Emrah Gurel / APAuch zehn Jahre nach dem gescheiterten Militärputsch gegen Präsident Erdogan ist nicht klar, was genau in jener Nacht geschah. Dies nährt diverse Verschwörungstheorien.15.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEs ist 8 Uhr 26 am Morgen des 16. Juli 2016, als der türkische Armeechef Hulusi Akar auf dem Luftwaffenstützpunkt Akinci bei Ankara in einen Helikopter steigt. Der Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan ist zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert, doch noch sind wichtige Einrichtungen unter der Kontrolle der Putschisten. Akar wird begleitet von Generalmajor Mehmet Disli. Ihr Ziel ist der Cankaya-Palast, der Amtssitz des Ministerpräsidenten. Von dort koordiniert die Regierung den Einsatz gegen die Putschisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sechs Minuten nach dem Start von der Akinci-Basis landet der Helikopter im Garten des Cankaya-Palasts. General Akar eilt ins Krisenzentrum. Auch Disli begibt sich dorthin. Bis zum Nachmittag bleibt er im Krisenzentrum, aus dem der Einsatz der regierungstreuen Truppen befehligt wird. Dann wird der Generalmajor festgenommen. Der Vorwurf: Disli sei einer der Putschistenführer und habe eine zentrale Rolle bei dem Umsturzversuch gespielt.Akar sagt später aus, Disli sei am Vorabend um 21 Uhr in sein Büro im Generalstab gekommen und habe ihm mitgeteilt, dass sie einen Putsch gestartet hätten. Disli habe ihn zu überreden versucht, sich an die Spitze der Junta zu stellen. Als er sich weigerte, habe er ihn gezwungen, mit ihm zur Akinci-Basis zu fliegen, wo die Putschisten ihr Hauptquartier hatten. Dort hätten sie ihn mit vorgehaltener Pistole zu zwingen versucht, eine Unterstützungserklärung zu unterzeichnen.Laut eigener Aussage wusste Akar also, dass Disli zu den Putschisten gehörte. Warum flog er dann mit ihm am Morgen nach dem Scheitern des Putsches zum Regierungssitz? Und warum sorgte er nicht dafür, dass Disli dort umgehend festgenommen wurde? Diese und andere Fragen sind auch zehn Jahre später ungeklärt. Viele Türken zweifeln daher bis heute an der offiziellen Darstellung zur Putschnacht, und es zirkulieren zahlreiche Verschwörungstheorien.Nach dem gescheiterten Militärputsch: Elitesoldaten der türkischen Armee führen am 24. Juli 2016 eine Operation zur Festnahme der gesuchten Putschisten durch.Orhan Çiçek / Anadolu / GettyDer türkische Armeechef Hulusi Akar (hier als Verteidigungsminister 2022 in Brüssel) spielte eine Schlüsselrolle in der Putschnacht. Doch auch zehn Jahre später bleibt unklar, was genau er tat.Omar Havana / GettyHatte Erdogan alles selbst inszeniert?Schon am Morgen des Putschversuchs verbreiteten sich Gerüchte, das Ganze sei eine Inszenierung Erdogans. Viele regierungskritische Türken sagten, ein echter Putsch sehe anders aus. Diese Operation sei viel zu dilettantisch gewesen. Einen Staatsstreich beginne man nicht um 22 Uhr, wenn noch alle wach seien. Sondern am frühen Morgen, so dass Fakten geschaffen seien, wenn das Volk aufwache. So habe es das Militär gemacht, als es 1960, 1971 und 1980 erfolgreich geputscht habe.Laut den Kritikern wollte Erdogan mit dem fingierten Staatsstreich einen Vorwand schaffen, um mit seinen Gegnern in Militär, Polizei, Justiz und Verwaltung aufzuräumen. Hatte er, als er in der Putschnacht in Istanbul landete, nicht gesagt, der Umsturzversuch sei ein «Geschenk Gottes»? Und hatte die Regierung nicht noch am selben Morgen begonnen, Tausende