Der Druck von Trump wirkt: Ein Land nach dem anderen wirft die kubanischen Ärzte rausDank seiner «Armee in weissen Kitteln» nimmt Kuba Milliarden von Dollar ein. Doch nun steht das Geschäftsmodell vor dem Aus – auch wegen Vorwürfen der Sklaverei.16.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie kubanische Ärztin Dalia Escalona wäscht ihre Hände, nachdem sie in einer Klinik in einer Randregion von Guatemala ein Kleinkind untersucht hat. Nun will auch Guatemala die Zusammenarbeit mit Kuba beenden.Cristina Chiquin / ReutersWas ist Kubas wichtigstes Exportprodukt? Es sind nicht Zigarren, und es ist nicht der Rum – es ist medizinisches Personal. Seit 1963 hat der sozialistische Staat mehrere hunderttausend Ärzte und Pflegefachleute ins Ausland geschickt. Fidel Castro nannte sie einst eine «Armee in weissen Kitteln». Derzeit besteht sie aus geschätzt 24 000 Personen. Es ist eine Form von «soft power»: Wenn die entsandten Ärzte in oft abgeschiedenen Regionen die Armen behandeln, erhöht dies das internationale Prestige Kubas.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch es geht eben auch um handfeste ökonomische Interessen. Wie der kubanische Ökonom Ricardo Torres im «Wall Street Journal» erklärte, hat Kuba 2024 dank den Medizinern 5,3 Milliarden Dollar (4,3 Milliarden Franken) erwirtschaftet, indem es den Grossteil ihrer Löhne einzieht. Das entspricht der Hälfte der gesamten Exporteinnahmen des Landes.Deshalb ist das Ärzteprogramm in den Fokus der USA geraten. Die Trump-Regierung versucht seit Monaten, mit einem harten Embargo das kubanische Regime zu stürzen. Dazu hat Washington sukzessive den Druck auf jene über fünfzig Staaten erhöht, die kubanische Ärzte beschäftigen und dafür im Gegenzug die für das Regime so wichtigen Devisen auf die Insel schicken.Androhung von harten MassnahmenDer amerikanische Kongress hat im Februar 2026 ein Gesetz verabschiedet, das empfindliche Strafen für Kubas Partnerländer vorsieht: Wenn diese das medizinische Personal nicht innerhalb von zwei Jahren zurück nach Kuba schicken, laufen sie Gefahr, keine Entwicklungshilfe aus den USA mehr zu bekommen.Auch Behördenmitglieder der entsprechenden Länder können belangt werden. Das bekam etwa ein Mitarbeiter des brasilianischen Gesundheitsministeriums zu spüren: Die USA entzogen ihm sein Visum wegen seiner «Komplizenschaft» in einem Programm, das kubanische Ärzte in abgelegene Gegenden Brasiliens brachte.Geprägt hat das Gesetz der republikanische Abgeordnete Mario Díaz-Balart aus Florida. Er ist der Neffe von Mirta Díaz-Balart, der ersten Ehefrau von Fidel Castro, und Cousin von dessen ältestem Sohn Fidelito. Die Familie Díaz-Balart distanzierte sich schon vor dem Sieg der Revolution im Jahr 1959 von Fidel Castro und hat mehrere führende Figuren der exilkubanischen Opposition hervorgebracht.Kollaps der Gesundheitssysteme drohtDie von Mario Díaz-Balart propagierten Massnahmen treffen Kuba empfindlich. Denn immer mehr Staaten beugen sich dem Druck aus Washington. Andrew Holness, der Premierminister von Jamaica, sagte während eines Besuchs des amerikanischen Aussenministers Marco Rubio im März, die kubanischen Ärzte seien «unglaublich hilfreich» für sein Land. Dennoch beendete Jamaica die seit rund fünfzig Jahren bestehende Kooperation mit Kuba. Zahlreiche weitere Staaten in der Karibik, in Zentral- und Südamerika haben ebenfalls medizinisches