Tote Hechte und Quappen treiben auf dem Steinhuder Meer bei Hannover, Fischkadaver liegen am Ufer des Rheinauensees bei Bonn. In ganz Deutschland sterben wie hier massenhaft Fische. Die Bedingungen der aktuellen Hitzewellen belasten nicht nur die Gesundheit von Menschen, sondern bringen auch Flüsse und Seen an ihre Grenzen. So früh wie nie sorgen in diesem Jahr extreme Hitze und ausbleibender Niederschlag für hohe Temperaturen in den heimischen Gewässern. Es seien bereits im Juni Verhältnisse erreicht worden, „die wir sonst nur aus Juli und August kennen“, sagt Karsten Rinke, Leiter der Abteilung Seenforschung vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg gegenüber dem Science Media Center. Diese Verhältnisse haben gravierende Folgen für alle Wasserlebewesen. „Je höher die Temperatur, desto weniger Sauerstoff ist im Wasser gelöst, und gleichzeitig steigt der Sauerstoffbedarf der Organismen mit der Temperatur“, erklärt der Wissenschaftler.Oftmals ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren, die den Fischen, Muscheln und Krebsen das Leben schwer macht. Kommt es zu starkem Regen, etwa bei einem Gewitter, kann der ausgetrocknete Boden das Wasser nicht aufnehmen, und Nährstoffe werden in die Gewässer gespült. Phosphor und Stickstoff sind nicht nur Dünger für Landpflanzen, sondern führen auch dazu, dass sich im Wasser Algen schneller ausbreiten. Wie alle Pflanzen produzieren diese zwar tagsüber Sauerstoff und reichern damit das Wasser an. Nachts verbrauchen sie ihn jedoch, und die Sauerstoffgehalte fallen. Zusätzlich verzehren die Mikroorganismen, die die Algen zersetzen, den Sauerstoff. Das verschärft den Sauerstoffmangel weiter, Fische, Muscheln und andere Wassertiere drohen zu ersticken.Keine RückzugsmöglichkeitenBesonders gefährdet sind flache Seen oder Teiche ohne Zulauf. „In 50 Metern Tiefe hat jeder See selbst im höchsten Hitzeschock noch vier bis fünf Grad Celsius Wassertemperatur“, erklärt Karsten Rinke. Sind aber Gewässer besonders flach, heizen sie sich bis auf den Grund auf und bieten ihren Bewohnern keine Rückzugsmöglichkeit in kühlere Bereiche mehr. Auch Flüsse, die sich über ihren Verlauf hinweg erwärmen, können im Unterlauf problematische Temperaturen annehmen. In Koblenz erreichte der Rhein im Juni Temperaturen von über 29 Grad Celsius, berichtet das Bundesamt für Gewässerkunde. Das langjährige Mittel im Juni lag im Zeitraum 1993 bis 2022 bei 20 Grad.Um Gewässer vor diesem Schicksal zu bewahren, empfehlen Experten, die Ufer zu bepflanzen, auch am heimischen Teich. Damit entstünden kühlere Rückzugsorte. Solche lassen sich auch mit Vertiefungen am Gewässerboden, sogenannten Kolken, oder dem Anschluss an Grundwasser erreichen. Vereinzelt leiten Kommunen auch Sauerstoff oder kühleres Wasser in Seen, um besonders sensible Arten zu schützen. „Das ist natürlich keine nachhaltige Lösung, aber es ist zumindest eine Notmaßnahme“, ordnet Jürgen Geist von der Technischen Universität München ein. Langfristig hilft es nur, den Nährstoffeintrag zu reduzieren und den Klimawandel zu bremsen.Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich belastete Ökosysteme regenerieren können. Das massenhafte Fischsterben 2022 in der Oder ist laut Meldung des Bundesumweltministeriums für einen Rückgang um mehr als die Hälfte des Fischbestandes verantwortlich. Dennoch haben sich die Tierzahlen bis heute stabilisiert, und die Bestände werden sich nach Expertenschätzung bis voraussichtlich 2027 vollständig erholen.Die Folgen des Klimawandels zeigen sich auch subtiler, etwa indem sie Lebensgemeinschaft in der Natur nachhaltig verändern. „Es gibt wie immer Gewinner und Verlierer in solchen Szenarien“, sagt Jürgen Geist. Ein Gewinner sei dabei der Wels, weil er von den Effekten des Klimawandels profitiere. Der Biologe führt weiter aus: „Die Ökologie stellt sich immer auf neue Bedingungen ein, und so ist die Frage dann vor allem: Was ist für uns Menschen angenehm, und welche Arten wollen wir eher nicht in den Gewässern haben?“
Hitzewellen: Den Fischen geht die Luft aus
Die überhitzten Flüsse, Seen und Teiche sorgen für Sauerstoffmangel bei den Tieren. Warum flache Gewässer besonders bedroht sind.










