VW streicht die Hälfte aller Modelle – und der Marke Seat droht das AusWährend Cupra boomt und Seat zur Problemmarke verkommt, rücken chinesisch entwickelte Fahrzeuge und Plattformen ins Zentrum der VW-Strategie. Welche Baureihen verschwinden und wie sie ersetzt werden könnten.15.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenOliver Blume, CEO der Volkswagen Group, hat derzeit die schwierige Aufgabe, den strudelnden Konzern wieder flottzumachen. Einige Modelle werden bald nicht mehr gebaut.Sean Gallup / GettyDer VW-Konzern muss auf tiefrote Zahlen reagieren. Welche Massnahmen die Konzernleitung in Wolfsburg einleiten wird, um die Zukunft zu sichern, ist noch nicht entschieden. Sicher ist: VW wird Werke schliessen und Mitarbeitern kündigen. Die grössten Hürden auf dem Weg dorthin dürften der Betriebsrat, die Gewerkschaften und das Bundesland Niedersachsen darstellen, das am VW-Konzern beteiligt ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Entscheidungen zur Modellpalette der Konzernmarken sind jedoch bereits gefallen. Der Konzern teilte mit, dass die Modellpalette schrittweise um die Hälfte gestrafft wird. Zudem soll die Angebotskomplexität – also die Zahl verschiedener Ausstattungsoptionen – um bis zu 75 Prozent reduziert werden. Die Kunden werden sich also von einer ganzen Reihe von Modellen verabschieden müssen.Klar ist, dass auch die Kernmarke Volkswagen bereits Modelle streicht: Das mittelgrosse SUV Touareg und der Minivan Touran sind bereits aus dem Online-Konfigurator verschwunden. Die Cabrio-Version des Kompakt-SUV T-Roc soll ab 2027 eingestellt werden. Das elektrische SUV-Coupé ID.5 und das Kompakt-SUV Taigo dürften die nächsten Kandidaten für eine Streichung sein. Der Taigo wurde ursprünglich in Brasilien für den südamerikanischen Markt entwickelt und wird derzeit mit Benzinmotor in Spanien gebaut. Das Kompakt-SUV entspricht in vielem dem VW T-Cross und ist somit in Europa überflüssig.Die Ingolstädter Konzernmarke Audi nimmt die schnellsten und tiefgreifendsten Einschnitte vor: Das Sportcoupé TT, der Sportwagen R8 und das Elektro-SUV Q8 E-Tron sind bereits aus dem Sortiment verschwunden. Kürzlich hat die Marke auch den Kleinwagen A1 und das Kompakt-SUV Q2 aus dem Programm genommen. Die Sportback-Varianten der SUV-Baureihen Q3 und Q5 dürften der Sparschere zum Opfer fallen, da die Produktion dieser Modelle mit Coupé-Heck besonders aufwendig ist. Auch das Nachfolgemodell für die grosse Audi-Limousine A8 könnte gestrichen oder zumindest auf später verschoben werden.Nur eine spanische Marke dürfte überlebenEine besondere Situation ergibt sich bei der spanischen VW-Konzernmarke Seat. Sie brachte 2018 die sportlich orientierte Untermarke Cupra auf den Markt. Diese erzielte auf Anhieb Rekordabsatzzahlen, während die Verkäufe von Autos der Kernmarke Seat im vergangenen Jahr um 17 Prozent zurückgingen. Während Cupra unangetastet bleiben dürfte, steht das Überleben von Seat als Marke nun auf dem Spiel: Die Seat-Modellpalette wirkt veraltet und verfügt nur über wenige elektrifizierte Antriebsvarianten. Viele Seat-Kunden wechseln entweder zu Cupra oder zur tschechischen Schwestermarke Skoda.Im Seat-Werk Martorell läuft es für die Untermarke Cupra besser als für die Hauptmarke. Im Bild die Fertigung des Cupra Formentor.David