Mit einem Mal ist da ein lautes Surren in der Luft. Neben dem grauen Krankenhausgebäude senkt sich in vertikalem Flug eine Drohne aus dem Himmel. Sie landet auf einem Gitterrost aus Metall, das an einem weißen Container angebracht ist, der auf dem Klinikparkplatz steht. Oben an der Containerfront öffnet sich ein Rolltor, ein Greifarm fährt in Richtung Drohne, packt sie und befördert sie ins Innere des Containers. Dann geht der Rollladen wieder zu.Auf dem Parkplatz steht mit weißem Kittel und in Plastikschlappen Thomas Klein. Er ist Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin hier im St.-Josef-Krankenhaus in Essen-Kupferdreh und beobachtet den Testbetrieb der Drohne an diesem Sommertag mit großem Interesse. Das Fluggerät transportiert eine kostbare Fracht, die für seine Arbeit essenziell ist: medizinische Proben – Blut, Urin, Gewebe. Die Zeitersparnis eines Probentransports per Drohne zum Labor könne in der stauanfälligen Essener Innenstadt bis zu 45 Minuten betragen, sagt der Arzt. „Bei Notfallpatienten zählt jede Minute.“ Das Projekt, das hier gerade im Testbetrieb läuft, sei also „maßgeblich für Menschenleben“.Kommerzielle Drohnennutzung nimmt zuDrohnen verbinden die meisten Menschen mit dem Militär oder mit privaten Spielereien von Hobbyfliegern oder Fotografen. Doch auch die kommerzielle Nutzung nimmt zu. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2023 etwa 56.000 Drohnen zu kommerziellen Zwecken betrieben, sagt Jan Schönberg, Vorstandsmitglied im Industrieverband UAV DACH, das steht für European Association for Unmanned Aviation.Und auch wenn es keine aktuellere statistische Erhebung gibt, sind es mittlerweile sicher deutlich mehr. „Meine persönliche Schätzung ist, dass es inzwischen eher um die 100.000 sein dürften“, sagt Schönberg. Insgesamt ist die Branche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der Luftfahrtstrategie der Bundesregierung zufolge gibt es in Deutschland derzeit knapp 230 Unternehmen, in denen Drohnentechnologien und unbemannte Luftfahrt im Mittelpunkt stehen.Ein Start-up von drei StudienfreundenEines davon ist Urban Ray, ein Kölner Start-up, von dem die Drohne auf dem Essener Klinikparkplatz stammt. Gegründet haben es Cem Uyanik, Fabian Binz und Henry Schmidt; 2,5 Millionen Euro haben sie mithilfe mehrerer Finanzierungsrunden bislang in ihr Unternehmen investiert. Heute sind sie Anfang 30, kennengelernt haben sie sich aber schon im Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen. Schwerpunkt: Luft- und Raumfahrttechnik.Mittlerweile sind sie hier, zwischen mittelalten Ärzten, Apothekern und Laborangestellten, die hippen jungen Gründer in selbst designten Unternehmens-T-Shirts, aber auch: die erfahrenen Drohnenexperten. Vor allem für Fabian Binz ist es ein symbolträchtiger Ort, an dem seine Geschäftsidee zum ersten Mal in den Probebetrieb geht: „Ich wurde hier in diesem Krankenhaus geboren“, erzählt er.Bislang noch teurer – aber schnellerWarum es sich künftig lohnen könnte, medizinische Proben per Drohne zu verschicken, kann Yuriko Stiegler erklären. Sie ist Ärztliche Geschäftsführerin und Spezialistin für Bluttransfusion am MVZLM Ruhr, das ist ein großer regionaler Laborverbund, der für mehrere Essener Klinikverbünde täglich insgesamt 5000 medizinische Proben durchtestet. Das MVZLM Ruhr hat Stiegler zufolge Verträge mit Urban Ray abgeschlossen; sobald alle Tests und Vorbereitungsschritte absolviert sind, hat der Laborverbund zugesagt, die Drohnentransporte in Anspruch zu nehmen – zunächst für einige eilige Fälle.Immer mehr Krankenhäuser, auch das in Essen-Kupferdreh, unterhielten