Marine Le Pen: Jeanne d’Arc in FussfesselnMarine Le Pen, verurteilt wegen Veruntreuung, präsentiert sich als Märtyrerin und Präsidentschaftskandidatin. Diese Perversion könnte das Ende des demokratischen Paktes bedeuten.Pascal Bruckner15.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenStrahlendes Lächeln einer Politikerin, die gerade dem Untergang entronnen ist: Marine Le Pen nach dem Urteil des Berufungsgerichts vom 7. Juli in Paris.Stéphane Mahé / ReutersDie Justiz? Die ist für andere da. Vor dem 7. Juli 2026 pflegte Marine Le Pen die Politiker zu geisseln, die der Korruption oder Veruntreuung beschuldigt wurden. Sie drohte ihnen mit lebenslangem Ausschluss von politischen Ämtern, mit Gefängnisstrafen, sogar Zwangsarbeit und wer weiss, was noch alles: Vierteilung? Ihr Slogan: Alle Politiker seien korrupt, würden aber geschützt durch das «System». Sie aber werde diesen Augiasstall ausmisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und jetzt wurde sie selbst auf frischer Tat ertappt. Le Pen ist nicht länger eine Verfechterin von Gerechtigkeit; sie ist eine Betrügerin. Was nun? Sie beklagt eine Verschwörung. Und wie alle, die sich in Frankreich oder anderswo in der westlichen Welt als Opfer aufspielen, findet sie Gehör. Opfer zu sein, bringt viele Vorteile mit sich. Ein Opfer hat nur Rechte, keine Pflichten; es ist unschuldig, selbst wenn es Verbrechen begeht, denn schuld sind immer die anderen. Opfer zu sein, erweist sich als Identität oder als moralische Imprägnierung, die einen vor dem Urteil anderer schützt.Eine AusnahmeregelungDie Präsidentin des Rassemblement national wurde der Veruntreuung öffentlicher Gelder zugunsten ihrer Partei für schuldig befunden. In erster Instanz ist ihr die Ausübung öffentlicher Ämter während 45 Monaten untersagt worden, davon 30 Monate auf Bewährung. 15 Monate hat sie seit dem 31. März 2025 aber bereits verbüsst.Verurteilt wurde sie ausserdem zu einer dreijährigen Haftstrafe, davon ein Jahr unter Hausarrest mit elektronischer Überwachung. Das mildere Berufungsgericht hat ihr, wie es einer Angeklagten zusteht, dann eine Ausnahmeregelung angeboten, damit sie ihre Präsidentschaftsambitionen wahren kann: Jetzt darf sie vorläufig mit einer elektronischen Fussfessel Wahlkampf führen. Ein unangenehmer Status, aber immer noch besser als ihre vorherige Situation.Jordan Bardella, der als designierter Nachfolger galt und sich bereits im Élysée-Palast sah, kann jetzt allenfalls noch Premierminister seiner Taufpatin werden. Es gibt ein Sprichwort, das jeder französische Bildungsminister zitiert, sobald Studenten protestieren: «Die Jugend ist wie Zahnpasta, wenn sie erst einmal aus der Tube ist, kriegt man sie nicht mehr rein.» Seit einem Jahr ist Jordan Bardella aus der Tube raus. Er versucht sein Erstaunen nun gar nicht zu verhehlen und verzieht vermehrt sein Gesicht. Marine Le Pens Comeback sei «weder Erleichterung noch Enttäuschung», liess er verlauten.«Weder Erleichterung noch Enttäuschung» sei Marine Le Pens Comeback, findet Jordan Bardella.Benoit Tessier / ReutersDer Kontrast zwischen dem strahlenden Lächeln der Kandidatin, die dem Untergang entronnen ist, und dem verschlossenen Gesicht des 30-jährigen Mannes könnte kaum grösser sein. Auf eine mögliche Krise angesprochen, winkte Marine Le Pen aber ab: «Die Sache ist grösser als wir, und unsere persönlichen Ambitionen sind völlig irrelevant.» Welche Sache? Die Rettung Frankreichs! Nicht mehr und nicht weniger. Denn Marine Le Pen sieht sich als Jeanne d’Arc, die Brüssel und die Euro-Bürokraten aus dem Königreich vertreiben, die Grenzen wiederherstellen und die nationale Souveränität auf diese Weise bekräftigen will.Betrüger oder EngelDer Mann aber, dem eine quasioffizielle Reise nach Polen samt Polizeisirenen, einem Treffen mit dem Präsidenten und einer Pressekonferenz gewährt worden war, findet sich auf den zweiten Platz zurückversetzt. Er hatte sich für einen klassischen Rechtsliberalismus mit einem Renteneintrittsalter von 65 Jahren und Steuerderegulierung eingesetzt. Nun muss er sich mit Marine Le Pens Populismus auseinandersetzen, der weder rechts noch links verortet ist. Zu ihrem Programm zählt ein Renteneintrittsalter von 60 Jahren ebenso wie die unerschütterliche Treue dem russischen Präsidenten gegenüber.Diesem hat sie schon mehrfach ihre Treue geschworen, insbesondere bei einem Besuch 2017 im Kreml, wo sie wie ein kleines Mädchen dem neuen Zaren gegenübersass. Mit Donald Trump hat sie weniger Glück: Er hielt es 2017 nicht für nötig, sie im Trump Tower zu empfangen, wo sie stundenlang in der Cafeteria wartete, bevor