Deutschland macht einem chinesischen Vergewaltiger-Netzwerk den Prozess – und China schaut genau hinEine Gruppe chinesischer Männer in Deutschland hat Frauen betäubt, vergewaltigt und Aufnahmen davon in einem privaten Chat geteilt. Vier der Männer wurden bereits in erster Instanz verurteilt. Chinesische Medien stürzen sich auf den Fall.16.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Angeklagte Zhiting S. verdeckt am 8. Juli 2026 im Berliner Landgericht sein Gesicht. Der Mediziner wurde wegen Beihilfe zu einer schweren Vergewaltigung und dreier sexueller Übergriffe zu fünf Jahren Haft verurteilt.Ebrahim Noroozi / APEs sei ein Fall, in dem sich menschliche Abgründe auftäten, ein Fall, der voller Frauenverachtung stecke. Das sagte der Richter bei der Urteilsverkündung vergangene Woche am Berliner Landgericht. «Wir kennen üble Sexualstraftaten, aber dass sie mit so viel Planung, mit Lob, Kommentaren und Hurra-Geschrei geschehen, das ist absolut aussergewöhnlich», sagte er. Solche Fälle seien nach jenem der Französin Gisèle Pelicot zu einem neuen Massenphänomen geworden, das die Justiz in ganz Deutschland beschäftigen werde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gruppe des GrauensIm konkreten Fall geht es um ein Netzwerk von acht Männern, die Frauen zunächst betäubten und danach vergewaltigten. Manchmal teilten sie Aufnahmen oder sogar Livestreams der Taten in einer privaten Chatgruppe auf Telegram. In der Chatgruppe gaben sich die Männer gegenseitig Tipps und stachelten einander an. Bei sieben der Angeklagten handelt es sich um chinesische Staatsbürger, vier wurden bereits erstinstanzlich verurteilt. Einer von ihnen ist der 32-jährige Zhiting S., ein in Deutschland lebender Chinese und Mediziner, der an der Berliner Charité geforscht hatte. Er fungierte dank seiner medizinischen Ausbildung als Ansprechpartner der Gruppe für Narkosemittel.Zhiting S. hatte seine eigene Verlobte betäubt und zusammen mit anderen Männern missbraucht. Die Polizei hat Videos von den Taten beschlagnahmt, die sich vor sechs Jahren in Peking ereignet hatten. Zhiting S. wurde am vergangenen Mittwoch zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung hat Revision angekündigt.Die Telegram-Gruppe war spätestens ab Anfang 2024 aktiv und nutzte Codewörter, um die Taten zu verschleiern. Der Name der Gruppe war «Deutsche Fahrschule für erfahrene Fahrer». In der chinesischen Umgangssprache ist ein «erfahrener Fahrer» ein alter Hase, häufig in Bezug auf sexuelle Erfahrungen. Die Frauen und potenziellen Opfer waren «Autos», eine besonders attraktive Frau ein «Luxusauto», ein «Privatauto» bezeichnete die eigene Partnerin. «Auftanken» stand dafür, die Frau zu betäuben. Wenn die Frau bewusstlos war, bezeichneten die Männer sie als «totes Schwein».Zu den Verurteilten gehören auch der 26-jährige Maschinenbau-Student Tong Z. aus Berlin und Zhongyi J., ein Robotik-Student in München. Tong Z. betäubte und vergewaltigte eine junge Frau und machte über Jahre heimlich intime Aufnahmen zahlreicher Frauen. Zhongyi J. sedierte in sieben Fällen eine Frau, mit der er eine Beziehung hatte, vergewaltigte und filmte sie. Die höchste Strafe erhielt die treibende Figur der Gruppe, der 44-jährige Dapeng Z., ein IT-Experte in der Autoindustrie. Er wurde zu 14 Jahren Haft mit anschliessender Sicherungsverwahrung verurteilt. Er gab sich als Mietinteressent aus, um an seine Opfer, meist Chinesinnen in Deutschland, zu gelangen. Er vergewaltigte auch Frauen in seinem Umfeld. Zudem wurde bei ihm zu Hause Kinder- und Gewaltpornografie gefunden.Dapeng Z. wurde unter anderem wegen mehrfachen versuchten Mordes verurteilt, weil