Es geschah am Sonntag in einem Bus der südpolnischen Stadt Bielsko-Biała. Ein älterer Pole brüllte zwei elf Jahre alte Mädchen an, die sich auf Ukrainisch unterhielten. Ein Handyvideo zeigt, wie der Mann die Mädchen übel beschimpft. Sie sollten zurück in die Ukraine gehen und nicht länger „von unserem Geld“ leben. Zudem drohte er ihnen, dass er wisse, wo sie wohnten.Ermittlungen der Polizei ergaben, dass der Mann selbst Busfahrer der städtischen Verkehrsbetriebe, aber seit längerer Zeit krankgeschrieben ist. Der Vorfall erregte viel Aufsehen. Während im Bus eine Frau die Mädchen verteidigte, ergoss sich im Internet eine Welle des Hasses gegen die Ukraine. Inklusive des Gerüchts, dass die Mädchen den Ausbruch provoziert hätten.Die Verkehrsbetriebe veröffentlichten daraufhin Überwachungsvideos, welche derlei Gerüchte eindeutig widerlegen. Doch ist dieser Vorfall nur das jüngste Beispiel einer Reihe von Angriffen auf Ukrainer, die in Polen leben. In der ebenfalls südpolnischen Stadt Sosnowiec nahmen die Behörden in dieser Woche einen 44 Jahre alten Mann fest, der Ukrainer angegriffen haben soll. Der Staatsanwaltschaft zufolge schlug er einem Minderjährigen gegen den Kopf, beleidigte und trat einen Mann beim Einkaufen und verletzte bei einem Tierfriseur zwei ukrainische Frauen mit Pfefferspray. Als Motiv des vielfach vorbestraften Mannes gibt die Staatsanwaltschaft „Abneigung gegen Menschen ukrainischer Nationalität“ an.Polens Innenminister warnt vor einer „braunen Welle“In der zentralpolnischen Stadt Łódż traf der Hass einen polnischen Staatsbürger, der von einem Landsmann in der Annahme verprügelt wurde, er sei Ukrainer. Und in Warschau verwüsteten Anfang Juli Polen den Kunsthandwerkladen einer polnischen Frau, die einer vorbeiziehenden Demo, bei der antiukrainische Parolen skandiert wurden, beide Daumen nach unten gezeigt hatte.Polens Innenminister Marcin Kierwiński warnte, dass sich „eine braune Welle über Polen ausbreitet“, deren „Opfer sowohl Polen als auch Ausländer“ seien. Die Polizei werde mit „null Toleranz“ reagieren, schrieb er auf dem in Polen populären Kurznachrichtendienst X, woraufhin sich in Kommentaren weiterer Hass sammelte.Es ist noch nicht lange her, da war ein Großteil der Polen stolz darauf, zu den ersten und größten Unterstützerländern der Ukraine zu gehören. Polen habe der Ukraine „alles gegeben, was möglich war, und sogar noch mehr“, betonte etwa Ministerpräsident Donald Tusk im Frühjahr 2024. Nach dem russischen Überfall hatte Polen umgehend Militärausrüstung an Kiew geliefert, mehr als eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und für einen Beitritt des Landes zur EU geworben. Und nicht nur in Warschau demonstrierten Zehntausende Menschen für eine freie Ukraine und den Rückzug Russlands.Wettlauf um die antiukrainischste HaltungDoch hat sich die wohlwollende Stimmung gegenüber Ukrainern schon seit einiger Zeit gedreht. Im Präsidentenwahlkampf vor einem Jahr forderte der heutige Präsident Karol Nawrocki ein Ende angeblicher Sonderrechte und Sozialleistungen für ukrainische Flüchtlinge.Am 11. Juli: Nawrocki legt am „Gedenktag für die Opfer des Massakers von Wolhynien und anderer Verbrechen ukrainischer Nationalisten“ Blumen nieder.dpaIn Umfragen äußerten zuletzt noch 29 Prozent der befragten Polen Sympathie für Ukrainer, während 43 Prozent eine eher ablehnende Haltung vertraten. Vor drei Jahren war das noch umgekehrt. In der Folge ist nun eine Art Wettlauf unter politischen Parteien um die antiukrainischste Haltung entbrannt. An der Spitze steht Präsident Nawrocki. Er verlangt, der Ukraine den Beitritt zu EU und NATO zu verweigern, bis sie ihre „gewaltsame Geschichte“ aufgearbeitet habe und Polen „als gleichwertigen Partner“ behandele. Das entspricht dem, was die libertär-rechtsextreme Partei Konfederacja fordert, die darüber hinaus jegliche finanzielle Hilfe für Kiew einstellen will.Der PiS-Chef rügt öffentlich seinen KandidatenIn jüngsten Umfragen kommt die Konfederacja auf 16 Prozent, was vor allem die PiS nervös macht, die bisher Platzhirsch im rechtskonservativen Lager ist. PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński setzt deshalb auf Przemysław Czarnek als Spitzenkandidaten für die Parlamentswahlen 2027. Der gilt als erzkonservativer Hardliner und soll das Abwandern von Wählern zur Konfederacja verhindern. Doch forderte Czarnek jetzt lauthals etwas, was bisher nur der Kreml verlangt: der Ukraine von sofort an jegliche Hilfe zu streichen und Polen auch als Transitkorridor für Waffenlieferungen anderer Staaten zu schließen.Erzkonservativer Hardliner: Przemysław CzarnekPicture AllianceDas aber ging Kaczyński entschieden zu weit. „Die PiS steht auf dem Standpunkt, dass militärische Hilfe, die auch die EU für die Ukraine leistet, unbedingt notwendig ist“, dozierte der PiS-Chef auf X. Dies sei unabdingbar für die Sicherheit Polens. „Die Angelegenheit mit der Äußerung von Herrn Czarnek wird von der Parteiführung geklärt werden.“ Eine so öffentliche Rüge ist in der PiS äußerst ungewöhnlich, und es ist fraglich, ob Czarnek auch angesichts anhaltend schlechter Umfragewerte ihr Spitzenkandidat bleibt.Den Schaden dieses politischen Spektakels aber haben in Polen lebende Ukrainer. So strich die Regierung von Donald Tusk ihnen im Frühjahr zahlreiche Sozialleistungen, obwohl die übergroße Mehrzahl der Ukrainer in Polen arbeitet und – nach Berechnungen von Wirtschaftsprüfern – knapp siebenmal mehr Steuern und Sozialabgaben an den polnischen Staat entrichtet, als ihre bedürftigen Landsleute erhalten. Hinzu kommt nun noch die wachsende gesellschaftliche Feindseligkeit. Die Behörden aber reagieren: Im Fall des krankgeschriebenen Busfahrers, der in Bielsko-Biała ukrainische Mädchen beleidigte, wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Und die Verkehrsbetriebe haben ihm fristlos gekündigt.
Polen: Immer mehr Übergriffe auf Ukrainer
Angriffe auf Ukrainer häufen sich in Polen. Sie sind auch Folge eines politischen Wettstreits um die antiukrainischste Haltung.










