«Wir sind doppelt von den Amerikanern abhängig: von ihren KI-Modellen und ihrer Rechenleistung», sagt Deutschlands führende Tech-InvestorinDie deutsche Risikokapitalgeberin Judith Dada ist verärgert darüber, dass Europa den KI-Wandel verschläft. Es brauche einen massiven Ausbau von Rechenzentren, und selbst damit sei Souveränität noch lange nicht garantiert.Kalina Oroschakoff, Ruth Fulterer16.07.2026, 05.30 Uhr9 Leseminuten«Der Gedanke, dass es einen KI-Spitzenbereich geben könnte, zu dem wir keinen Zugang haben, macht mir als Europäerin Sorgen»: Judith Dada.PDJudith Dada zählt zu den prominentesten Tech-Unternehmerinnen Deutschlands. Nach einem Job bei Meta stieg sie als Partnerin bei der deutschen Wagniskapitalfirma La Famiglia ein, inzwischen investiert sie bei dem Investmentfonds Visionaries Club und ist neuerdings Co-CEO der deutschen KI-Firma Langdock. Das Startup arbeitet daran, verschiedene KI-Modelle für Unternehmen auf einer Plattform zugänglich zu machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit einigen Wochen macht «Europe 2031» die Runde, ein Zukunftsszenario aus der Feder von Dada und anderen Europäern aus der Tech-Branche. Anders als viele Berichte, die sich an die politische Elite in Brüssel richten, erzählt «Europe 2031» eine bunte und teilweise sehr emotionale Geschichte über einen Kontinent, der den Anschluss in Sachen KI verliert und infolgedessen wirtschaftlich abstürzt. Nachdem die Regierungen der USA und Chinas begonnen haben, den Zugang zu ihren besten KI-Modellen einzuschränken, wirken Dadas Sorgen relevanter denn je.Ihr Szenario für das Europa der Zukunft dreht sich um eine engagierte EU-Beamtin, die am Ende desillusioniert in das amerikanische Hinterland zieht. Ihr Bruder bleibt in Europa, arbeitslos und verschuldet. Es rettet sich nur der eine Freund, der im Silicon Valley Unternehmer geworden ist. Braucht es diese Art von emotionaler Aufladung, um Interesse für das Thema KI-Wirtschaft in Europa zu wecken?Wir haben das bewusst drastisch formuliert, weil wir glauben, dass Europa den Ernst der Lage nach wie vor massiv unterschätzt. KI wird politisch und industriepolitisch viel zu wenig ernst genommen. Dabei gab und gibt es Vorboten für das, was auf uns zukommt.Zum Beispiel?Stimmen aus dem Silicon Valley, die wir in Europa nicht ernst genommen haben. Wir haben die ganze Zeit Ausreden gefunden, warum wir die Entwicklungen rund um KI nicht ernst nehmen müssen. Wir haben gesagt: Die erzählen doch alle Unsinn, die haben fragwürdige politische Ansichten, die wollen sich einfach nur bereichern. Oder wir haben das Ganze als Hype abgetan. So haben wir immer wieder Gründe gefunden, uns nicht ernsthaft damit auseinanderzusetzen.Im Januar 2025 hat China mit dem KI-Modell Deepseek gezeigt, dass man im KI-Wettrennen aufholen kann, günstiger und mit weniger Rechenleistung als die USA. Das gibt doch Hoffnung für Europa?Deepseek zeigt, dass China in der Lage ist, Frontier-Modelle oder Modelle zu entwickeln, die nahe an der technologischen Spitze liegen. Das sagt zunächst aber noch nichts darüber aus, welche Fähigkeiten wir in Europa haben. Hier sagen Leute oft: Wir müssen das Rennen um die KI gar nicht gewinnen – wir können stattdessen Quantencomputing gewinnen. Wir schieben immer irgendwelche Zukunftsthemen vor, um bloss in der Gegenwart nicht handeln zu müssen. Sie wollen die politische Elite Europas aufrütteln. Worüber sorgen Sie sich in dem Fall, dass Europa bei KI nicht aufholt?Der Gedanke, dass es einen KI-Spitzenbereich geben könnte, zu dem wir keinen Zugang haben – selbst