Es ist Usus, dass die BBC oder der Privatsender ITV geschätzte Werke der englischen Literatur von der BBC als Miniserie verfilmen. Das gerät in der Regel zum ansehnlichen Fernsehgroßereignis. Zahlreiche Produktionen der vergangenen Jahrzehnte legen Zeugnis von der Virtuosität ab, mit der die Regency-Ära (Jane Austen) oder das viktorianische Zeitalter (Charles Dickens und andere) für ein sichtbar geschätztes, nicht unterschätztes Publikum zum Leben erweckt werden. Von der jüngsten Hervorbringung, die das ZDF unter dem Titel „The Forsytes – Familie verpflichtet“ zeigt, kann man das leider ganz und gar nicht behaupten.Für viele ist 1995 das Jahr, in dem sich die Meisterschaft des britischen Fernseh-„Period-Dramas“ mit gleich zwei Großereignissen am besten zeigte. Einerseits mit der vierteiligen Verfilmung von „Pride and Prejudice“ („Stolz und Vorurteil“), in der Colin Firth als Mr. Darcy nicht nur mit klatschnasser Kleidung Jennifer Ehle als Elizabeth Bennet unschicklich verwirrt, sondern auch im Zimmer badet; andererseits mit dem Film „Persuasion“ („Überredung“) mit Amanda Root und Ciarán Hinds als Anne Elliot und Captain Wentworth, einem verhinderten Paar, das seine zweite Chance bekommt, sowie einem der am leidenschaftlichsten vorgetragenen Liebesbriefe, die die Weltliteratur hervorgebracht hat.Die vierteilige BBC-Verfilmung des Romans „Emma“ (2009) mit Romola Garai und Jonny Lee Miller als Emma und Mr. Knightley sowie Michael Gambon als überängstlichem Mr. Woodhouse nimmt nach Ansicht der Regency-Spezialisten ebenfalls einen herausragenden Platz ein. Nicht nur Austen: Unzählige gelungene Dickens-Adaptionen, die BBC-Serie „Poldark“ (2015) und vieles andere wären zu nennen. Schließlich kam „Bridgerton“ und erschloss das Genre für ein neues Publikum.Bei Streamern wie Netflix glänzen solche Produktionen bisweilen allerdings bloß durch spektakuläre Lächerlichkeit. „Emma“ (Netflix 2022) mit Dakota Johnson etwa dürfte die Verfilmung mit den meisten empörten Youtube-Kommentarvideos sein. Auch „The Forsyte Saga“, die zwischen 1906 und 1921 entstandene Roman-Trilogie von John Galsworthy, die auf das spätviktorianische 19. Jahrhundert in London (und Paris) blickt, wurde schon zigfach verfilmt. Was kein Wunder ist, denn der Aufstieg und Fall einer Londoner Emporkömmlingsdynastie, der zum Glücksanschein noch der Adelstitel und die Vernichtung der Konkurrenz fehlen, blickt zu den Sternen und in die Abgründe der Zeit gleichermaßen.Man könnte von den britischen „Buddenbrooks“ sprechenVier Generationen umfasst diese Familiengeschichte, die man in mancher Hinsicht auch als britische „Buddenbrooks“ verstehen kann, mit mehr Personal und gröberer Feder. Für Verfilmungen bietet sich das „Forsytes“-Handlungsgerüst auf besonders effektive Weise an. John Galsworthy erhielt für sein Familien- und Zeitpanorama 1932 den Literaturnobelpreis.Die Saga erzählt von einer verzweigten Sippe, deren Matriarchin Ann (Francesca Annis) mit eiserner Hand, aber vergeblich versucht, den vom verstorbenen Vater und gemeinsamen Kampf um eine Frau befeuerten Zwist ihrer Söhne Jolyon Forsyte sen. (Stephen Moyer) und James Forsyte (Jack Davenport) zu befrieden. Beide kämpfen um Einfluss in der hauseigenen Investment-Bank, beide