PfadnavigationHomeICONISTFamilieIm Sog von Social Media„Sie können kein Kind auf sexuelle Belästigung vorbereiten“Veröffentlicht am 14.07.2026Lesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Halfpoint ImagesMehr als ein Viertel aller Zehn- bis 17-Jährigen zeigt einen riskanten bis krankhaften Konsum digitaler Angebote. Die Familienministerin plädiert jetzt für ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren. Einer Elterninitiative geht das nicht weit genug.Die Masche, mit der er sich laut Staatsanwaltschaft an seine Opfer heranmachte, ist an Perfidität nicht zu überbieten. Auf Gaming-Plattformen und in sozialen Netzwerken suchte er bewusst nach psychisch labilen Kindern und Jugendlichen, erschlich sich ihr Vertrauen – und schlug dann zu. „White Tiger“, wie sich der 21-Jährige aus Hamburg als Mitglied der kriminellen Chatgruppe „764“ im Netz nannte, überredete sie, vor laufender Kamera sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Weigerten sich die Mädchen und Jungen im Alter von elf bis 15 Jahren, seinen immer extremer werdenden Forderungen nachzukommen, drohte er, die Aufnahmen zu veröffentlichen. Im Januar 2022 soll er einen 13-Jährigen aus den USA dazu gebracht haben, sich vor laufender Webcam das Leben zu nehmen.Die mutmaßlichen Taten des wegen Mordes und versuchten Mordes Angeklagten, die seit Januar vor dem Hamburger Landgericht verhandelt werden, geben ein bedrückendes Beispiel für die Gefahren, denen junge Menschen in sozialen Medien ausgesetzt sind. Bei einer Umfrage der Landesanstalt für Medien NRW gaben ein Viertel aller befragten Kinder und Jugendlichen für das Jahr 2025 Erfahrungen mit Cybergrooming an – dem gezielten sexuellen Locken und Manipulieren im Netz. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.Lesen Sie auchPsychologen und Pädagogen warnen vor psychischen und physischen Auswirkungen des exzessiven Social-Media-Konsums. Depressionen gehören ebenso dazu wie akuter Schlafmangel und Konzentrationsprobleme. Eine Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 25 Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum zeigen. Lesen Sie auchAm 24. Juni hat die von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ 56 Handlungsempfehlungen vorgelegt. Dazu gehört das Verbot der privaten Nutzung von Handys für Kinder in der Schule bis zur siebten Klasse. Um zu verhindern, dass Kinder schon in den ersten Lebensjahren mit digitalen Medien beruhigt werden, soll eine Elternberatung zu Medienerziehung verbindlich werden. Lesen Sie auchHinsichtlich der Nutzung digitaler Plattformen wie TikTok oder Instagram empfiehlt die Kommission als Alternative zu dienst- und funktionsspezifischen Beschränkungen nach Risikobewertung des jeweiligen Angebots eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren. Die Familienministerin sieht in dem Social-Media-Verbot für diese Altersgruppe den richtigen Weg. Mit der Forderung nach einer gesetzlichen Zugangsbeschränkung hat sie die Mehrheit der Bundesbürger hinter sich. Das ergab eine im Auftrag der Sender RTL und ntv durchgeführte Forsa-Umfrage, wonach sich 57 Prozent der Befragten sogar für eine wie in Australien bereits eingeführte Altersbeschränkung für Unter-16-Jährige aussprachen.Diese Altersgrenze gehört zu den zentralen Forderungen der Elterninitiative „Smarter Start“. Die Initiatoren haben sich in einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt, in dem sie ausdrücklich Maßnahmen wie Medienkompetenzförderung und die Stärkung von Eltern befürworten – gleichzeitig aber darauf verweisen, dass die Umsetzung Zeit benötigt, in der Kinder und Jugendliche weiterhin den Gefahren im Netz ausgeliefert sind. Ein Mindestalter von 16 Jahren für Social Media halten sie deshalb für einen notwendigen ersten Schritt, um junge Menschen kurzfristig wirksam zu schützen. Der Appell wurde mehr als 27.000 Mal unterzeichnet. Dass sich die Expertenkommission und die Familienministerin für ein Mindestalter von 13 Jahren einsetzen, ist für die Elterninitiative nicht nachvollziehbar. „Für uns stellt sich die berechtigte Frage: Wie kann es sein, dass zwischen den Empfehlungen der führenden Fachgesellschaften für die mentale Gesundheit junger Menschen und den Vorschlägen der Kommission ein derart eklatanter Widerspruch besteht?