Ramos / GettySkoda erweist sich als die sicherste Marke, denn die Verkaufszahlen sind nicht in dem Mass eingebrochen wie bei den Schwestermarken. Dennoch scheinen die Nachfolgemodelle für die Verbrenner-Baureihen Fabia, Scala und Kamiq noch nicht beschlossene Sache zu sein.Bei der Sportwagenmarke Porsche stehen die Zeichen deutlich auf eine Abkehr von Limousinen. Die Zugpferde der Marke bleiben auch künftig der Sportwagen 911, die beiden SUV Cayenne und der Macan. Sie dürften eine gesicherte Zukunft haben, die bei den SUV-Baureihen auch rein elektrische Varianten einschliesst.Doch dürften die beiden Viertürer-Limousinen Taycan und Panamera vor dem Aus stehen. Die Schwestermarke Audi bietet in diesem Bereich mit E-Tron GT und A7 direkte Konkurrenten. Die Entwicklung des kleinen Sportcoupés 718 wurde wiederholt unterbrochen und wieder aufgenommen. Ob es als Elektroauto, Benziner oder Hybrid auf den Markt kommen wird, ist aber noch offen.Aus China nach Europa für EuropaNeben den Streichungen bestehender Modelle aus europäischer Produktion denkt der VW-Konzern aber noch über eine ganz andere strategische Kehrtwende nach. So könnte die Produktion von speziell für den chinesischen Markt konzipierten Fahrzeugen auch in deutschen Werken für mehr Auslastung sorgen. Der Schritt würde zwar Arbeitsplätze sichern, aber die europäische Produktstrategie des Automobilherstellers auf den Kopf stellen.Die Idee hatte VW-Chef Oliver Blume erstmals Ende April während der Telefonkonferenz zum Ergebnis des ersten Quartals öffentlich angesprochen. Im Lichte der Vorstandsbeschlüsse zu Einsparungen hat das Thema nun an Dynamik gewonnen. Da die VW-Werke in Emden und Zwickau mit Überkapazitäten zu kämpfen haben, sind in China entwickelte Modelle als Option ins Spiel gekommen, um die Produktionslinien auszulasten.Wie zuletzt aus Vorstandskreisen durchgesickert ist, werden derzeit drei Szenarien diskutiert:Variante 1 – Auftragsfertigung für XpengEine Option wäre, dass VW in Deutschland Fahrzeuge für den chinesischen Partner Xpeng herstellt. VW übernahm 2023 eine 5-Prozent-Beteiligung an Xpeng, um Zugang zu dessen Softwarearchitektur und Kompetenzen im Bereich der künstlichen Intelligenz zu erhalten. Seither haben die Unternehmen gemeinsam Modelle für den chinesischen Markt entwickelt. Erhältlich sind in China derzeit die beiden Elektro-SUV ID.Unyx 08 und ID.Aura T6 sowie der ID.Era 9X, das erste hybride SUV von VW mit E-Antrieb und Benzinmotor als Reichweitenverlängerer.Gleichzeitig exportiert Xpeng die Modelle G6, G9 und P7+ nach Europa und liefert sie aus China als CKD-Bausätze (Completely Knocked Down, also bereits teilmontiert geliefert) zur Endmontage bei Magna Steyr in Österreich.Wird VW Fahrzeuge im Auftrag von China-Partner Xpeng in Deutschland fertigen? Der P7+ wird derzeit bei Magna Steyr in Graz gebaut.PDWürde VW die Montage dieser drei Fahrzeuge mit Xpeng-Logo in VW-Werke verlegen, könnte dies die Kapazitätsauslastung verbessern. Fraglich ist jedoch, ob es für den Wolfsburger Konzern strategisch sinnvoll wäre, dass Europas grösster Automobilhersteller als Auftragsfertiger für ein schnell wachsendes chinesisches Elektroauto-Unternehmen fungiert.Variante 2 – Vertrieb chinesischer VW-Modelle in EuropaEin zweites, realistischeres Szenario wäre die Produktion