Richter und Staatsanwälte abzusetzen, die sie beschuldigte, mit den Putschisten verbunden zu sein?Doch für die These, dass Erdogan den Putschversuch selbst inszeniert habe, fehlt ein klarer Beweis. Auch war die Aktion längst nicht so dilettantisch, wie die Kritiker behaupten. Vielmehr war es eine koordinierte, komplexe Operation, die sich gleichzeitig in Ankara, Istanbul, Marmaris und anderen Städten entfaltete. Mehr als 9000 Soldaten verschiedener Einheiten waren beteiligt, Dutzende Kampfjets, Helikopter und Panzer wurden dafür mobilisiert. Es kam auf den Strassen zu blutigen Gefechten, bei denen Hunderte getötet wurden.Ganz so dilettantisch war der Putsch nichtLaut Erdogan steckte die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen hinter dem Umsturzversuch. Der damals 75-Jährige habe persönlich aus seinem Exil in Pennsylvania den Befehl gegeben, so Erdogan. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch ging er mit harter Hand gegen Gülens Bewegung vor, die ein einflussreiches Netzwerk in der Türkei unterhielt. Tausende ihrer Schulen, Wohnheime und Unternehmen wurden geschlossen, Hunderttausende Anhänger aus dem Staatsdienst entlassen oder zu Haftstrafen verurteilt.Ein Zivilist auf der Bosporus-Brücke schlägt auf türkische Soldaten ein, die am Putsch beteiligt waren und sich ergeben haben.Stringer / ReutersVieles spricht dafür, dass die Gülen-Bewegung tatsächlich beteiligt war. Nach aussen präsentiert sie sich als moderate, unpolitische Graswurzelbewegung für Dialog und Bildung. Laut Kennern verbirgt sich hinter dieser Fassade aber eine hierarchisch strukturierte, straff geführte Organisation, die von ihren Anhängern strikten Gehorsam verlangt. Über Jahrzehnte hatte sie ihre Anhänger in Polizei, Justiz und Militär platziert und systematisch ihren Einfluss im Staat ausgebaut.Erdogan war lange eng mit der Gülen-Bewegung verbündet gewesen, hatte sich jedoch im Jahr 2012 mit ihr überworfen. Aus den Partnern wurden erbitterte Feinde. Als Erdogan die Schulen zu schliessen begann, die das Rückgrat der Bewegung bildeten, eskalierte der Konflikt. Im Dezember 2013 leiteten Gülen-nahe Staatsanwälte Korruptionsermittlungen gegen Erdogans Umfeld ein. Dieser schlug zurück und entliess Tausende Gülen-Anhänger aus Justiz und Polizei.Im Sommer 2016 erreichten die Säuberungen auch das Militär. Bei einer Sitzung des Obersten Militärrats im August sollten Tausende Offiziere mit Verbindung zur Gülen-Bewegung entlassen werden. Damit war klar: Wenn die Bewegung nicht rasch handelte, wäre es zu spät. Laut der Regierung entschloss sich Gülen daher, einen für September geplanten Putsch vorzuziehen. Einen abschliessenden Beweis, dass der 2024 verstorbene Gülen persönlich involviert war, gibt es zwar nicht. Doch es gibt Indizien.Menschen stehen am 16. Juli 2016 auf einem Panzer der türkischen Armee in Ankara.Tumay Berkin / ReutersTürkische Polizisten nehmen am 16. Juli 2016 Soldaten auf dem Taksim-Platz in Istanbul fest.Sedat Suna / EPAVermutlich waren nicht nur Gülenisten beteiligtDie zentrale Figur dabei ist Adil Öksüz. Öksüz arbeitete als Dozent für Theologie in Ankara. Laut der Regierung diente er zugleich als Chef des Netzwerks der Gülen-Bewegung in der Luftwaffe. Vier Tage vor dem Putschversuch reiste er mit Kemal Batmaz, einem weiteren Gülen-Anhänger, in die USA. Die GPS-Daten deuten darauf hin, dass sie dort Gülen auf seinem Anwesen in Pennsylvania trafen. Beide hatten Gülen dort bereits früher besucht. Laut