keine eigenen Labore mehr, nur eine Art Schnelltest-Kit für absolute Notsituationen, erklärt Stiegler. Ansonsten kommen die Proben per Pkw oder Transporter über die Straße zum Labor, die meisten in regelmäßigen Fahrten dreimal am Tag. Manchmal gibt es dringliche Proben, die mit einem Schnelltest nicht zu erledigen sind. Dafür braucht es dann Taxis oder Rettungswagen. „Für solche Fälle versprechen wir uns viel von den Drohnen“, sagt Stiegler.Bislang seien sie noch eine teurere Lösung als der Transport auf der Straße. Allein die Infrastruktur für einen einzelnen Standort wie hier in Essen-Kupferdreh kostet laut Binz einen sechsstelligen Betrag. „Aber wenn es sich etabliert, wird es sicherlich günstiger werden“, hofft Stiegler. Wenn alles ideal läuft, kann sie sich in ferner Zukunft bis zu einem Viertel aller Probentransporte per Drohne vorstellen.Eine Art DHL mit einem neuartigen VerkehrsmittelUrban Ray ist nicht das einzige Drohnenunternehmen, das sich an Logistiklösungen versucht, und die Medizinbranche scheint dabei momentan eine der interessantesten zu sein. Nicht weit entfernt, in Dortmund, sitzt einer der wichtigsten Konkurrenten des Start-ups: Morpheus Logistik. Anders als die Kölner Maschinenbauer entwickeln sie hier keine eigenen Drohnen, sondern kaufen die Fluggeräte anderer Hersteller, etwa von HHLA Sky aus Hamburg oder Striek Air aus Gütersloh. Zwischen 60.000 und 120.000 Euro kostet ein solches Fluggerät. „Das Konzept von Morpheus ist das einer Airline“, sagt Gründer Norman Koerschulte. Es funktioniert wie eine Art DHL, bloß mit einem neuartigen Verkehrsmittel.Will eine Drohnen-Airline etablieren: Norman Koerschulte, hier mit einer seiner Drohnen in DortmundMaximilian MannBegonnen hat er sein Drohnenlogistik-Geschäft im elterlichen Familienbetrieb in Lüdenscheid. Das Unternehmen handelt mit Teilen, Werkzeugen und Verbrauchsmaterial für Handwerks- und Industriebetriebe. Vor dem Hintergrund der über Jahre wegen Baufälligkeit gesperrten Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid verfolgte Koerschulte die Idee, Kunden statt mit dem Lastwagen per Drohne zu beliefern. Norman Koerschulte hatte damals schon Erfahrung in der Luftfahrt gesammelt, war jahrelang bei der Airline Germanwings angestellt.Ängste von Anwohnern erschweren den StartInzwischen ist die Rahmedetalbrücke im Rekordtempo neu gebaut, und Koerschulte hat – ähnlich wie Urban Ray – medizinische Proben als eines der spannendsten Themen für sich entdeckt. Die Branche sei ein „No Brainer“ für die Drohnenlogistik. „Keine Staus, keine Ampeln – die Drohne bringt einen Mehrwert für die Patienten, aber auch einen Vorteil für die Labore.“Im April und Mai hat Morpheus erfolgreich erste Starts für das Medizinlabor MED Laborunion GmbH aus Bergisch-Gladbach absolviert. Allerdings gibt es hier bislang noch keinen Regelbetrieb, weil die Landeerlaubnis am vorgesehenen Landeplatz noch fehlt. Anwohner in einem benachbarten Wohngebiet, das von der Drohne überflogen wird, hätten viele Ängste und Vorbehalte, erklärt eine Sprecherin von Morpheus.