wenn diese Spitzen-KI den Modellen, die wir hier haben, nur sechs Monate voraus ist –, macht mir als Europäerin Sorgen. Wir wären Cyberangriffen durch solche KI schutzlos ausgeliefert. Deshalb müssen wir Wege finden, uns über geostrategische Hebel Zugang zu KI-Spitzenmodellen zu verschaffen. Dafür müssen wir deutlich mehr tun als heute.Ihr Szenario zielt stark auf Rechenleistung und den Bau von Rechenzentren als wichtigste strategische Ressource in der ganzen KI-Wirtschaft ab. Warum?Rechenleistung ist die Infrastruktur, auf der die gesamte KI-Wirtschaft aufbaut. Ähnlich wie das Stromnetz. Das wurde über Jahrzehnte aufgebaut und ermöglicht es uns heute ganz selbstverständlich, das Licht anzuschalten und Strom zu nutzen. Ohne diese Rechenzentren-Infrastruktur lassen sich Modelle weder entwickeln noch einsetzen. Genau hier ist Europa heute extrem schlecht aufgestellt.Wie das?Heute verfügen wir über gerade einmal rund 5 Prozent der weltweiten Rechenkapazität. Die USA kommen auf etwa 75 bis 80 Prozent. Zwischen Europa und den USA klafft also eine enorme Lücke. Selbst wenn wir in Europa ein Modell wie Mythos oder Fable [Anm. d. Red.: die führenden Modelle des KI-Herstellers Anthropic] entwickeln würden – und ich hoffe, dass wir das künftig können –, wir hätten nicht genug Rechenzentren, um sie zum Laufen zu bringen. Wir sind doppelt von den Amerikanern abhängig: nicht nur von den Modellen, sondern eben auch von ihrer Rechenleistung.Was steht dem Bau von Rechenzentren in Europa im Weg?Bei der Energie ist Europa in vielen Bereichen eigentlich gut aufgestellt. Bei den erneuerbaren Energien sind wir in vielerlei Hinsicht führend und verfügen über viele innovative Unternehmen, die den Ausbau vorantreiben. Gleichzeitig sind unsere Energiepreise im internationalen Vergleich deutlich höher – gerade gegenüber den USA und China sind wir deshalb weniger wettbewerbsfähig. Und es ist einfach schwierig in Europa, sehr schnell grosse Mengen an Rechenkapazität zu bauen: Baugenehmigungen und der Netzanschluss sind Hürden. Deswegen braucht es eine starke Form von Deregulierung. «Special economic zones» mit Ausnahmeregeln könnten den Ausbau beschleunigen.Brüssel möchte bis Anfang der 2030er Jahre die Kapazität der Rechenzentren verdreifachen. Reicht das aus?Nein. Aktuell verfügen wir in Europa über rund 2 Gigawatt an Rechenleistung. Um auf 15 Prozent der weltweiten Rechenleistung zu kommen und uns in diesem Feld selbst behaupten zu können, brauchten wir über 50 Gigawatt.Es gibt Fortschritte bei KI-Modellen, die weniger Rechenleistung benötigen. Widerspricht das nicht der Forderung, immer mehr Rechenzentren zu bauen?Chips und Modelle werden effizienter. Das heisst aber nicht, dass wir insgesamt weniger Rechenleistung brauchen.Sondern?Wie viel Elektrizität verbrauchen wir heute im Vergleich zu einem Menschen vor fünfzig Jahren? Wir nutzen deutlich mehr, obwohl elektrische Geräte und Anwendungen viel effizienter geworden sind. Das ist Fortschritt. Beides trifft zu: Die Modelle werden effizienter – und gleichzeitig, und genau deshalb, werden wir eine Explosion in der Rechenleistung sehen.Sie haben Deregulierung angesprochen. Wird das reichen, damit private Firmen die Rechenleistung bauen, von der Sie sprechen?Regierungen und Industrie sagen jeweils, der andere sei am Zug. Beide Seiten zeigen auf die USA als Vorbild. Aber beide Seiten übersehen, dass der Ausbau dort im Wesentlichen von den sieben grössten Tech-Konzernen der Welt finanziert wird. Dazu gehören Unternehmen wie Google, Meta, Amazon oder SpaceXAI. Diese Unternehmen