Dem Titelhalter Argentinien gelingt im WM-Halbfinal die nächste dramatische Wende – Englands Coach Tuchel erlebt sein persönliches WaterlooArgentinien eliminiert in einem lange trägen WM-Halbfinal den alten Rivalen England und greift am Sonntagabend nach dem Titel. Einmal mehr entpuppen sich Lionel Messi und Co. als Entfesselungskünstler.15.07.2026, 23.08 Uhr4 LeseminutenSpäte Wende: Der Joker Lautaro Martinez schiesst Argentinien in den WM-Final.Dale Zanine / ReutersOhne Superlativ geht es nicht 2026, schon gar nicht an der WM. Als «grösste Rivalität des Fussballs» wurde der Vergleich zwischen Argentinien und England im Vorfeld hier und dort angepriesen. Vor diesem WM-Halbfinal zwischen zwei Mitfavoriten um den Titel, die sich glücklich schätzen können, die Runde der letzten Vier erreicht zu haben. Angesichts ihrer durchwachsenen Auftritte. Argentinien etwa durfte sich bei Breel Embolo für seine sinnfreie Hechtrolle bedanken, dass es im Viertelfinal gegen die Schweiz zu einem glückhaften Sieg reichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich wurden die alten Geschichten wieder aufgewärmt: Der WM-Viertelfinal von 1966 als England auf dem Weg zu seinem bis dato letzten Titel Argentinien im Wembley niederrang, 1:0, in einem erbittert geführten Viertelfinal, nach welchem der englische Coach Alf Ramsey zürnte, bei den Argentiniern würde es sich um «Tiere» halten.An 1986. Als die Erinnerungen an den blutigen Falkland-Krieg noch frisch waren. An eine der legendärsten Partien der WM-Geschichte. Die «Hand Gottes», Diego Armando Maradonas Treffer für die Ewigkeit. Später sagte der vielleicht begnadetste Fussballer der Geschichte: «Wir wussten, dass dort Argentinier gestorben waren, dass man sie wie Vögel abgeschossen hatte. Und das hier war unsere Rache. Es war etwas, das über uns hinausging: Wir verteidigten unsere Flagge.»Der argentinische Trainer deeskaliert, die Vize-Präsidentin provoziertEs sind Duelle, die bis heute nicht vergessen wird. Auch wenn die Zeit manche Wunden geheilt hat: 24 Jahre ist es her, seit die Teams sich letztmals begegneten. An der WM 2002, England siegte dank einem von David Beckham verwandelten Penalty. Beckham, 51, ist heute eine wandelnde Liftfasssäule, die für alles wirbt, wenn nur genug Geld für ihn herausschaut. Man hat ihn an dieser WM oft im Stadion gesehen.Die Begegnung in Atlanta war also politisch aufgeladen, obwohl der argentinische Nationaltrainer Lionel Scaloni vor der Partie sagte: «Es ist ein Spiel gegen einen grossen Rivalen, und ich will nicht Öl ins Feuer giessen. Die Spieler wissen sehr gut: Es ist ein Halbfinal, und das allein ist schon genug. Wir haben ein Gedächtnis und erinnern uns daran, aber es ist nicht nötig, darüber zu sprechen.» Aber nicht alle sahen das so: In der Heimat schrieb die Vize-Präsidentin Victoria Villaruel: «Morgen spielen wir gegen die Piraten, die sich alles unter den Nagel reissen. Das ist nicht einfach nur irgendein Spiel. Ich werde weder politisch korrekt noch gefühllos sein: Gegen die Engländer ist es immer etwas Besonderes. Es geht um die Malwinen, um Diego, um Leos letzte Chance und darum, die Eindringlinge zu stoppen. Denn bis zu unserem letzten Atemzug werden wir einfordern, was uns gehört!» Villaruel ist eine Abtreibungsgegnerin und Vertraute des umstrittenen Präsidenten Javier Milei. Aber offenbar bildet sie mit ihren Ansichten einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung Argentiniens ab.Auf dem Platz wirkte es nicht so, als würde die Geschichte die Spieler allzu stark beschäftigen – warum auch? Die Akteure der Top-Nationen leben in ihren eigener Realität, es sind privilegierte Männer mit abgeschlossener Vermögensbildung, denen die eigene Karriere näher liegen dürfte als politische Fehden, die Jahrzehnte zurück liegen. Man sah zwei bemühte Teams, das gewiss, aber ein bisschen wirkte die Begegnung auch wie ein Kunstprojekt, in dem veranschaulicht werden soll, wie ewig sich ein Fussballspiel anfühlen kann. In der ersten Halbzeit erspielten sich die Equipen einen kumulierten Expected-Goals-Wert von 0,07. Viel ereignisloser kann eine Fussballpartie nicht verlaufen.Argentinien erwacht in der SchlussviertelstundeWie in den vorausgegangenen Partien der K.o.-Phase spielten die Argentinier ihren biederen Minimalistenfussball, den die Schweiz um ein Haar (beziehungsweise: eine Schwalbe) bestraft hätte. Bei England war am meisten Bewegung auszumachen, wenn der deutsche Trainer Thomas Tuchel in den Trinkpausen gestenreich und mit grossem Furor seine Anweisungen weitergab.Das änderte sich in der 55. Minute: Anthony Gordon, gerade für 70 Millionen Euro vom FC Barcelona aus Newcastle verpflichtet, brachte England praktisch aus dem Nichts in Führung. Erst in der Schlussviertelstunde wachte Argentinien auf. Und einmal mehr fragte man sich: Warum braucht dieses Team stets das Messer am Hals, ehe es die bleierne Lethargie ablegen kann? Aber wahrscheinlich stimmt die Analogie vom Pferd, das nur so hoch springt, wie es halt muss. Erneut befreiten sich die Argentinier aus einer heiklen Situation. Wie schon gegen Ägypten (3:2 nach 0:2) verwandelten sie einen Rückstand in der Nachspielzeit in einen hochemotionalen Sieg. Die späten Treffer erzielten Enzo Fernandez und der eingewechselte Lautaro Martinez.Tuchel erlebte in Atlanta sein Waterloo: Sein Team stellte die ohnehin schon zaghaften Angriffsbemühungen nach dem 1:0 gänzlich ein. Er wechselte ultradefensiv. Und wurde für seine Mutlosigkeit kühl bestraft.Argentinien trifft im Final am Sonntagabend in New Jersey um 21 Uhr MESZ auf Spanien. Auf England wartet am Samstagabend um 23 Uhr die Strafaufgabe, in Miami gegen Frankreich die Partie um Platz 3 zu bestreiten.Passend zum Artikel
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