er die lebensbedrohlichen Risiken der Narkosemittel bewusst in Kauf genommen hatte. Die Richter argumentierten auch im Fall von Zhongyi J. mit Tötungsvorsatz, da der Täter selbst dann weitermachte, als die Atmung der Frau aussetzte. Anschliessend liess er sie in betäubtem Zustand allein zurück.Die Polizei kam der Gruppe auf die Spur, weil mehrere Frauen in verschiedenen deutschen Städten 2024 ähnliche Übergriffe gemeldet hatten. Das hessische Landeskriminalamt veröffentlichte im September 2024 eine Warnung vor einem mutmasslichen chinesischen Serienvergewaltiger, auch auf Chinesisch. Im November 2024 wurde Dapeng Z. festgenommen. Über sein Handy und weitere Datenträger stiessen die Ermittler auf die Chatgruppe. Viele der einzelnen Taten konnten nachgewiesen werden, weil die Täter sie gefilmt und gespeichert hatten. Bei den Ermittlungen halfen auch die chinesischen Behörden.Chinesische Medien nutzten die deutsche PressefreiheitIn China berichteten die Medien ausführlich über den Fall, die staatlichen und halbstaatlichen Medien ebenso wie einflussreiche Blogger auf Social Media, die zum Teil eine noch viel grössere Reichweite haben. Dass Chinas Zensoren die Berichterstattung über den Fall weitgehend zuliessen, liegt vermutlich daran, dass keine chinesischen Institutionen in der Kritik stehen. Der Fall lässt sich vielmehr als Erfolg chinesisch-deutscher Polizeikooperation erzählen. Eine Betroffene äusserte sich erstmals öffentlich gegenüber einem chinesischen Medium. Die Polizei hatte ihr Nacktaufnahmen gezeigt, die ihr ehemaliger Freund heimlich von ihr im Schlaf gemacht hatte. «Auf den Fotos sah ich eher wie Beute aus», sagte sie.Im chinesischen Internet trugen Nutzerinnen und Journalistinnen alles zusammen, was über die Täter herauszufinden war: Klarname, Ausbildungs- und Berufsweg, Familie, sogar Wohnadressen und ID-Nummern. Sie wollten damit die Männer identifizieren, weitere Betroffene finden und andere Frauen warnen. Der Richter sprach in einer Verhandlung im Juli in Berlin von einer «Vorverurteilung», nachdem er Material aus chinesischen sozialen Netzwerken gesichtet hatte. Er erkannte dies als strafmildernden Umstand an.Die chinesische Gerichtsreporterin Luo Jieqi schreibt in einem Beitrag auf dem sozialen Netzwerk WeChat, sie habe bei den Aussagen des Richters das Gefühl gehabt, plötzlich seien die Journalisten die Angeklagten. Dabei haben die chinesischen Reporter vor allem das genutzt, was in China oft schwierig ist: Medienfreiheit und die Offenheit deutscher Gerichtsverfahren. Sie wandten sich an die Pressesprecher der Gerichte, besuchten die Verhandlungen, kämpften sich durch seitenlange Anklageschriften und Urteile.In der chinesischen Diaspora in Deutschland, die rund 169 000 Personen umfasst, hat der Fall derweil für Verunsicherung gesorgt. Die Täter wirkten im Alltag unauffällig, sie hatten zum Teil Abschlüsse von Eliteuniversitäten und Stellen bei angesehenen Institutionen und Firmen. Sie gaben sich als hilfsbereite Bekannte aus, kochten für Freundinnen, boten Fahrdienste an oder halfen bei Wohnungsfragen, um sich das Vertrauen ihrer Opfer zu erschleichen. «Gott bei Tag, Teufel bei Nacht» nannte sich zum Beispiel der Student Tong Z. in der Telegram-Gruppe.Zu den Verhandlungen erschienen mit der Zeit Dutzende Chinesinnen aus verschiedenen Städten Deutschlands, um ein Zeichen zu setzen. Im Mai musste dafür die Verhandlung in Berlin in einen grösseren Saal verlegt werden. Ein Kreis von Chinesinnen in Deutschland sammelt jetzt Unterschriften für eine Petition. Sie wollen, dass der Staat härter gegen die Verwendung von K.-o.-Tropfen vorgeht.Passend zum Artikel