sie von einem jungen Subaltern-Mitarbeiter begrüsst wurde.Populisten von rechts wie links verachten die Justiz, ausser wenn sie ihre Gegner überwältigt. Sie wollen gehorsame Richter, wie Trump in den USA. Nicht, dass das Justizsystem perfekt wäre: In Frankreich gibt es eine von der extremen Linken unterwanderte Richtervereinigung, die systematisch Kriminelle und radikale Imame freilässt, weil sie diese als Opfer des Systems oder eines unbewussten Rassismus betrachtet.Nicht alle Gerichtsentscheidungen sind jedoch falsch, und nicht alle Betrüger sind unschuldig verurteilte Engel. Wenn Populisten das Opfer-Argument bemühen, dann deshalb, weil die Viktimisierung wie eine selbstmitleidige Variante von Privilegierung funktioniert: Sie erlaubt es, sich neu zu erfinden in einer Art Kastengesellschaft, in der erlittenes Leid die Vorteile der Geburt ersetzt.Das Recht der SchlauenSchon Nicolas Sarkozy hatte dieses Prinzip 2025 vor seiner Inhaftierung im Gefängnis La Santé ausgenutzt und missbraucht. Er behauptete, Opfer einer linksextremen Verschwörung zu sein, und spielte die Bedrohungs- und Mitleidskarte, obwohl seine Leibwächter trotz alarmierender Überbelegung des Gefängnisses in der Nachbarszelle verweilen durften. Mehrere seiner Anhänger versammelten sich derweil vor dem Gefängnis und skandierten: «Tod den Richtern, Tod den Journalisten!»Spielte bereits die Bedrohungs- und Mitleidskarte, als er im Gefängnis inhaftiert war: der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy, hier mit seiner Frau Carla Bruni an einem Staatsbankett im Élysée-Palast.Michel Euler / APIn den drei Wochen hinter Gittern verfasste der ehemalige Präsident ein bemerkenswertes Buch: «Journal d’un prisonnier» (Tagebuch eines Gefangenen). Auf einem kleinen Tisch hielt er mit Kugelschreiber die realen Haftbedingungen fest. Das Buch verkaufte sich bestens. Es wurde damals auch von Marine Le Pen gelobt, die ihr eigenes Schicksal vielleicht schon ahnte.Ob Sarkozy oder Le Pen: Alle Politiker in Positionen mit erheblicher Verantwortung neigen dazu, das Fehlverhalten anderer als Verbrechen zu betrachten, eigene Verfehlungen jedoch als Kleinigkeiten abzutun, auf die man nicht taktlos hinweisen dürfe. Für sie bedeutet Demokratie offenbar, zu tun, was man will, solange man nicht erwischt wird. Und das Recht, das die Schwachen schützen soll, verschwindet hinter einem Recht im Dienste der Schlauen, die das Geld haben, sich auch in den unmöglichsten Fällen noch vor Gericht verteidigen zu lassen.Marine Le Pen, kaum war sie vom Berufungsgericht knapp zur Präsidentschaftskandidatur zugelassen worden, sprach in den Abendnachrichten von France 2 entsprechend von einem Justizirrtum. Und ein Mitglied des Rassemblement national, das auf der Strasse interviewt wurde, zögerte nicht, den Fall Le Pen mit dem Fall von Hauptmann Dreyfus zu vergleichen, der in den 1890er Jahren Opfer einer skandalösen antisemitischen Intrige geworden war.Marine Le Pen selber wiederum wagte es bei einer Kundgebung am 5. Juli in Liévin (Pas-de-Calais), den «Chant des partisans» zu zitieren, um ihre eigene Partei zu feiern. Bei dem alten Partisanenlied aber handelt es sich um eine Hymne des Widerstands gegen den Nationalsozialismus (1942 verfasst von Joseph Kessel und Maurice Druon). Dies ist doppelt obszön: Denn einerseits wurde der Front national, die Partei ihres Vaters, einst von ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS mitgegründet. Andererseits folgt aus dem Vergleich des Rassemblement national mit der Résistance eine Analogie zwischen Macron und Hitler. Eine Ungeheuerlichkeit!Möchtegern-MärtyrerinDas ist endemisch für das Verhältnis von Politik und Justiz: Unter der Oberfläche einer ausgefeilten Rechtsstaatlichkeit, insbesondere in Wahlkampfzeiten, treten die Brutalitäten willkürlicher Macht zutage. Und unter dem Deckmantel, dem «Volk» eine Stimme zurückzugeben, erleben wir die Stärkung jener, die geschickt darin sind, das Gesetz zu umgehen.Überall wollen die Mächtigen wie Marine Le Pen den Status quo heimlich sichern und allen anderen das zweifelhafte Privileg überlassen, für ihre Fehler geradestehen zu müssen. Diese Perversion würde, sollte sie sich ausbreiten, das Ende des demokratischen Paktes bedeuten. So viel steht auf dem Spiel bei dieser dramatischen Wendung der Ereignisse im Juli, in der eine verurteilte Straftäterin, als wäre sie plötzlich von jedem Verdacht freigesprochen, sich ihren Wählern als Märtyrerin des Systems präsentiert.Ein Krokodil mag sich als Baumstamm tarnen, aber man kann den Fluss nicht überqueren, indem man darauf tritt.Passend zum Artikel