“, so Verena Holler, Mitbegründerin von „Smarter Start“ und Vorstandsmitglied. In dem begrenzten Entwicklungsabschnitt der Kindheit, in dem die wichtigen neuronalen Verbindungen geknüpft werden, seien die Erfahrungen in der physischen Welt extrem wichtig. Lange Zeiten vor dem Bildschirm aber würden zulasten dieser Erfahrungen gehen. Erst im Februar, so Holler, habe die Arbeitsgruppe der „Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ (DGKJP) eine Stellungnahme veröffentlicht, die von führenden Fachgesellschaften und Verbänden der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterzeichnet wurde. Darin wird empfohlen: kein eigenverantwortlicher Besitz und unregulierter Gebrauch von Smartphones vor 14 – und keine offene Nutzung von Social Media vor 16.Auch Andreas Büsch, Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz, sieht die Risiken von Social Media. Eine gesetzliche Altersbeschränkung lehnt er jedoch ab. „Ein Verbot sehe ich als Ultima Ratio oder sogar als pädagogische Bankrotterklärung“, sagt er. Digitale Medien seien ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Gesellschaft. Nicht ohne Grund hätten junge Menschen laut UN-Kinderrechtskonvention ein Recht auf den Umgang mit Medien und altersangemessene Angebote. Statt die Debatte „auf dem Rücken der Kinder und Heranwachsenden“ auszutragen, müssten die Plattformen in die Pflicht genommen werden, ihre Angebote strenger zu regulieren.Gegen ein Verbot spricht für Büsch auch der unverhältnismäßig große Reiz, der gerade für junge Menschen von Unerlaubtem ausgehe. Entscheidend seien die ausbleibenden Erfahrungen. „Ich teile nicht die Fiktion, dass im Falle eines solchen Verbotes mit 16 Jahren plötzlich medienkompetente Menschen vom Baum fallen. Das halte ich pädagogisch für illusionär.“ Kompetenz setze eine pädagogisch begleitete Auseinandersetzung mit dem Gegenstand voraus. Die Nutzer müssen die Risiken kennen, zu denen unter anderem die Gefahr gehört, durch das Smartphone jede Muße zu verlieren, wenn alle Augenblicke mit Ablenkung zugepflastert werden.Lesen Sie auchFür Verena Holler bedeutet Kinderschutz dagegen, junge Menschen präventiv zu schützen, möglichst vorbeugend zu verhindern, dass Schaden eintritt. „Es bedeutet nicht, den Schaden in Kauf zu nehmen und nur die Folgen mildern zu wollen.“ Medienerziehung ist für sie kein Allheilmittel. „Sie können kein Kind auf sexuelle Belästigung vorbereiten“, sagt sie. „Nur weil man ihm gesagt hat, dass so etwas passieren kann, wird es doch nicht weniger schockiert sein, wenn ein fremder Erwachsener ihm unaufgefordert ein Dickpic schickt.“Am Freitag gab die Europäische Kommission bekannt, dass Instagram und Facebook nach vorläufigen Ergebnissen einer EU-Untersuchung zu große Suchtgefahren für Kinder und Jugendliche berge – und deshalb ein Verfahren gegen den Mutterkonzern Meta vorangetrieben werde. Noch in diesem Sommer will die Europäische Kommission entscheiden, ob sie ein Social-Media-Verbot für Jugendliche auf den Weg bringt. Fest steht: Ob durch Verbote, mehr Aufklärung oder mehr Regulierungen – Kinder und Jugendliche brauchen dringend Schutzmaßnahmen. Gegen alles, was eine gesunde Entwicklung beeinträchtigt.