Die Gründerin des legendären Mailänder Ausstellungsraums verrät, was Mailand als Destination so einzigartig macht, wie sich ihr Blick auf Design in den letzten Jahren verändert hat und wo sie in Mailand gerne essen geht.Frau Yashar, Mailand gilt weithin als die Welthauptstadt des Designs. Was macht die Stadt aus Ihrer Sicht nach wie vor so einzigartig?Mailand ist eine Stadt, die sich einem ganz heimlich nähert. Man glaubt, sie zu kennen, und dann entdeckt man eine winzige Galerie, eine Dachterrasse mit verstecktem Ausblick oder eine Konditorei, von deren Existenz man nichts ahnte. Was sie so einzigartig macht, ist, wie mühelos sie Tradition und Innovation miteinander verbindet: Historische Ateliers liegen nur einen kurzen Fussweg von den neuesten Studios entfernt, und alles fühlt sich zum Greifen nah an.Wo sehen Sie heute die spannendsten Entwicklungen jenseits der etablierten Marken und des Salone del Mobile?In Vierteln wie Scalo Farini, die Gegend um Isola, Dergano und Bovisa. Als ich dort vor elf Jahren das Nilufar Depot eröffnete, war es noch ein rauer, industrieller Teil der Stadt. Heute ist es ein echter Anziehungspunkt für Kreativität, an dem ständig neue Ateliers und unabhängige Projekte entstehen, direkt neben dem Designcampus des Politecnico in Bovisa. Es hat noch keine endgültige Form angenommen, und genau darin liegt sein Wert: Es gibt noch Raum für Entwicklung.19. bis 22. November 2026 «NZZ Bellevue»-Jubiläumsreise «Zwischen Form, Raum und Stil» Wer die Welt von Nina Yashar entdecken möchte, meldet sich für unsere Jubiläumsreise von NZZ Reisen an. Einer der Höhepunkte des viertägigen Programms ist ein exklusiver Besuch im Nilufar Depot, der Einblick in eine der weltweit einflussreichsten Adressen für Sammlerdesign bietet. Auf dem Programm stehen weitere spannende Adressen der Mailänder Architektur- und Designszene. Begleitet wird die Reise von den «NZZ Bellevue»-Redaktoren Lea Hagmann und Kim Dang, die ihre Expertise und ihre Begeisterung für Design, Architektur und Lifestyle mit den Teilnehmenden teilen. Mehr Informationen gibt es unter diesem Link. (Bild: Alejandro Ramírez Orozco) Nilufar ist dafür bekannt geworden, historische Meisterwerke und zeitgenössisches Sammlerdesign auf ganz eigene Weise miteinander zu verbinden. Worauf achten Sie bei der Auswahl von Designern oder Ateliers, mit denen Sie zusammenarbeiten?Ich suche nach dem, was ich als «Crossing» bezeichne: Designer, die sich weigern, sich auf eine Disziplin, eine Region oder einen bestimmten Zeitpunkt zu beschränken. Kategorien interessieren mich weniger als Resonanz: Stücke mit einer starken Identität, fundierter Recherche im Hintergrund und emotionaler Tiefe.Woran erkennen Sie ein Talent mit dauerhafter Relevanz?Oft ist es ein einzelnes Detail, das mir das verrät. Was ich wirklich suche, ist eine Stimme, die aus einer unerwarteten Richtung kommt, und das Gefühl, dass ein Stück auch dann noch etwas zu sagen hat, wenn der erste Moment der Aufmerksamkeit bereits vorbei ist.Viele aufstrebende Designer arbeiten heute an der Schnittstelle zwischen Handwerkskunst, Kunst, Technologie und Sammlerdesign. Wie hat sich Ihre eigene Perspektive im Laufe der Jahre entwickelt?Was sich geändert hat, ist, dass Design heute weniger durch einen einzelnen Trend als vielmehr durch eine Vielschichtigkeit von Ansätzen geprägt ist. Einerseits gibt es eine starke Tendenz zur technologischen Forschung, andererseits eine wachsende, bewusstere Aufmerksamkeit für Materialien, Produktionsprozesse und den narrativen Wert eines Objekts.Wonach suchen Sie heute, wonach Sie vor zehn oder zwanzig Jahren vielleicht noch nicht gesucht haben?Ein aktuelles Beispiel ist «Lumiac», ein Kronleuchter von Andrea Mancuso, der die Beziehung zwischen menschlicher