spielen in einer eigenen Liga, wir haben dafür kein Pendant in Europa. Die Frage ist also: Wie können wir jetzt gemeinsam – Regierungen und Industrie durch Finanzierung und Regulierungsabbau – den Ausbau ankurbeln und strukturell auffangen, dass wir nicht die gleiche Grundvoraussetzung haben wie die USA? In unseren Augen heisst das verschiedene Dinge. Wir müssen zuallererst anfangen, unsere Verhandlungsmacht auszubauen.Was schlagen Sie konkret vor?Mithilfe von strategischen Hebeln den Zugang zu Spitzen-KI zu sichern. Wir sprechen deswegen auch gezielt vom Konzept der Mittelmächte.Sie fordern, dass Europa neue Allianzen schmiedet?Die USA kontrollieren nicht die gesamte Lieferkette von KI-Chips. Im Bereich des Designs von Mikrochips kontrollieren die USA 60% des Marktes, doch in den Bereichen der Produktion und Fertigung nur etwa 28 Prozent. Der Rest liegt in Taiwan, Südkorea, Japan, Deutschland, den Niederlanden. China ist gerade dabei, seine eigene Lieferkette aufzubauen, aber das wird noch etwas dauern. Heute dominiert Südkorea den Speicherchips-Markt, das niederländische Unternehmen ASML stellt die Lithografiemaschinen her, ohne die kein Hochleistungschip hergestellt werden kann, und Deutschland ist mit Zeiss einer der Schlüsselakteure [Anm. d. Red.: Zeiss produziert unter anderem die Linsen und Spiegel für ASML]. Wenn wir uns zusammentäten, könnten wir unser politisches Gewicht insgesamt deutlich ausbauen und mit den führenden KI-Akteuren verhandeln. Aber es braucht Veränderungswillen.Sie und Ihre Mitautoren fordern, dass Europa mehr strategische Druckmittel in die Hand nimmt, um sich an der KI-Frontier zu bewähren. Sollte Europa aggressiver gegenüber den USA auftreten?Wir müssen uns behaupten, keine Frage. Aber gleichzeitig ist die Realität doch: Heute führt in Europa kein Weg an den USA vorbei, wenn es um Rechenleistung oder die führenden KI-Modelle geht. Open AI, Anthropic oder SpaceXAI kaufen schon alle Chips und Rechenkapazitäten für die Zukunft auf. Wir müssen die USA überzeugen, dass zusätzliche Rechenzentren nicht in den USA, sondern in Europa gebaut werden.Warum sichert es Souveränität für Europa, wenn amerikanische Tech-Firmen hier Rechenzentren bauen?Es ist erst einmal kontraintuitiv, mit den amerikanischen Tech-Giganten zusammenzuarbeiten, um Rechenzentren in Europa auszubauen. Wir sollten so viel wie möglich aus eigener, souveräner Kraft leisten. Aber wir müssen uns den Realitäten stellen. Das ist kein Markt, den man einfach neu erfinden oder von Grund auf neu aufbauen kann. Es handelt sich um eine hochkomplexe Branche mit einer über Jahre gewachsenen Lieferkette und einer Vielzahl eng miteinander verflochtener Akteure. Europa wird auf absehbare Zeit nicht ohne Partnerschaften auskommen. Deshalb ist es sinnvoll, dabei gemeinsam mit den USA voranzugehen – während wir auch unsere eigenen Rechenzentren bauen. Wir können beides gleichzeitig machen.Welchen Vorteil hat es, mehr Rechenzentren in Europa zu bauen?Erstens läuft KI schneller, wenn die Rechenzentren in der Nähe der Nutzer sind. Zweitens ist es schwieriger für die USA, einfach den Zugang zu ihren KI-Modellen abzustellen, wenn sie in Europa betrieben werden. Und selbst wenn sie es tun, würden die Rechenzentren und Chips erst einmal auf unserem Boden bleiben. Dann schmerzt es zumindest mehr, als wenn all das ausschliesslich in den USA passiert und komplett an Europa vorbeigeht. Unsere Verhandlungsmacht am KI-Spieltisch wird grösser.Muss Europa KI-Spitzenmodelle entwickeln, um sich langfristig zu bewähren?Es gibt gewisse Aufgaben, die «intelligenzhungrig» sind. Dort zahlt sich der Einsatz von möglichst intelligenter KI immer aus. Das Finden von neuen Medikamenten ist dafür ein gutes Beispiel. Dann gibt es «intelligenzsatte» Aufgaben. Dazu gehört die Frage: «Liebe KI, wie viele Ferientage gibt es in Bayern?» Dafür braucht es nicht die beste Intelligenz, sondern die schnellste und günstigste. Ein grosser Teil des wirtschaftlichen Nutzens von KI wird mit kleineren, günstigeren und stärker spezialisierten Modellen entstehen. Trotzdem haben Spitzenmodelle einen wirtschaftlichen und einen sicherheitspolitischen Wert, beispielsweise bei Fragen der Cyberabwehr.Sie sind Risikokapitalgeberin und investieren seit Jahren in KI-Unternehmen. Zurzeit tobt eine heftige Debatte darüber, ob KI-Firmen wie Anthropic oder Open AI überhaupt langfristig Gewinne erwirtschaften können. Würden Sie heute noch in Spitzenmodelle investieren?Ja. Ich bin in einige europäische KI-Labs investiert. Ich würde auch gerne in Anthropic investieren. Anthropic hat mit seinem schnellen Wachstum jeden Rekord gebrochen. Jetzt können wir uns alle hinstellen und sagen: Das ist eine Blase, und Anthropic wird scheitern. Aber ich schaue mir die Zahlen an. Der Markt zeigt ganz deutlich, dass das, was Anthropic baut, nachgefragt wird.Die KI-Blase platzt also doch nicht?Ich sehe eine transformative Technologie. Wir sind so früh in diesem Markt. Die allermeisten Leute experimentieren noch und versuchen zu verstehen, was KI überhaupt bedeutet. Natürlich gibt es ineffiziente Ausgaben, natürlich gibt es Verbesserungspotenzial. Aber zeige mir irgendeinen neu entstehenden Markt, wo das nicht der Fall war. Heisst das, dass KI eine Blase ist? Nein.Wir haben viel über die Rolle der USA gesprochen. Wie aber steht es um China: Viele Startups bauen auf chinesischen Open-Source-Modellen ihre Anwendungen auf. Ist das Land im globalen KI-Wettkampf Freund oder doch Feind für Europa?Wir sind Partner mit China. Das wird sich auch nicht ändern. Dafür ist unsere Wirtschaft zu eng verflochten. Aber sollte Europa künftig lieber eine engere Partnerschaft mit China oder mit den USA eingehen? Unsere transatlantische Geschichte und gemeinsame Werte machen die USA zum naheliegenden Partner. Die chinesischen Open-Source-Modelle sind an vielen Stellen sehr stark. Aber wir sollten es nicht für gegeben erachten, dass wir für immer Zugang zu diesen Modellen haben. China verfolgt eigene strategische Interessen. Doch genauso wenig sollten wir es als selbstverständlich ansehen, dass Europa dauerhaft Zugang zu allen amerikanischen Modellen haben wird.Am Ende des «Europe 2031»-Szenarios sagt eine der Protagonistinnen, dass sie wütend darüber sei, dass Europa «einer Gruppe von machthungrigen Männern» die Zukunft überlassen habe. Sind Sie das auch?Caroline ist wütend, weil wir diesen «machthungrigen Männern» das Spielfeld überlassen haben. Sie ist nicht auf die Männer sauer. Das ist eine wichtige Nuance. Noch immer richtet sich zu viel Energie darauf, Elon Musk, Trump oder «die Amerikaner» zu verabscheuen. Doch während wir das tun, bauen sie die Zukunft. Wir überlassen ihnen das Spielfeld, ohne unser eigenes Gewicht am Verhandlungstisch auszubauen und Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Ich könnte heute nicht sagen, wer in Europa eigentlich diese Verantwortung für die Zukunft trägt. Darüber ist Caroline wütend. Und wenn sich nichts ändert, werde auch ich garantiert darauf wütend sein. Ich tue mein Bestes dafür, dass es anders kommt.Passend zum Artikel
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