der Regierung ging es darum, sich Gülens finale Zustimmung zu den Putschplänen zu holen.Eindeutig belegt ist dies zwar nicht. Dafür ist aber dokumentiert, dass Öksüz und Batmaz in der Putschnacht auf der Akinci-Basis waren. Dort sollen sie den Umsturzversuch koordiniert haben. Als sie am Morgen getrennt voneinander nahe der Basis festgenommen wurden, sagten beide, sie hätten Land zum Kaufen gesucht. Batmaz wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt. Öksüz wurde dagegen aus ungeklärten Gründen laufen gelassen. Er wird heute in Deutschland vermutet.Die Präsenz von Öksüz und Batmaz auf der Akinci-Basis gilt als stärkster Beweis für die Verbindung der Putschisten zur Gülen-Bewegung. Vermutlich waren aber auch kemalistische Offiziere beteiligt. So nannte sich die Junta in dem Manifest, das eine Sprecherin des staatlichen Fernsehsenders auf Druck der Putschisten nach Mitternacht vorlesen musste, «Rat für Frieden in der Heimat» (Yurtta Sulh Konseyi). Dies ist ein klarer Verweis auf die Maxime des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk: «Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt» – oder eine bewusste Finte.Vieles spricht also dafür, dass die Gülenisten hinter dem Putsch steckten, aber zusammen mit unzufriedenen kemalistischen Offizieren handelten. Auch scheint klar, dass der Putsch keine Inszenierung war. Doch warum scheiterte der Putsch? Und was genau geschah in jener Nacht hinter den Kulissen?Die Militärführung war vorab gewarntEin wichtiger Grund für das Scheitern war, dass die Militärführung vorab gewarnt worden war. So hatte am Nachmittag des 15. Juli ein Militärpilot dem Chef des Geheimdiensts, Hakan Fidan, gemeldet, dass ein Überfall geplant sei, um Fidan zu entführen. Dieser beriet sich daraufhin mit dem Armeechef Akar. Gegen 18 Uhr 30 wies Akar alle Militärbasen an, jede Bewegung von Flugzeugen und Panzern zu unterbinden. Eine Ausgangssperre für alle Truppen verhängte er aber nicht.Laut der Regierung sahen sich die Putschisten dadurch gezwungen, ihre Operation vorzuziehen. Eigentlich war sie für 3 Uhr morgens geplant, wie dies bei Militärputschen üblich war. Da sie fürchten mussten, aufzufliegen, schlugen sie bereits um 22 Uhr los. Die Truppen der Putschisten sperrten in Istanbul die Brücken über den Bosporus, Kampfjets donnerten im Tiefflug über Ankara, und die Putschisten griffen die Hauptquartiere des Geheimdienstes und der Spezialeinheiten der Polizei an.Der Präsident war zu dieser Zeit mit seiner Familie an der Küste in Marmaris in den Ferien. Nach eigener Aussage erfuhr er am Abend von seinem Schwager, dass eine Aktion gegen den Staat im Gange sei. Warum Fidan und Akar ihn nicht vorher über ihren Verdacht informierten, dass eine Operation geplant sei, ist eine Frage, die für viele Diskussionen sorgt. Fidan gab später an, er habe versucht, Erdogan zu sprechen, habe aber nur seinen Sicherheitschef erreicht. Auch sei er von einem lokal begrenzten Angriff ausgegangen, nicht von einem Putsch.Türkische Soldaten blockieren am 15. Juli 2016 die Bosporus-Brücke in Istanbul.GettyAnhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan versammeln sich am 16. Juli 2016 auf dem Taksim-Platz in Istanbul.Emrah Gurel / APHat Akar sein eigenes Spiel gespielt?Dass Akar und Fidan den Präsidenten nicht informierten, hat zu Spekulationen geführt, wonach sie in den Umsturzversuch involviert waren oder zumindest ihr eigenes Spiel gespielt haben. Nach dem Putsch sagte