Jeder Teppich von Christoph Hefti erzählt eine andere textile Geschichte. PD Das Museum für Gestaltung Zürich widmet Christoph Hefti erstmals eine umfassende Einzelausstellung. Darin lässt sich die multidisziplinäre Praxis des Schweizer Textildesigners anschaulich erleben.«The Missing Cat und andere textile Storys» heisst die erste institutionelle Einzelausstellung zum Werk von Christoph Hefti im Museum für Gestaltung Zürich. Mit einer Katze im Titel sind schon alle Herzen gewonnen. Doch Leute, die allergisch auf Niedliches reagieren, seien entwarnt. Denn das Putzige ist Christoph Hefti fremd. Er haut lieber tüchtig auf den Putz. Und das macht in dieser Ausstellung ungeheuer Spass.Seine Katze hat eher etwas von der Grinsekatze (im Original: Cheshire Cat) aus «Alice im Wunderland». Heftis Katze verflüchtigt sich nicht, indem einzig ihr breiter Grinse-Mund zurückbleibt, sondern indem sie sich vervielfältigt. Wir treffen sie und ihre Doppelgängerinnen etwa auf einer Tapete an der Wand sowie auf einem eigens für die Schau geschaffenen Teppichläufer, der die Ausstellung abschliesst.Heftis Katzen sind eine schräge Strassenmischung aus futuristischem Alienmonster und urzeitlichem Totemtier. Das Exponat bringt am Ende nochmals alle Aspekte seines Schaffens auf den Punkt. Heftis Katzen erinnern tatsächlich an die Grinsekatze aus «Alice im Wunderland». PD Davor tauchen die Besucherinnen und Besucher in Heftis kuriosen und kaleidoskopischen Kosmos, der unzählige Disziplinen umfasst: von der Textilgestaltung für die Modebranche über Videos und Musikperformances bis zu Teppichkreationen und Keramiken. Leichtfüssig bewegt sich der in Zürich und London zum Textildesigner ausgebildete Freigeist zwischen multiplen Territorien. Die fliessenden Übergänge zwischen den Feldern macht auch die Szenografie der Schau erfahrbar.Die unterschiedlichen Bereiche sind durch bodenlange Textilien des Künstlers gegliedert. Diese in dunkleren Farbtönen gehaltenen Stoffbahnen schaffen eine surreale Landschaft, in der die hybriden Wesen Heftis eine noch stärkere Wirkung entfalten.Wundersame TeppichunikateEinzahl scheint im Vokabular des Künstlers ein Fremdwort zu sein. Seine Teppiche sind der beste Beweis dafür. Denn sie bestehen stets aus mehreren Elementen, aus zusammengesetzten Fragmenten. Die handwerklich gefertigten Unikate bilden das Herzstück der Schau. Dazwischen werden Besuchende auf eine Reise durch die Entstehungsprozesse seiner Arbeit mitgenommen. Eine Wand voller Skizzen zeigt, wie Hefti einzelne Motive sammelt, bevor sie in einem Teppichbild zusammenfinden. Von der Idee bis zum Produkt: Die Ausstellung gibt Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers. PD Auf dem Rundgang durch die Schau erzählt er, dass er beim Arbeiten nie etwas google. Er schöpft seine Inspiration aus der Beobachtung der Welt und aus der eigenen Vorstellungskraft. Er bedient sich furchtlos in den Untiefen seines Innenlebens. Und so wirken auch seine Bildwelten: eher einem Fiebertraum als dem Halluzinieren einer KI entsprungen.Jedenfalls haben seine Kreationen etwas zutiefst Unlogisches – im positiven Sinne. Zum einen durch ihr fragmentarisches Aussehen. KI hätte definitiv Mühe, eine Schublade zu finden, um diese von allerlei Tierwesen bevölkerten Landschaften abzulegen. Dieses Überbordende ist aber genau das Reizvolle an Heftis textilen Kunstwerken. Die surreale und wilde Welt des Schweizer Textildesigners wird in dieser Einzelausstellung besonders deutlich. PD Zum anderen sieht man den Teppichen an, dass sie von Hand gefertigt wurden. Sie