„Benzin wird immer teurer“Schon im vergangenen Jahr war das Start-up bei Testflügen in Iserlohn an regulatorischen Hürden zum Lärmschutz gescheitert. Für seine neuen Projekte will Morpheus nun vornehmlich in Industriegebieten starten und landen, weil weiterhin ungeklärt sei, welche exakten Lärm-Richtwerte in Wohngebieten für Drohnen gelten.Fernsteuerung aus dem Büro: Drohnenpilot Konstantinos Triantafyllidis von Morpheus bei der Arbeit in DortmundMaximilian MannIn seiner Unternehmenszentrale hat Koerschulte hinter einer Glaswand einen großen Leitstand eingerichtet. Es gibt mehrere Arbeitsplätze für Drohnenpiloten; gerade hat Konstantinos Triantafyllidis Dienst. Auf einem überbreiten Bildschirm überwacht er auf einer Karte die Flugrouten; zusätzlich behält er allerlei Daten im Blick, Wetterdaten etwa. Bislang dient der Leitstand ausschließlich Testflügen und Demonstrationszwecken. Doch auch Morpheus hat ähnlich wie Urban Ray schon eine offizielle Flugerlaubnis und darf seine Drohnen außer Sichtweite fliegen lassen.Beide Gründer sind überzeugt, dass sich ihre geplanten Flüge schon bald finanziell rechnen werden: „Benzin wird immer teurer“, argumentiert Cem Uyanik; die Drohnen hingegen fliegen vollelektrisch. All das nennt auch Drohnenexperte Schönberg als offensichtliche Vorteile. Die Medizinlogistik erscheint ihm als einer der aktuell vielversprechendsten Anwendungsfälle überhaupt. Mit dem Berliner Unternehmen Labfly und dem Schweizer Unternehmen Jedsy fallen ihm gleich zwei weitere Marktakteure ein, die in Deutschland auf dem Gebiet aktiv sind. „Es ist ein Paradebeispiel dafür, dass Drohnentechnologie für alle Beteiligten einen Mehrwert bieten kann“, sagt er. „Für Unternehmen ist das Ganze besonders attraktiv, weil der Nutzwert so klar auf der Hand liegt und allgemein akzeptiert wird.“ Für die Öffentlichkeit sei die Medizinlogistik „extrem positiv besetzt“. Und die Akzeptanz sei neben Fragen der Finanzierung und der Regulatorik weiterhin eine Herausforderung für die zivile Drohnennutzung.Wie eine PackstationBesonders interessant am Kölner Start-up Urban Ray findet Schönberg, dass nicht allein der Flug komplett „ferngesteuert“ aus der Kölner Unternehmenszentrale funktioniert, sondern auch das Beladen der Drohne stark automatisiert ist. Gründer Uyanik vergleicht das System mit einer Packstation, die Ärzte und Medizinpersonal ohne große Anlernzeit bestücken können. In direkten Kontakt mit der Drohne müssen sie gar nicht kommen.Auf dem Klinikparkplatz machen sie es vor. Mitgründer Fabian Binz packt zu Demonstrationszwecken mehrere kleine Plastik-Probenröhrchen in eine runde Transportdose, die wie eine Pausenbox für Müsli aussieht. 20 bis 25 Proben passen in die Dose und vier Dosen in eine Drohne. Wegen Sicherheitsregularien muss er jedes Gefäß noch einmal mit Luftpolsterfolie verpacken und in einen Karton stecken.Drohnen für das Gesundheitssystem statt für das MilitärVon jetzt an funktioniert alles vollautomatisch: Über einen QR-Code lässt sich ein Schleusentor an der „Packstation“ öffnen, Binz legt den Pappkarton mit den Proben hinein. Im Inneren der Station wird die Drohne mithilfe von Sensorik beladen, eine frische Batterie eingelegt und das Flugobjekt über einen kranartigen Hebearm zum Rolltor und aus dem Rolltor hinausbefördert. Den Start übernimmt der Drohnenpilot in Köln.Er werde oft gefragt, warum er nicht lieber militärische Drohnen baut, wo doch Innovationen auf diesem Feld so dringend vonnöten seien, erzählt Uyanik. Er erwidert dann, dass das Gesundheitssystem durchaus kritische Infrastruktur sei. „Und wir tragen dazu bei, sie zu sichern.“ Im „absoluten Extremfall, wenn hier wirklich unsere Straßen und Brücken zerbombt sind, dann ist doch unsere Gesundheitsversorgung durch die Luft eine der wichtigsten Verteidigungslinien überhaupt“. 230 Kilometer Flugdistanz hat die Urban-Ray-Drohne in ihrer Essener Testwoche schon bewältigt. Auch echte Patienten-Proben waren an Bord. Uyanik ist optimistisch: „Ich denke, nach diesen erfolgreichen Demonstrationen können wir in der zweiten Jahreshälfte in den regulären Betrieb übergehen“, sagt er.