Personal nach Kuba zurückgeschickt oder angekündigt, dies bald zu tun.Für die medizinische Versorgung in den betroffenen Ländern dürfte der Rauswurf der Ärzte und Pflegefachleute gravierende Konsequenzen haben. Als Beispiel nennt das «Wall Street Journal» das Engagement von kubanischen Augenärzten in Honduras: Sie operierten gratis Patienten mit grauem Star und bewahrten sie so vor dem Erblinden. Für die arme indigene Landbevölkerung wird die rund 2000 Dollar teure Augenoperation nun wohl unerschwinglich. In mehreren Ländern Lateinamerikas warnen die Behörden davor, dass ein Kollaps des Gesundheitssystems drohe.Das humanitäre Programm Kubas hat allerdings auch eine düstere Seite. Rubio spricht von «staatlich geförderten Menschenhandels-Brigaden». Er bezieht sich dabei auf einen im April veröffentlichten Bericht der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (IAKMR). Sie kommt zu dem Schluss, dass die Arbeitsbedingungen des entsandten medizinischen Personals Merkmale «moderner Sklaverei» aufwiesen.Familienmitglieder als GeiselnDie IAKMR berichtet, dass die kubanischen Ärzte strengen Kontrollmechanismen unterworfen seien. Es sei ihnen nicht gestattet, ohne Bewilligung persönliche Beziehungen zur lokalen Bevölkerung einzugehen oder ihre eigene Meinung zu äussern. Sie müssten ihre Pässe abgeben und dürften nicht selbständig ihre Mission abbrechen. Sonst drohe ihnen ein mehrjähriges Einreiseverbot für die Heimat – und damit die Trennung von der Familie. Die Angehörigen dienen somit als eine Art Geiseln.Auch von finanzieller Ausbeutung ist die Rede: Von den Löhnen, die die Gaststaaten bezahlen, dürfen die Ärzte und Pflegenden nur 5 bis 25 Prozent behalten – der Rest fliesst nach Kuba, so ist es in den Verträgen geregelt. Das Regime weist die Vorwürfe zurück und betont, dass die Mediziner im Ausland immer noch deutlich mehr verdienten, als wenn sie in Kuba geblieben wären. Zudem würden die von ihnen erwirtschafteten Devisen auch dazu dienen, das Ausbildungs- und Gesundheitssystem Kubas zu finanzieren.Die Zeitung «The Guardian» zitiert einen kanadischen Professor für Lateinamerika-Studien, der mit 270 kubanischen Ärzten und weiteren Fachpersonen gesprochen haben will. «Keiner von ihnen hat gesagt, dass er zum Arbeiten gezwungen werde.» Die Verteidiger des Regimes sehen in den Sklavereianschuldigungen deshalb lediglich einen Vorwand der USA, um Kuba wirtschaftlich ausbluten zu können.Mexiko bleibt standhaftIn Mexiko ist die Solidarität mit Kuba gross: Freiwillige bereiten in Mexiko-Stadt Hilfsgüter für die Insel vor.Josue Perez / ImagoNicht alle Länder lassen sich von den Drohungen aus Washington einschüchtern. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum, die auch sonst oft die Konfrontation mit Trump sucht, hat erklärt, dass die kubanischen Mediziner bleiben würden. «Wir haben ein gutes Abkommen mit Kuba, das uns sehr hilft», sagte Sheinbaum.Die kubanische Medizinbrigade mit mehreren tausend Ärzten kam erst während der Covid-Pandemie 2022 nach Mexiko. Sie ist vor allem in peripheren Regionen tätig, wo sonst laut Sheinbaum niemand hinwill. Die linke Präsidentin bestreitet, dass es bei der Entlöhnung Irregularitäten gibt. Und betont, die Arbeitsbedingungen der Kubaner seien würdig. Auch Italien, das als einziges europäisches Land auf die kubanische Hilfe setzt, will die Zusammenarbeit nicht aufkündigen.Passend zum Artikel