Juden, Amerikaner und finstere Machenschaften – im Nahen Osten sind immer die anderen schuldDie Fifa wird von Zionisten gesteuert, und Lionel Messi ist in Wahrheit ein Jude: In der arabischen Welt stossen Verschwörungstheorien auch während der Fussball-WM auf grossen Widerhall.15.07.2026, 13.30 Uhr4 LeseminutenÄgyptische Fans feiern ihre Mannschaft nach der Rückkehr aus Amerika. Viele sind davon überzeugt, dass das Team ungerechterweise gegen Argentinien ausgeschieden ist.Mohamed Abdel Ghany / ReutersDer Schock in den Strassen von Kairo sitzt tief. Vor ein paar Minuten noch wähnte sich die Nilmetropole im Siegesrausch. Ägyptens Fussball-Nationalmannschaft führte im WM-Viertelfinale 2:0 gegen Argentinien, der amtierende Weltmeister samt Superstar Lionel Messi stand vor dem Aus. Doch dann schlagen die Südamerikaner wie aus dem Nichts zurück und schiessen in einer Viertelstunde drei Tore.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während die meisten Ägypter perplex vor den überall in den Strassen aufgestellten Fernsehern sitzen bleiben, hat der Nationaltrainer Hossam Hassan schon eine Erklärung für den Last-minute-Zusammenbruch. Sein Team sei schlicht und einfach verpfiffen worden, schimpft der ehemalige Stürmer.Antisemitismus und VerschwörungstheorienTatsächlich gab es in dem Spiel ein paar diskutable Schiedsrichterentscheidungen. Hassan liess es aber nicht dabei bewenden. Er redete sich in Rage und holte zum Rundumschlag aus. Bei dem Spiel, so sagte er, habe es sich um eine regelrechte Verschwörung gehandelt. Und weiter: Die gesamte Weltmeisterschaft sei getürkt, die Fifa wolle den Ägyptern schaden.Kurz nach diesen Äusserungen brach auch im Internet ein Sturm der Entrüstung aus. Inzwischen ist sich von Casablanca bis Bagdad nahezu der gesamte Nahe Osten einig: Ägypten wurde Opfer eines gewaltigen Skandals.In den Tagen nach dem Match wurden die Theorien und Erklärungen immer absurder. Messi sei ein Jude, behaupteten Internetnutzer. Die Zionisten hätten die WM gekauft. Mit Fussball hat das schon lange nichts mehr zu tun. Stattdessen blühen Antisemitismus und Verschwörungstheorien.Der Hang zum Komplott hat mit der Geschichte zu tunÜberraschend ist das nicht. Zwar hat die Fifa ihre Glaubwürdigkeit mit fragwürdigen Entscheiden selber verspielt. Im Nahen Osten werden aber auch jenseits des Fussballs krude Erklärungsansätze herbeigezogen, um Rückschläge oder Probleme zu erklären. Ganz nach dem Muster: Irgendwer muss schuld sein – bloss nicht man selbst.So waren vor fünfzehn Jahren viele Ägypter tatsächlich davon überzeugt, dass mehrere Haiangriffe in Sharm al-Sheikh in Wahrheit von den Israeli gesteuert worden seien, um der heimischen Tourismusindustrie zu schaden. Jeffrey Epstein gilt vielen im Nahen Osten als gesicherter Mossad-Agent. Und der Islamische Staat wurde von den Amerikanern und den Israeli geschaffen – um den Arabern zu schaden.Auch der Alltag bleibt nicht verschont. Funktioniert in Beirut das Internet nicht, erklärt einem der Techniker, der Router sei vom Mossad infiltriert worden. Und bleibt im Irak im Frühling die Gluthitze aus, ist es nicht etwa Wetterglück – sondern die Folge iranischer Angriffe auf amerikanische Geheimlabore, mit deren Hilfe Washington sonst angeblich immer das Land austrocknet.Der Hang zum Komplott habe mit der Geschichte zu tun, sagt Sami Nader, Politikprofessor an der Université Saint-Joseph in Beirut: «Seit dem Ende des Osmanischen Reiches hat der Nahe Osten viele Traumata durchlebt. Die Bevölkerung lebte zeitweise unter Kolonialherrschaft und musste Niederlagen auf allen Ebenen hinnehmen.» Später kamen westliche Militärinterventionen hinzu. Auf der Suche nach Erklärungen sind die Araber bei Verschwörungen gelandet.Im Zentrum steht meist IsraelBefeuert wird der Obskurantismus aber auch durch Europa. Antisemitische Schauergeschichten und Lügen fallen spätestens seit der Gründung Israels 1948 auf fruchtbaren Boden – ebenso wie vulgärer Antiimperialismus und die postkoloniale Erzählung von der ewigen Schuld des Westens. «Diese Dinge existierten davor im Nahen Osten nicht», sagt Nader.Im Zentrum der imaginären Konspiration steht neben Amerika vor allem Israel. Die Juden hatten den Arabern im Sechstagekrieg 1967 eine demütigende Niederlage beigebracht. Seither ist Israel für alles verantwortlich und wird als ebenso ruchlos wie mächtig angesehen. Kein Wunder, dass viele Araber den verhassten Zionisten sogar zutrauen, die gesamte Fussball-WM zu manipulieren.Die autoritären Regime in der Region machen sich diese Minderwertigkeitskomplexe zunutze. Mit ihren opaken Machtapparaten verstärken sie das Gefühl der Ohnmacht. Ein mangelhaftes Bildungswesen sowie Medien, die oft nur als Propagandaschleudern dienen, tun ein Übriges. «Die Folgen davon sind radikale Ideologien wie der Islamismus, aber eben auch Verschwörungstheorien», so Nader.Besonders verkörpert wird der damit verbundene Opferstatus durch den Kampf um Palästina. Zwar scheint das Schicksal der Palästinenser den meisten Araberstaaten im Alltag egal zu sein. Deren Sache gilt trotzdem als Symbol für alles Unrecht. Entsprechend wird dann Ägyptens Trainer Hassan gefeiert, wenn er nach einem Sieg seiner Mannschaft demonstrativ eine Palästina-Flagge in die Kameras hält.«Dieses Geheule nervt»Manche Araber haben aber genug von der ewigen Opferrolle, die angesichts jeden Rückschlags zelebriert wird. «Dieses Geheule nervt nur noch», sagt ein Schiit in Beirut ein paar Tage nach dem Ägypten-Spiel.Das Selbstmitleid und die Tendenz, alle Fehler bei den anderen zu sehen und finsteren Intrigen zuzuschreiben, halten die Region ausserdem klein. Während andere asiatische Länder aus der Vergangenheit gelernt haben und in der neuen multipolaren Welt einen Platz an der Sonne anstreben, tun viele Araberstaaten immer noch so, als wäre das britische Weltreich nie untergegangen.Passend zum Artikel
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Die Fifa wird von Zionisten gesteuert, und Lionel Messi ist in Wahrheit ein Jude: In der arabischen Welt stossen Verschwörungstheorien auch während der Fussball-WM auf grossen Widerhall.