Akar aus, er habe sich geweigert, sich an die Spitze der Junta zu stellen– selbst als sie ihm eine Pistoloe an die Schläfe gehalten hätten.Diese Darstellung wird allerdings durch Videoaufnahmen infrage gestellt, die Akar bei der Ankunft auf der Akinci-Basis ohne Fesseln oder Augenbinde zeigen. Mehrfach sind Untergebene zu sehen, die ihm salutieren. Es scheint, als wäre er kein Gefangener, sondern aus freien Stücken dort. Hat der Armeechef erwogen, tatsächlich die Führung zu übernehmen? Oder war er als Vermittler dort? Liefen in der Nacht geheime Gespräche mit den Putschisten?Fragen über Fragen. Die Opposition hätte sie gerne Akar persönlich gestellt. Doch Erdogans Partei blockierte eine Vorladung vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der nach dem Putschversuch gebildet wurde. Auch Fidan wurde nie befragt. Offensichtlich wollte Erdogan nicht, dass sie ins Kreuzverhör genommen werden. Obwohl sie dabei versagt hatten, den Putschversuch zu verhindern, wurden sie nicht bestraft. Im Gegenteil: Erdogan beförderte Akar zum Verteidigungsminister, Fidan ist heute sein Aussenminister.Ein türkischer Helikopter mit acht Soldaten an Bord landet in der nordgriechischen Stadt Alexandroupolis. Die Männer hatten nach dem Putschversuch in der Türkei politisches Asyl beantragt.Panagiota Tsikaki / ReutersZwei der acht türkischen Soldaten, die im Helikopter nach Griechenland geflohen waren und politisches Asyl beantragt hatten, werden Ende Juni 2016 in Athen von Spezialkräften der Polizei eskortiert.Alkis Konstantinidis / ReutersDie Theorie vom gelenkten PutschDies spricht gegen die These, dass Akar und Fidan Erdogan hintergangen haben. Eher scheint es, dass sie in seinem Sinne handelten. Vor diesem Hintergrund gibt es Spekulationen, dass es sich um einen kontrollierten Putsch gehandelt habe. Die Theorie: Nachdem Akar und Fidan von den Plänen erfahren hatten, beschlossen sie, die Putschisten ins Verderben laufen zu lassen – mit der Absicht, die Verschwörer zu enttarnen und gegen die Gülen-Bewegung vorgehen zu können.Sollte diese Theorie stimmen, war es eine riskante Wette. Denn in der Nacht kam es zu heftigen Gefechten zwischen den Putschisten und den regierungstreuen Truppen. Der Sitz des Geheimdienstes, das Hauptquartier der Polizei, eine Sendestation, das Parlament und der Präsidentenpalast wurden bombardiert. Insgesamt 252 Zivilisten, Soldaten und Polizisten verloren ihr Leben, und Tausende weitere wurden verletzt. Auch enge Vertraute von Erdogan wurden getötet.Ob sich jemals klären wird, was genau in jener Nacht hinter den Kulissen geschah, ist ungewiss. Regierungskritiker und Journalisten haben zwar die richtigen Fragen gestellt, doch die Antworten darauf stehen weiter aus. Das offizielle Narrativ, wonach die Gülen-Bewegung hinter dem Umsturzversuch steckte, ist wohl nicht ganz falsch. Es ist aber vermutlich nur ein Teil der Wahrheit. Wahrscheinlich waren auch andere Gruppen im Militär beteiligt, und vieles deutet darauf hin, dass Akar und Fidan eine andere Rolle spielten als behauptet. Allein die Tatsache, dass sich Erdogan einer umfassenden Aufarbeitung verweigert, spricht dafür, dass die offizielle Darstellung zum Putschversuch nicht die ganze Wahrheit ist.Eine türkische Flagge auf einem Bett aus Nelken am 21. Juli 2016 auf dem Taksim-Platz in Istanbul: Die Blumen erinnern an die Zivilisten und Polizisten, die während des gescheiterten Putschversuchs getötet wurden.Emrah Gurel / APPassend zum Artikel