Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinIn Deutschland läuft die Debatte über das nächste Staatsoberhaupt. Nun solle es endlich einmal eine Frau werden, hört man oft. Viel wichtiger als das Geschlecht wären aber andere Eigenschaften.15.07.2026, 18.00 Uhr3 LeseminutenIlse Aigner von der CSU könnte Bundespräsidentin werden. Das Bild zeigt sie bei einer Fasnachtsveranstaltung in Franken.Julien Becker / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Braucht Deutschland – im Namen von Fortschritt und Emanzipation – endlich eine Bundespräsidentin? Diese Auffassung scheint um sich zu greifen: Als ehemaliges Staatsoberhaupt hat sich kürzlich Joachim Gauck dahingehend geäussert, ausserdem Bundeskanzler Friedrich Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der gleich auch eine CSU-Parteifreundin vorschlug.Die linksalternative «Tageszeitung» legte eine ganze Liste aus ihrer Sicht geeigneter Kandidatinnen vor – unter ihnen zum Beispiel die Ex-Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen oder die frühere SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles. Profilierte Konservative sucht man in der Liste indes vergebens.Obwohl die Amtsnachfolge des Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier erst im Januar 2027 final zu regeln ist, verspricht das Thema Stoff für eine lebhafte Sommerdebatte. Schliesslich wird im September in den drei Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt. Die prognostizierten Erfolge der Rechtspartei Alternative für Deutschland drohen dabei die Gewiss- und Gewohnheiten des Parteiensystems durchzuschütteln.Wie die Quote missbraucht wirdIn Erwartung fragiler Mehrheiten, komplizierter Koalitionskonstellationen und möglicher Minderheitsregierungen wird für das Schloss Bellevue also eine Persönlichkeit mit Charakter, Autorität und realpolitischer Kunstfertigkeit gesucht. Wahrscheinlich wäre es auch hilfreich, wenn diese Persönlichkeit nicht alle AfD-Wähler unisono für Feinde der Demokratie hielte.Muss es eine Frau sein? Mitnichten. Und die politische Öffentlichkeit sollte sich das auch nicht einreden lassen, nicht einmal unter der Flagge des Feminismus. Denn bei deutschen Quotendebatten geht es allzu oft um ganz andere Zwecke als um die Verbesserung weiblicher Lebenslagen.Zum Beispiel im Jahr 1999: Gerhard Schröders rot-grüne Regierung war erst seit einem Jahr im Amt, da zogen radikalliberale Wirtschaftsvertreter mit dem Slogan «Frau statt Rau» in die Schlacht um das Bundespräsidialamt. Damit wollten sie aber weniger die Karriere der unbekannten ostdeutschen Physikprofessorin und CDU-Kandidatin Dagmar Schipanski fördern als vielmehr die Wahl des (auch bei Wählerinnen) beliebten Sozialdemokraten Johannes Rau verhindern. Das misslang allerdings.Doch inzwischen ist die SPD, nicht zuletzt durch enttäuschte Wählerinnen, unter existenziellen Druck geraten. Obwohl die Genossen seit 1988 penibel quotieren, hat die Partei heute nicht mehr weibliche Mitglieder als in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Während Frauen dem erklärten Macho-Kanzler Gerhard Schröder noch gern ihre Stimmen gaben, scheinen Funktionärinnen wie Arbeitsministerin Bärbel Bas, die gescheiterte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht oder Entwicklungshilfeministerin Reem Alabali Radovan nicht so recht als Rollenvorbilder und Stimmenbringer zu taugen.Die ungünstige Personalauswahl kommt auch dadurch zustande, dass mächtige sozialdemokratische Männerseilschaften die Quote über Jahrzehnte als personalpolitisches Instrument einsetzten – mit handzahmen Kandidatinnen liessen sich sowohl unbequeme Männer als auch unbequeme Frauen gut ausbremsen. Die Folge war freilich politische Stagnation.Dass Frauen sich stets am besten durch Frauen vertreten fühlen, ist überdies ein Mythos. Bei der christlichdemokratischen Bundeskanzlerin Angela Merkel mag es sogar zunächst so gewesen sein – doch nach 16 Merkel-Jahren hätten sich junge berufstätige Mütter unter Umständen bei einem regierenden Familienvater besser aufgehoben gefühlt als bei der kinderlosen Berufspolitikerin. Zur feministischen Partei ist die CDU unter Merkels Ägide auch nicht gerade mutiert.Alle Pionierinnen haben es schwerZudem wird der Begriff der Repräsentativität häufig viel zu eng ausgelegt: Weder können nur Kölner andere Kölner parlamentarisch angemessen vertreten noch ausschliesslich Veganer für die berechtigten Interessen von Veganern eintreten. Gleiches gilt für Katholiken oder für Transsexuelle.Bundestagsabgeordnete sollen laut Verfassung ja auch nicht nur ihren Heimatwahlkreis im Blick haben, sondern die Belange des Souveräns insgesamt. Und der Bundespräsident fühlt sich hoffentlich für alle Mitbürger zuständig, die Pluralismus und Rechtsstaat akzeptieren.Aus all diesen Gründen dürfte die erste deutsche Bundespräsidentin sich keinesfalls wie eine persongewordene Antidiskriminierungsmassnahme benehmen. Wie alle Pionierinnen hätte sie es schwer: Um zu überzeugen, statt zu polarisieren, brauchte sie ganz bestimmt mehr Charisma als ihr Amtsvorgänger; brauchte sie ein unideologisches Bild der deutschen Gesellschaft; brauchte sie in diesen verwirrten Zeiten nicht zuletzt das unerschütterliche Auftreten einer grossen Dame.Passend zum Artikel
Nachfolge von Bundespräsident Steinmeier: Nein, es muss keine Frau sein
In Deutschland läuft die Debatte über das nächste Staatsoberhaupt. Nun solle es endlich einmal eine Frau werden, hört man oft. Viel wichtiger als das Geschlecht wären aber andere Eigenschaften.







