Indiens Brahmos-Marschflugkörper wird zum Exportschlager – seine Käufer haben Chinas Kriegsschiffe im VisierLange hat Indien fast alle seine Waffen importiert, inzwischen exportiert es selbst Rüstungsgüter. Die Abhängigkeit vom Ausland wird es aber nicht so bald überwinden können.15.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer wachsende Export des Brahmos-Flugkörpers stärkt das Selbstvertrauen der indischen Rüstungsfirmen. Bild: An einer Parade in Delhi 2025 stellt Indiens Armee ihr Marschflugkörpersystem zur Schau.Hindustan Times via GettyEr ist schnell, treffsicher, kampferprobt und international zunehmend begehrt: Der Marschflugkörper Brahmos entwickelt sich immer mehr zum Exportschlager für Indien. Nach den Philippinen und Vietnam gehört wohl auch bald Indonesien zu den Abnehmern des Systems. Während eines Staatsbesuchs von Premierminister Narendra Modi wurde vergangene Woche ein Vertrag zum Kauf des überschallschnellen Marschflugkörpers unterzeichnet. Weitere Länder, unter ihnen die Vereinigten Arabischen Emirate, haben Interesse bekundet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Der Brahmos hat sich zu einer bahnbrechenden Waffenplattform entwickelt», sagt der indische Rüstungsexperte Atul Kumar von der Observer Research Foundation in Delhi. Der Export des Flugkörpers stärke das Selbstvertrauen der indischen Rüstungsfirmen und trage zum Anstieg der Waffenexporte bei. Zunehmend verändere er auch das regionale Sicherheitsumfeld, indem er die Fähigkeiten kleiner Staaten stärke, dem militärischen Druck Chinas zu widerstehen, sagt Kumar.Es ist ein offenes Geheimnis, dass Vietnam und die Philippinen den Brahmos wollen, um Chinas Kriegsschiffe auf Distanz zu halten. Beide Länder liegen seit Jahren im Konflikt mit Peking, das im Südchinesischen Meer Anspruch auf grosse Gebiete erhebt, die von seinen Nachbarn kontrolliert werden. Mit einer Reichweite von 290 Kilometern kann der Brahmos Hanoi und Manila helfen, ihre Hoheitsansprüche in dem Meeresgebiet zu verteidigen.Der Brahmos ist nur schwer abzuwehrenDer Brahmos wurde in den neunziger Jahren gemeinsam von Indien und Russland auf der Basis des russischen Yakhont-Marschflugkörpers entwickelt. Der Name der bis zu 8,4 Meter langen Rakete ist eine Zusammensetzung aus den Namen der Flüsse Brahmaputra und Moskwa. Die ersten Tests fanden 2001 in Indien statt. Heute gibt es eine ganze Reihe von Versionen mit Reichweiten von bis zu 800 Kilometern. Je nach Version ist es möglich, den Brahmos von Kampfjets, Kriegsschiffen, U-Booten oder mobilen Startrampen am Boden aus zu starten.Neben einem konventionellen Gefechtskopf kann der Brahmos auch mit einem Atomsprengkopf ausgestattet werden. Wegen seiner hohen Geschwindigkeit von bis zu Mach 3 (dreifache Schallgeschwindigkeit) ist er nur schwer abzuwehren. In den indischen Streitkräften wird er bereits seit 2007 verwendet. Erstmals zum Einsatz kam der Flugkörper während des viertägigen Konflikts mit Pakistan im Mai 2025, als Indien damit elf pakistanische Luftwaffenstützpunkte beschoss.Der Einsatz wurde von Delhi als Erfolg gefeiert und erregte auch international Aufsehen. Bereits 2022 hatten die Philippinen die Antischiffsvariante des Brahmos bestellt. Der Auftrag im Wert von 375 Millionen Dollar war der erste Verkauf des Waffensystems ins Ausland. Die Bestellungen aus Vietnam und Indonesien in diesem Jahr sind mit einem Wert von jeweils über 600 Millionen Dollar noch deutlich grösser.Bei der Parade zum Tag der Republik am 26. Januar 2026 wird in der Hauptstadt Delhi