Kurzweil ist mit solchen Drehbucheinfällen gesorgt. Schalko, der auch Regie führt, kann überdreht. Den Zauber des ersten Mals aber sucht man in „Braunschlag 1986“ trotz derber Sprüche und augenzwinkernder Gegenwartsbezüge vergeblich. Früher war es besser? Serienmäßig trifft das hier zu.Braunschlag 1986 läuft von Donnerstag, 16. Juli, an wie die Vorgängerserie auf HBO Max. Eine neue Folge pro Woche.