von VW-Modellen, die ursprünglich nur für China entwickelt wurden. Volkswagen hat die lokale Produktentwicklung durch Joint Ventures mit SAIC Motor und der FAW Group vorangetrieben, um auf dem weltweit grössten Automobilmarkt wieder wettbewerbsfähig zu werden.Insbesondere das von VW und SAIC entwickelte Sechs-Sitzer-SUV ID.Era 9X hat sich laut dem japanischen Marktforschungsunternehmen Marklines mit fast 5000 verkauften Exemplaren im Mai als eines der erfolgreichsten elektrifizierten Modelle von VW in China etabliert.Der ID.Era 9X könnte die europäische Modellpalette von VW sinnvoll ergänzen. Er könnte die Lücke füllen, die der Touareg hinterlassen hat, dessen Produktion in diesem Jahr eingestellt wurde und für den vor 2029 – wenn überhaupt – kein Nachfolger erwartet wird.Das grosse SUV ID.Era 9X baut VW zusammen mit China-Partner SAIC. Es könnte als Nachfolger des VW Touareg für Europa infrage kommen.PDDas Modell würde allerdings umfangreiche technische Anpassungen erfordern, um den europäischen Vorschriften zu entsprechen. SAIC müsste zudem der Produktion im Ausland zustimmen, während die Umrüstung eines deutschen Werks für das Fahrzeug erhebliche Investitionen erfordern würde.Variante 3 – VW übernimmt nur die Plattform aus ChinaDie dritte, wahrscheinlichste Option wäre, zukünftige Fahrzeuge auf Basis der «China Scalable Platform» (CSP) von VW zu bauen. Dabei handelt es sich um eine Fahrzeugbasis, die softwaredefiniert ist und Fahrwerk, Antriebe und Elektronik einschliesst. Auf der Plattform könnte VW in Europa verschiedene Fahrzeuge entwickeln, ohne die Basisentwicklung leisten zu müssen.Die Plattform wird ab 2028 die Grundlage für Modelle in China bilden. Die derzeitigen VW-Kooperationen mit Xpeng, SAIC und FAW sollen als Überbrückung dienen, bis die CSP eingeführt werden kann.Die China Scalable Platform CSP soll ab 2028 die Basis für alle VW-Modelle in China werden. Warum nicht auch in Europa?PDEine Ausweitung der Plattform auf Europa würde eine strategische Kehrtwende bedeuten. VW hatte geplant, dass zukünftige Modelle in Europa und Nordamerika auf gemeinsam mit dem amerikanischen Partner Rivian Automotive entwickelte Software setzen sollten, während Produkte speziell für den chinesischen Markt ausschliesslich dort erhältlich bleiben sollten.Der Vorschlag der Plattformübernahme birgt jedoch Konfliktpotenzial. Dass die Basisentwicklung für künftige softwaredefinierte Autos in China geschieht, dürfte dem Betriebsrat und den Gewerkschaften in Deutschland kaum behagen. Die Entwicklungsteams in Wolfsburg hätten gegenüber den Chinesen das Nachsehen.Noch ist offen, welches der drei Szenarien zur grössten Übereinstimmung der Stakeholder führt und beschlossen wird. Die Überlegungen finden zudem zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Europäische Union mögliche «Made in Europe»-Anforderungen für Elektrofahrzeuge in Erwägung zieht. Demnach sollen die Lieferketten für in China entwickelte Modelle bei Bedarf in Europa lokalisiert werden können. Dies soll die Bedenken der EU-Mitgliedsländer gegenüber chinesischen Importen mindern und gleichzeitig eine Verlagerung der Produktion nach Deutschland ermöglichen. Damit hätte VW-Szenario 3 wohl die grössten Chancen.Passend zum Artikel
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