Gestik und künstlicher Intelligenz erforscht. Sein Name ist eine bewusste Anspielung auf Maniac, einen der frühesten Computer, und blickt auf die Ursprünge des computergestützten Denkens zurück, um etwas darüber auszusagen, wohin sich Design heute entwickelt. Vor zwanzig Jahren habe ich nicht nach dieser Art des Dialogs zwischen Handwerk und Technologie gesucht. Heute ist das eines der Dinge, die mich am meisten begeistern. «Lumiac», ein Kronleuchter von Andrea Mancuso, erhältlich bei Nilufar an der Via della Spiga 32 in Mailand. Alejandro Ramirez Orozco Ihnen wird oft zugeschrieben, wichtige Designer schon früh in ihrer Karriere entdeckt zu haben. Wie gelingt Ihnen das?Alles, was ich aufgebaut habe, beruht auf Instinkt. Wenn ich einem Werk zum ersten Mal begegne, stelle ich keine intellektuellen Überlegungen an. Entweder spüre ich etwas oder eben nicht. Ich folge dem, was sich richtig anfühlt, auch wenn es nicht sofort an das anknüpft, was vorher war. Kohärenz im herkömmlichen Sinne war nie mein Ziel. Das bedeutet oft, gegen den Strom zu schwimmen.Sie handeln also auch bewusst gegen vorherrschende Trends?Ein gutes Beispiel dafür ist der Kauf von Martino Gampers «100 Chairs in 100 Days». Es handelte sich um eine unteilbare Sammlung aus dem Jahr 2009, als der Markt instinktiv dazu neigte, einzelne «Trophäenstücke» zu isolieren und zu verkaufen. Bei dieser Entscheidung gab es keine Zweifel, sondern absolute Gewissheit, auch wenn sie dem üblichen Marktverhalten zuwiderlief. Ich vertraue lieber meinem Instinkt, bevor er zum Trend wird, als dem Trend selbst hinterherzulaufen.Mailänder Plattform und Showroom seit 1979 Nilufar Nina Yashar wurde in Teheran geboren. Ihr Vater handelte mit Orientteppichen und vermittelte ihr Wertschätzung für kunstvolle Textilien und ihre Geschichten. Nach dem Umzug der Familie nach Mailand und ihrem Abschluss eines Kunstgeschichtestudiums eröffnete sie 1979 im Alter von 22 Jahren ihren ersten Laden in der eleganten Altstadt Mailands: Nilufar, benannt nach ihrer Schwester Nilu. Anfangs handelte sie mit antiken Teppichen, seit 1998 bringt sie historische und zeitgenössische Stücke in einen Dialog. Der Ort, der sich selbst nicht als klassische Galerie versteht, gilt als legendär, da Yashar Designtrends vorwegnimmt. Zudem ist sie für die Präsentation aussergewöhnlicher Vintage-Design-Meisterwerke bekannt. Unter ihrer Leitung hat sich Nilufar als Magnet und Drehscheibe für Sammler, Institutionen und Designbegeisterte etabliert. Nach der Eröffnung am renommierten Standort in der Via della Spiga weihte Nilufar im Jahr 2015 einen zweiten Ausstellungsraum in der Viale Lancetti ein, der vom Opernhaus La Scala inspiriert ist. Beide Standorte zählen während der Milan Design Week zu den Höhepunkten und bieten ein vielseitiges Ausstellungsprogramm, das ein internationales Publikum anzieht. Gampers Projekt würdigt eine der ikonischsten Designtypologien, den Stuhl. Was sagt dieses Projekt über den aktuellen Stand des zeitgenössischen Designs aus?Ich lernte Martino Gamper über Ron Arad kennen, der mir von einem ehemaligen Studenten mit einer sehr persönlichen Herangehensweise beim Design erzählte. Als ich das Projekt «100 Chairs in 100 Days» sah, war ich so beeindruckt, dass ich meiner Schwester sagte, ich müsse mir nichts anderes mehr ansehen – ich kaufte die gesamte Kollektion innerhalb von Sekunden, noch bevor ich jeden einzelnen Stuhl gesehen hatte. Das klingt intuitiv.So arbeite ich: erst der Instinkt, dann keine Rechtfertigung. Für mich ging es bei dem Projekt nie um hundert einzelne Objekte. Es ist eine einzige Erzählung, die ihre Bedeutung verliert, wenn man die Teile voneinander trennt – eine Geschichte über Wiederverwendung, Urheberschaft und den Entstehungsprozess. Der Stuhl als eine Form, die jeder erkennt, wird – gerade weil er so vertraut ist – zum perfekten Träger dieser Geschichte. Man nimmt die Verwandlung umso stärker wahr.Das Projekt zeigt, wie sich zeitgenössisches Design zunehmend dagegen wehrt, auf ein einzelnes «Trophäenstück» reduziert zu werden, und stattdessen darum bittet, als ein sich im Laufe der Zeit entfaltender Gesamtprozess verstanden zu werden. Deshalb übergebe ich die gesamte Sammlung nun – nach siebzehn Jahren als Verwalterin – einem Museum. Zusammen und unversehrt.