Das Wallis kämpft mit Schulkindern und Ziegen gegen die Ausbreitung der Vielblättrigen Lupine. Neophyten verbreiten sich immer stärkerDurch die steigenden Temperaturen können sich eingeschleppte Pflanzen leichter in der Schweiz ausbreiten – auch in den Bergen, die lange als natürliche Schutzzone galten.15.07.2026, 06.27 Uhr4 LeseminutenBedroht im Wallis die heimische Flora und weidende Kühe: Lupinus polyphyllus, bekannt als Vielblättrige Lupine.Patrick Pleul / DPAIm Wallis blüht der Feind satt violett, verträgt Hitze und Trockenheit erstaunlich gut und vermehrt sich mit Beharrlichkeit: die Vielblättrige Lupine. Die Pflanze Lupinus polyphyllus stammt ursprünglich aus Nordamerika, im 19. Jahrhundert gelangte sie als Zierpflanze nach Europa. Heute gehört sie zu den invasiven Neophyten. Aus Gärten entkommen, überwuchert sie zunehmend die artenreichen Magerwiesen der Berge und verdrängt dabei die einheimische Flora.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf der Rieder- und der Bettmeralp hat man dem Eindringling nun den Kampf angesagt. Eine spezialisierte Firma kartografierte, wo genau sich die Lupine im Gelände ausgebreitet hat. Anschliessend rückten Gemeindemitarbeiter, Förster und lokale Unternehmen aus, um kleinere Bestände samt Wurzeln von Hand auszugraben. Bei grösseren Populationen setzt man auf mehrmaliges Mähen im Jahr, um die Pflanze zu schwächen und ihre Samenproduktion einzudämmen. Das berichtet der «Walliser Bote».Samen überdauern bis zu fünfzig Jahre im BodenIm Leitfaden «Invasive gebietsfremde Pflanzen» der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit (EFBS) wird die Lupine als mehrjährige, krautige Pflanze beschrieben, die bis zu anderthalb Meter hoch wachsen kann. Gefährlich macht sie vor allem ihre Ausdauer: Ihre Samen können bis zu fünfzig Jahre im Boden überdauern, ehe sie keimen.Für Kühe, die im Sommer auf den Alpweiden grasen, ist die Pflanze zudem giftig. Doch auch dort, wo kein Vieh weidet, richtet sie Schaden an: An steilen Waldhängen oder in Gräben, die eigentlich vor Hochwasser schützen sollen, bildet die Lupine keinen dichten, zusammenhängenden Wurzelteppich – anders als Gras, das den Boden mit seinem Geflecht stabilisiert. Wo die Lupine wächst, wird der Untergrund instabiler. Das Risiko für Erdrutsche und Erosion steigt.Damit alle wissen, dass die Lupine auch in Privatgärten nichts zu suchen hat, wurden Primarschüler von Betten und der Riederalp für einen Nachmittag zur Bekämpfung der Lupine beordert. Die Kinder halfen mit, Lupinen auszureissen, und lernten dabei, welche Gefahren von invasiven Pflanzen ausgehen. Auf der Bettmeralp verteilte die Behörde Flyer und kostenlose Neophytensäcke, in denen Einwohner ausgerissene Pflanzen fachgerecht entsorgen können.Neophyten breiten sich in der Schweiz ausIn der Schweiz gelten über fünfzig Pflanzenarten als invasiv und damit als problematisch – darunter neben der Lupine auch Kirschlorbeer, Sommerflieder, Riesenbärenklau oder der Japanische Staudenknöterich. Seit 2008 regelt eine Verordnung den Umgang mit «gebietsfremden Organismen», 2024 wurde sie deutlich verschärft. Wer invasive Neophyten verkauft, verschenkt, einführt oder anderweitig auf den Markt bringt, macht sich strafbar. Gartencenter und Baumschulen dürfen solche Pflanzen entsprechend nicht mehr anbieten – wer sie bereits im eigenen Garten kultiviert, muss sie deswegen aber nicht entfernen.In der Schweiz hat die Zahl der invasiven Arten seit 1990 um rund 50 Prozent zugenommen. Weltweit gelten gebietsfremde invasive Arten – nach der Zerstörung von Lebensräumen – als zweitwichtigste Ursache für den Rückgang der Artenvielfalt. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES veröffentlichte im September 2023 den ersten grossen globalen Bericht zu invasiven Arten. Diese verursachen laut dem Bericht weltweit jährlich Schäden von über 423 Milliarden Dollar – etwa durch Ernteausfälle in der Land- und Forstwirtschaft, Krankheiten oder Schäden an Strassen, Gebäuden und anderer Infrastruktur. Bei 60 Prozent aller bereits ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten spielten eingeschleppte invasive Arten eine wichtige oder sogar entscheidende Rolle.Dass sich Arten ausbreiten, ist an sich kein neues Phänomen – Wind, Meeresströmungen und wandernde Tiere haben Pflanzensamen schon immer über weite Strecken getragen. Manchmal blieben die Samen auch an den Stiefeln der Kolonialisten hängen. Die Globalisierung aber hat die Ausbreitung neuer Arten in einem bisher unbekannten Ausmass beschleunigt. Befeuert wird diese Entwicklung zusätzlich durch den Klimawandel.«Je wärmer es wird, desto besser können sich gewisse Arten ausbreiten»Die Erwärmung macht neue Gebiete für eingeschleppte Arten gastfreundlicher, weil sich das Klima und die Herkunftsbedingungen einander zunehmend annähern. Sie schwächt zudem die klimatische Barrierewirkung der Alpen. Wärmeliebende Arten können leichter vom Süden ins Mittelland vordringen. Der Botaniker Stefan Eggenberg von Infoflora sagt im SRF: «Je wärmer es wird, desto besser können sich gewisse Arten ausbreiten.»Noch gehören die Alpen zu den wenigen Ökosystemen, die vergleichsweise wenig von invasiven Neophyten betroffen sind – mit zunehmender Höhe sinkt die Zahl exotischer Arten spürbar. Die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit spricht in ihrem Leitfaden deshalb vom «Sonderfall Alpenraum». Doch die Fachleute warnen: Klimawandel, veränderte Landnutzung, zunehmender touristischer Druck und die «kontinuierliche Neueinfuhr von Pflanzen» dürften die Gefahr einer fortschreitenden Kolonisierung der Berge durch invasive Arten in den kommenden Jahren erhöhen.Da Berge fragile und biologisch reiche Ökosysteme beherbergten und wertvolle Ökosystemleistungen vollbrächten, sei Anlass zur Sorge gegeben. Neben der Lupine werde auch der Ostasiatische Beifuss immer öfter entlang von Strassen bis über die Baumgrenze verschleppt. Weil in höheren Lagen die Bekämpfung der Eindringlinge schwierig sei, seien präventive Massnahmen in den Bergen von besonderer Bedeutung.Auf der Riederalp im Wallis ist man im Kampf gegen die Lupine kreativ geworden: Ein kürzlich durchgeführter Versuch zeigte, dass Ziegen die Lupine offenbar gut vertragen. Bleibt zu hoffen, dass die Ziegen auch möglichst grossen Appetit mitbringen.Schön, aber gefährlich: Wer die Lupine verkauft, verschenkt oder einführt, macht sich strafbar. Dieter Schinner / ImagoPassend zum Artikel