der Brahmos-Marschflugkörper vorgeführt.Adnan Abidi / ReutersIndien benötigt Russlands Zustimmung zum ExportFür Indien bietet sich mit dem Export des Marschflugkörpers nach Südostasien die Chance, das strategische Gleichgewicht in der Region zum Nachteil seines Rivalen China zu verändern. Die beiden Länder haben einen ungeklärten Grenzkonflikt im Himalaja. Allerdings hat Russland sich lange gescheut, seine Zustimmung zum Export des Brahmos zu erteilen, weil es seinen Verbündeten China nicht verärgern wollte. Da Russland an der Produktion des Marschflugkörpers beteiligt ist, benötigt Indien dessen Zustimmung für den Export.Wie der indische Rüstungsexperte Kumar erklärt, wird der Brahmos zwar im nordindischen Lucknow gefertigt, doch stammen noch immer wichtige Komponenten sowie das Antriebssystem aus Russland. Im Fall Vietnams hatte Moskau auch gezögert, die Zustimmung zum Export zu geben, weil es gehofft hatte, Hanoi für den Kauf seines Yakhont-Marschflugkörpers zu gewinnen, von dem Vietnam bereits eine ältere Variante besitzt. Letztlich setzte sich aber der Brahmos durch.Indiens Waffenexporte sind stark gestiegenFür Indien ist der Export des Brahmos ein wichtiger Schritt beim Ausbau seiner Rüstungsindustrie. Indiens Waffenexporte haben sich binnen zehn Jahren vervielfacht und im Finanzjahr 2025/26 mit 4,1 Milliarden Dollar einen neuen Rekord erreicht. Indiens wichtigste Käufer waren die USA, Frankreich und Armenien. Während Indien an die USA vor allem Flugzeug- und Helikopterteile liefert, exportiert es nach Armenien ganze Waffensysteme wie den Raketenwerfer Pinaka, das Flugabwehrsystem Akash und das Aufklärungsflugzeug Dornier 228.Die frühere Sowjetrepublik hatte ihre Waffen traditionell aus Russland gekauft. Nach dem verheerenden Krieg mit Aserbaidschan 2020 warf die Regierung in Erewan Moskau aber vor, sie im Stich gelassen zu haben. Auf der Suche nach neuen Partnern wurde es in Indien fündig. Die Regierung in Delhi sieht Armenien als strategischen Partner gegen Aserbaidschan und die Türkei, die Indien wegen ihrer militärischen Kooperation mit Pakistan als Rivalen betrachtet.Die Abhängigkeit vom Ausland bleibt grossIndien ist nach der Ukraine nach wie vor der grösste Waffenimporteur weltweit. Auch wenn die Waffenexporte in den letzten Jahren stark gestiegen sind, bleiben sie noch immer hinter den Zielen der indischen Regierung zurück. In der Rangliste der weltgrössten Rüstungsexporteure befindet sich Indien derzeit unter den Top 25 – noch hinter Ländern wie der Türkei, Pakistan oder Rumänien.Auch bei Indiens Ziel, unabhängig von Rüstungsimporten zu werden, fällt die Bilanz durchwachsen aus. Die grössten Erfolge hat es mit dem Bau von Kriegsschiffen erzielt. Die meisten Zerstörer, Fregatten und Schnellboote sind in Indien gebaut worden, auch der modernere der beiden Flugzeugträger sowie die drei Atom-U-Boote stammen aus heimischer Produktion. Beim Bau von konventionellen U-Booten bleibt Indien aber auf ausländische Hilfe angewiesen.Noch grösser ist die Abhängigkeit bei der Luftwaffe. Das Projekt zum Bau des einheimischen Kampfjets Tejas liegt weit hinter dem Zeitplan. Ein Grund dafür sind Verzögerungen bei der Lieferung der Triebwerke durch den amerikanischen Konzern General Electric. Dies ist symptomatisch für den Stand der indischen Rüstungsindustrie: Auch da, wo «made in India» draufsteht, stammen wichtige Komponenten aus dem Ausland. Dies gilt selbst für den indischen Exportschlager Brahmos. Denn ohne das russische Triebwerk fliegt auch er nicht.Passend zum Artikel