«Das Nilufar Depot sah ich von Anfang an als Bühne, als ein echtes Theater des Designs.»Nina Yashar, Gründerin und Besitzerin von NilufarWelche Art von Erlebnis möchten Sie den Besuchern des Nilufar Depot vermitteln? Ist es Ihr Ziel, zu informieren, zu inspirieren oder vielleicht einfach nur Neugier zu wecken?Ich habe mir das Depot nie als einfachen Ausstellungsraum vorgestellt. Von Anfang an sah ich es als Bühne, als ein echtes Theater des Designs, in dem einzelne Stücke nebeneinander existieren, sich gegenseitig herausfordern und durch die Geschichten, die wir um sie herum erzählen, neue Bedeutung erlangen können.Ich hoffe, dass die Besucher ein Gefühl der Entdeckung erleben – als würden sie in etwas Vertrautes und doch leicht Unerwartetes eintreten, nicht in ein fertiges Bild, sondern in einen Raum, der sich langsam offenbart.Welche anderen Orte in Mailand können Sie Designfans zum Entdecken empfehlen?Neugierige Besucher schicke ich immer in das Viertel Risorgimento, wo ich wohne – ruhige Wohnstrassen mit kleinen Entdeckungen wie «Terroir», einem reizenden Feinkostladen, oder der «Pasticceria Sissi», die eine wunderschöne Café-Atmosphäre bietet. Von dort aus ist es ein Leichtes, das Cinque-Vie-Viertel zu erreichen, das voller Geschichte und Details steckt.Wie sieht es mit Architektur aus?Was die Architektur angeht, würde ich sie zur Villa Necchi Campiglio schicken, die von Piero Portaluppi entworfen wurde – raffiniert, intim und ein perfektes Beispiel dafür, wie Design luxuriös und dennoch menschlich sein kann. Und ich empfehle immer einen gemächlichen Spaziergang um die Torre Velasca; ihre kühne modernistische Form inspiriert mich nach wie vor, und ich habe sogar eine Vintage-Deckenlampe der italienischen Architektengruppe BBPR aus demselben Projekt von 1956 in meiner eigenen Sammlung. Das markante Hochhaus Torre Velasca, entworfen vom Mailänder Büro BBPR. Getty Images Wer nur wenige Stunden Zeit hat, kann bei der Triennale Milano und dem angrenzenden Parco Sempione den kreativen Geist der Stadt an einem einzigen Ort erleben. Und natürlich bei Nilufar in der Via della Spiga und im Nilufar Depot in der Viale Lancetti – man sollte sich genügend Zeit nehmen, um jede Ecke genau zu erkunden, denn es gibt immer eine Überraschung.Kein Mailänder Besuch ohne gutes Essen: Welche Restaurants empfehlen Sie Besuchenden?Ohne zu zögern: die Trattoria Masuelli an der Viale Umbria. Das familiengeführte Lokal verzichtet auf überflüssigen Schnickschnack und bietet klassische, präzise und durch und durch mailändische Küche. Die Speisesäle sind mit originalen Gio-Ponti-Kronleuchtern und Stühlen aus den 1920er Jahren ausgestattet, die nicht inszeniert, sondern gelebt wurden. Das ist die ehrlichste Form von Design, die ich kenne, und ich bleibe dort immer länger, als ich eigentlich vorhatte.Für etwas Legeres gehe ich ins «Mezè», wo ich mit Freunden eine lebendige, zeitgemässe Interpretation der libanesischen Küche geniesse. Zudem ist keine Designwoche komplett ohne einen Kaffee im «Marchesi 1824» oder einen Aperitivo im «Sant Ambroeus» – beides echte Mailänder Institutionen, die im April zu Treffpunkten für die gesamte Designwelt werden. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.