Die Polizei hatte sich für massiven Widerstand gewappnet. Sogar mit einem Räumfahrzeug, das an einen Schneepflug erinnert, ist sie an dem besetzten Gebäude der Universität in Gießen vorgefahren. Ein Großaufgebot von Beamten war im Einsatz, um die Hausbesetzer zum Abzug zu bewegen. Die Ordnungshüter mussten zudem die Feuerwehr um eine Drehleiter bitten. Denn ein Hausbesetzer wollte nicht selbst vom Dach klettern. Letztlich lief aber alles friedlich ab. Und das ist gut so.Der Zeitpunkt mag überraschend gewesen sein. Doch die Räumung war absehbar. Die Universitätsleitung hatte schon einen Tag nach der Besetzung einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gestellt. Mit diesem Schritt legte sie das Verfahren in die Hände der Strafverfolgungsbehörden. Denn indem sie nicht einfach nur Anzeige erstattete, äußerte sie ihren ausdrücklichen Wunsch, die Tat auch zu ahnden. Die Polizei vollstreckte in der Folge den Strafantrag.Keine Frage: Eine Hausbesetzung ist ein Rechtsbruch. Die Universität kann dergleichen nicht allen Ernstes länger dulden, zumal sie nicht für die Sicherheit der Menschen in einem besetzten Haus garantieren kann. Am Wochenende hielten sich auch Kinder in dem zuvor über lange Zeit ungenutzten Gebäude an der Hein-Heckroth-Straße auf. Da zog die Hochschulleitung die Notbremse.Hausbesetzer üben sich in ideologischer Überhöhung ihres AnliegensDas ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sieht so aus: In Gießen stehen in Landesbesitz befindliche Häuser jahrelang leer. Ob sie von der Hochschule als vorheriger Nutzerin verwaltet werden oder von der Immobiliengesellschaft des Landes, ist zweitrangig. Leer stehende Häuser sind ein Ärgernis. Das gilt angesichts des verbreiteten Wohnungsmangels und des auch damit verbundenen Anstiegs von Mieten allgemein. In einer Universitätsstadt wie Gießen gilt das aber in besonderem Maße. Dass 500 Euro oder mehr im Monat für ein WG-Zimmer verlangt werden, ist dort keine Seltenheit. Und dann hat der jeweilige Mieter noch keinen Euro für sein Leben an sich ausgegeben.Insofern haben die Hausbesetzer zwar den falschen Weg gewählt. Auch die ideologische Überhöhung („Antifaschismus heißt Intersektionalität – Freiräume erkämpfen“) sollten sie bleiben lassen. Diese Form der Politfolklore hat mit dem Kern der Sache schlicht nichts zu tun. Auch verschreckt sie bürgerliche Gemüter, die ihr Anliegen ansonsten als unterstützenswert erachten. Aber die Hausbesetzer haben auf einen bekannten Missstand noch einmal aufmerksam gemacht: Es gibt zu wenig günstigen Wohnraum. Auch ein legitimer Hinweis: In der Gießener Kernstadt fehlen abseits von Vereinsheimen nicht kommerzielle Räume als Treffpunkte für Gruppen und Zwecke aller Art. Hochschule, Land und Stadt sollten das ausgesendete Signal aufnehmen und für entsprechende Angebote sorgen.