Der legendäre Agent und Überlebenskünstler Angus MacGyver würde den Hut ziehen: In der Miniserie „Lucky“ muss die Titelheldin über sieben Episoden hinweg allen möglichen scheinbar ausweglosen Situationen und ihren gnadenlosen Häschern entkommen. Dass ihr das gelingt, hat meist mit Schraubenziehern oder Zippo-Feuerzeugen und immer mit ihrer Auffassungsgabe zu tun. Das große Glück indes, das für die junge Frau schon zum Greifen nah schien, rückt zum Auftakt in weite Ferne. Stattdessen gerät Lucky in eine Gangstergeschichte, bei der es um zehn Millionen Dollar geht. Hinzu kommen eine komplizierte Familienverwicklung und das FBI.Der Ideenreichtum, mit dem die Hochstaplerin Lucky Armstrong (Anya Taylor-Joy) ihren Verfolgern immer wieder entwischt, ist beeindruckend. Hinter ihr her ist die vermögende kriminelle Strippenzieherin Priscilla (Annette Bening), die sich von Lucky um die Millionen gebracht und der Rachsucht des Gangsterbosses Whittaker (William Fichtner) ausgesetzt sieht. Die FBI-Agentin Billie Rand (Aunjanue Ellis-Taylor) setzt Lucky nach, um größere Fische zu fangen. Einen von ihnen, Luckys Vater John (Timothy Olyphant), hat Rand bereits weggesperrt. Aber Johns Schatten ist lang, wie zahlreiche Rückblenden in Luckys Kindheit offenbaren. „Peil die Lage. Traue niemandem. Solange wir die Kontrolle haben, kann uns nichts passieren“, versichert er seiner Tochter. Der Witz ist natürlich, dass Luckys Leben bestimmt ist von den Betrügereien ihres Vaters, der sie schon als junges Mädchen zu seiner unfreiwilligen Komplizin machte.Alle suchen nach ihr, doch niemandem fällt sie aufApple TV hat schon einiges produziert, das sich auf dem übersättigten Streamingmarkt sehen lassen kann – schräge Avantgarde wie „Severance“, die Komödie „Ted Lasso“, den knallharten Thriller „Dope Thief“, die Sozialsatire „Your Friends and Neighbors“ und die düstere Dystopie „Silo“. Mit „Lucky“ spielt der Streamer eine weitere Prädikatsserie auf. Die Adaption von Marissa Stapleys gleichnamigem Roman durch Jonathan Tropper („Banshee“, „Your Friends and Neighbors“), gerahmt von Fiona Apples düsterem Titelsong, ist eine Genrestory voller ambivalenter Figuren und erzählerischer Überraschungen, sie glänzt mit einer hochkarätigen Besetzung und einer vor Energie berstenden Hauptdarstellerin.Der Geschichte mangelt es zwar an Plausibilität – dass diese wasserstoffblonde, in einem blutverschmierten cremefarbenen Satinkleid herumstolpernde junge Frau von allen gesucht wird, aber niemandem auffällt, ist bisweilen schwer zu schlucken. Doch animiert dies die Zuschauer womöglich, noch intensiver um die Figur zu bangen, die ihre prekäre Situation nur zum Teil selbst verschuldet hat. Wer „Lucky“ als feministische Kritik an einer Welt lesen will, in der Frauen die Sünden ihrer Väter und Ehemänner ausbaden müssen, liegt nicht daneben.Anna Taylor-Joy, die schon in dem Schachdrama „The Queen’s Gambit“ mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Überlebenswillen in einer ihr feindlich gesinnten Welt brillierte, besticht diesmal als Actionfigur, die cool und zart zugleich ist und mit Chuzpe die ganze Welt an der Nase herumführt. Dabei ist sie keine Superheldin à la Lara Croft. Sie scheut sich nicht, Menschen, die ihr in höchster Not das Leben retten, den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen, und gibt weibliche Verletzlichkeit vor, die ihr gar nicht zu eigen ist. Sie ist auf brutale Weise kompetent und zugleich Opfer. „Soso, das ist also das Mädchen, das dieses ganze Chaos verursacht hat“, sagt einer ihrer Gegenspieler verächtlich. Dabei ist die Irritation über die Fähigkeiten dieser spindeldürren, zerbrechlich wirkenden jungen Frau unüberhörbar.Bei all der Finesse bahnt sich doch der übliche, finale Showdown an – meint man. Aber dann wartet Jonathan Tropper mit einer weiteren Sequenz auf, die der Serie einen fulminanten Abschluss gibt. „Lucky“ ist ein Glücksgriff.Lucky startet am Mittwoch bei Apple TV+.
Serie "Lucky" bei AppleTV+
In der Serie „Lucky“ spielt Anya Taylor-Joy eine Trickbetrügerin auf der Flucht. Sie entkommt ihren Häschern immer wieder, weil sie so gewieft ist. Das ist bis zum Ende eine wilde Jagd. Und das Ende lohnt sich besonders.