weisen Unregelmässigkeiten und Ungereimtheiten auf – ganz bewusst. Der Textilgestalter arbeitet seit vielen Jahren mit Produzenten in Nepal. Mittlerweile kennt er die Knüpferinnen und Knüpfer seiner Arbeiten. Und er ist viel selbst vor Ort. Nicht nur, um letzte Anweisungen zu geben, wenn die Teppiche langsam – die ganze Herstellung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch – Form annehmen, sondern auch, um Inspirationen zu sammeln. Etwa im Garnlager. Dort kann er abseits der Welt und umgeben von farbigen Knäueln jeweils ganze Tage verbringen und nachdenken. Oder wie ein Wilder zeichnen. Das Material sei für ihn Co-Autor des Werks, sagt Hefti.Vom Designer zum freien KünstlerDie Schau zeigt aber nicht nur die «signature pieces» des Schweizer Künstlers, sondern gibt auch Einblick in seine Arbeitsweise sowie in weniger bekannte Aspekte seines Œuvres. Seit seiner Zeit bei Dries Van Noten, für den er dreizehn Jahre lang arbeitete, blieb er Belgien treu und pendelt heute zwischen Zürich und Brüssel. Heftis Biografie ist so bunt wie sein ganzes Werk selbst. Nach vielen Jahren in der schnelllebigen Modewelt sehnte er sich nach langsameren Rhythmen, nach mehr Inhalt und weniger Druck. So kam er zu seinen Teppicharbeiten. Der Schweizer Textilgestalter Christoph Hefti. PD Ein prägendes Erlebnis hatte er diesbezüglich in Bolivien, als er dort in einem Geschäft auf einen wunderschönen Teppich stiess. Dieser stamme von einer «crazy lady», niemand interessiere sich für ihre merkwürdigen Teile, wurde ihm beschieden. Hefti hingegen war Feuer und Flamme für dieses Stück. Er erwarb den Teppich und nahm mit ihm auch die «crazy lady» nach Hause – nur in der Vorstellung natürlich, nicht die Frau selbst.Diese imaginäre Figur wurde gleichsam zu seiner Muse und Mentorin. Hefti begann, freie Arbeiten zu entwickeln, statt wie im Modebusiness üblich als anonymer Designer zu amtieren. Immer wenn ihn auf seinem Lebensweg der Mut verlasse, frage er die Lady um Rat, erzählt er. Diese Geschichte ist nicht nur eine schöne Anekdote, sie zeigt auch, wie sich Realität und Fiktion in Heftis Praxis vermischen.Geschichten, die nie fertig erzählt sindInteressanterweise lässt sich dieser Hang zum Absurden bis in die Anfänge seiner Karriere zurückverfolgen. Etwa, als Hefti mit einem Kindheitsfreund eine Band hatte und sie für die Auftritte eigene Kostüme entwarfen sowie verrückte Videos drehten. Schon der Name der Gruppe spricht für sich: Taxi Val Mentek. Die Arbeit mit performativen Komponenten scheint auf seine spätere Tätigkeit als freier Künstler abgefärbt zu haben. Die Teppichentwürfe von Christoph Hefti sind wie nie ganz zu Ende erzählte Geschichten, die immer geheimnisvoller werden. PD Wobei auch der Begriff des Künstlers bei Christoph Hefti zu kurz greift. Die Multidisziplinarität seines Schaffens entzieht sich einer Einordnung. Man müsste, um seine Arbeit adäquat zu beschreiben, eine neue Sprache und Ordnung erfinden. Eine Art Esperanto, das stets neue Wörter bildete. Denn so versteht auch Hefti selbst seine Teppichentwürfe: als Geschichten, die nie ganz fertig erzählt sind und die immer geheimnisvoller werden. Auch deswegen sollte man sich unbedingt genügend Zeit nehmen, um in Heftis Multiversum abzutauchen. Wer weiss, ob man dabei die vermisste Katze wiederfindet.Die Ausstellung «Christoph Hefti – The Missing Cat und andere textile Storys» ist bis am 3. Januar 2027 im Museum für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse 60 in 8005 Zürich zu sehen. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.