versuchen, ihre eigenen Söhne, den kunstinteressierten Jolyon jun. (Danny Griffin) und den skrupellosen Soames (Joshua Orpin) zum Nachfolger aufzubauen.Jolyon jun. hat auf der Grand Tour in Venedig eine Liebschaft mit einer Zofe unterhalten, und dass er dabei Zwillinge gezeugt hat, wie er erst zehn Jahre später herausfindet, muss fortan unbedingt geheim gehalten werden. Es geht um den Ruf der Forsytes. Zumal er mit Frances (Tuppence Middleton) und Stieftochter June (Justine Moore) nun eine Vorzeigefamilie vorzuweisen hat und versucht ist, den Kurs des Finanzunternehmens der Forsytes nach ethischen Gesichtspunkten auszurichten. Gegen den Widerstand des bösen Soames, dessen Gier ihn restlos menschenverachtend macht.Wie vom Blitz getroffen verliebt ausgerechnet er sich in die junge Ballerina und Waise Irene (Millie Gibson), die, in Paris aufgewachsen, ihm als freigeistiges „Wildkind“ imponiert. Sein wertvollster Besitz soll sie werden, und das geht übel aus. In London leben alle Forsytes Tür an Tür, verteidigen ihren Platz in der Gesellschaft und untereinander mehr und mehr, nicht selten mit Zähnen und Klauen. Was insgesamt mit viel sentimentalem Drama und mit einem Übermaß an Gesülze passiert.Die bisherigen Verfilmungen waren sehenswertDie bisherigen Fernsehadaptionen, vor allem die 26-teilige BBC-Umsetzung von 1967 und die Verfilmung von 2002/2003 mit Damian Lewis und Rupert Graves in zehn Folgen, sind immer noch sehenswert. Über die neue ITV-Verfilmung dagegen, verfasst von Debbie Horsfield im Auftrag von ITV, die das ZDF nun in seltsam roboterhaft synchronisierter Fassung zeigt, möchte man den Mantel des Schweigens breiten.Die meisten der Hauptdarsteller sehen hier nicht nur aus wie von KI zurechtkombiniert (nur „Tilly Norwood“ scheint zu fehlen), sie agieren und reden auch so. Absurde Geschwollenheit ist Trumpf („du schworst“). Die Forsytes drücken sich hier in einer Weise aus, die Zuschauer nach kurzer Zeit in komatöses Desinteresse versetzt. Vor allem Modenschau, hat man auf die Prospekte, auf Land und Leute, keinen Wert gelegt, übermäßig viel erscheint durch visuelle Tricks erzeugt. Die Postproduktion muss Überstunden gemacht haben.Anderes wirkt bloß lächerlich, etwa der pittoreske Markt im Londoner Arbeiterviertel mit Süßigkeitenstand. Anschlussfehler rauben zudem jede Gutwilligkeit, so tanzt die rothaarige „Göttin“ Irene Ballett auf Schläppchen, unmittelbar darauf steht ihr Double auf der Spitze. Schlampig und dürftig gestaltete Dramatik sorgt dafür, dass da die meisten wohl längst eingeschlafen sind. „The Forsytes – Familie verpflichtet“ mit seinem Bekleidungsprimat könnte wohl Maßschneiderinnen erfreuen, alle anderen dürften sich über sechs vergeudete Lebensstunden ärgern. Es ändert nichts, wenn man ein Label wie „New Period Romantic“ draufklebt.The Forsytes – Familie verpflichtet läuft ab Mittwoch, 15. Juli, im ZDF-Stream und am selben Tag von 21.45 Uhr an mit allen Folgen bei ZDFneo.
Ranziger Kostümschinken im Sonderangebot: "The Forsytes" im ZDF
Das ZDF zeigt eine Neuverfilmung der „Forsyte“-Saga von John Galsworthy. Die Geschichte des Clans skrupelloser Emporkömmlinge ist wie gemacht für eine opulente Serie. Aber was ist daraus bloß geworden?







