Der Penalty ist weit mehr als eine Standardsituation – er bleibt das letzte Geheimnis des FussballsBeim Elfmeter wird auf beiden Seiten geblufft, eingeschüchtert und taktiert. Selbst Wissenschafter scheitern daran, eine Formel für ihn zu finden – zum Glück.14.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMexikos Raúl Jiménez erzielt per Strafstoss das zweite Tor für seine Mannschaft im WM-Achtelfinal gegen England.Ezra Shaw / Fifa via GettyNur ein paar Minuten hatten der Schweiz beim 1:3 gegen Argentinien gefehlt, und vielleicht wäre Gregor Kobel einmal mehr das geworden, als was er ohnehin schon gilt: als ein Held, präziser: als ein Elfmeterheld. Gegen Kolumbien hatte der Torhüter mit seiner Parade im Shoot-out einen entscheidenden Anteil am Weiterkommen des Teams von Murat Yakin, und sie war umso wichtiger, als Akanji den Ball weit über den Querbalken gekickt hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ob an der Universität Bergen in Norwegen, an der Deutschen Sporthochschule Köln oder am Institut für Sportwissenschaft der ETH Zürich: Die Entschlüsselung dieser fussballerischen Teildisziplin wird an vielen Orten mit grosser Ernsthaftigkeit betrieben. Herausgekommen sind teils brauchbare Ansätze, teils widersprüchliche Erklärungen – so, wie das in der Wissenschaft eben ist –, was den Verdacht nahelegt, dass man mit phänomenologischen oder gar metaphysischen Deutungen mitunter genauso weit kommt.Stürmer oder Abwehrspieler?Daniel Memmert, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, hat etwa herausgefunden, dass gerade Abwehrspieler die zuverlässigeren Kandidaten sind, weil sie ihrem Anforderungsprofil gemäss einer Pflichtaufgabe nachgehen, anders als Stürmer. Der Abwehrspieler sei der pflichtorientierte Typ, der Stürmer der hoffnungsorientierte. Der pflichtorientierte Typ darf sich keinen Fehler erlauben, da das in einem Gegentor münden kann.Auf den ersten Blick ergibt das Sinn – und erklärt, warum ausgerechnet viele hervorragende Fussballer in solchen Situationen scheitern. Nur zeigt gerade diese Weltmeisterschaft das Gegenteil: Nicht nur der Deutsche Jonathan Tah hat sich tatsächlich seiner Pflicht gestellt – und vergab. Gestützt wird die Beobachtung, wonach Abwehrspieler die schwächeren Schützen sind, durch Daten der Analytiker von Opta, wie der «Blick» berichtet. Die Differenz an Weltmeisterschaften ist erheblich: Nur 62 Prozent trafen – im Vergleich zu 73,2 Prozent bei den Stürmern.Strafstösse, sagt der Sportwissenschafter Daniel Memmert, seien ein standardisiertes Verfahren. Genau aus diesem Grund liessen sie sich hervorragend trainieren. Die Praktiker würden widersprechen, denn sie wissen: Auch wenn der Ablauf standardisiert erscheint, sind die Produktionsbedingungen andere.So auch Ottmar Hitzfeld, der mit Bayern München am 23. Mai 2001 in Mailand ein legendäres Elfmeterschiessen im Champions-League-Final gegen den FC Valencia erlebte: Den Druck zu simulieren, die Atmosphäre zu erzeugen – das funktioniert im Training nicht. Das bleibt am Ende immer noch zu einem hohen Grad Lotterie, und da kann man auch einfach Glück haben. Erst nachdem Bayern Valencia im Elfmeterschiessen bezwungen und Oliver Kahn gleich drei Elfmeter gehalten hatte, wurde Hitzfeld klar, dass Kahn im Grunde alles andere als ein Experte für das Duell vom Punkt gewesen war.Oliver Kahn pariert 2001 im Elfmeterschiessen des Champions-League-Finals gegen Valencia den Strafstoss von Mauricio Pellegrino – und sichert so dem FC Bayern München den Titel.Eric Verhoeven / ImagoAber manchmal entstehen solche Phänomene auch aus einer Notsituation – so wie damals, als der damalige niederländische Trainer Louis van Gaal den «Elfmeter-Killer» Tim Krul erfand: 2014 im WM-Viertelfinal gegen Costa Rica wechselte er in der 120. Minute, Sekunden vor Ende der Verlängerung, den Torhüter Jasper Cillessen gegen den hochgewachsenen Krul ein. Dieser redete eindringlich auf die costa-ricanischen Schützen ein, die allesamt zuvor im Elfmeterschiessen gegen Griechenland getroffen hatten. Das Ergebnis: zwei Schützen verschossen.Der grosse Bluff des Louis van GaalDie Costa Ricaner waren sich sicher, einen Spezialisten vor sich zu haben; ein Kollege aus der Premier League sagte hinterher, man habe gewusst, wie stark Krul bei Elfmetern sei. Die Pointe: Von den weit über zwanzig Elfmetern, denen Krul im Verlauf seiner Karriere zuvor gegenübergestanden hatte, hatte er gerade einmal zwei gehalten. Schon das zeigt: Es ist weniger eine Sache der Technik als eine der Entschlossenheit und der Nerven.Was Tim Krul seinerzeit vorführte, perfektionierte der argentinische Nationaltorhüter Emiliano Martínez, der tatsächlich ein Spezialist fürs Elfmeterschiessen ist: In vier Elfmeterschiessen mit der Albiceleste hat er brilliert. Ein Shoot-out gegen Martínez ist nicht einfach nur das Duell mehrerer Schützen gegen ihn – es ist ein Revierkampf, in dem der Torhüter sein Terrain markiert, indem er den Strafraum abschreitet, mit dem Fuss Linien zieht, gegen den Pfosten schlägt, gegen die Latte schlägt. Unmissverständlich klarzumachen, wer Herr im Haus ist: Das ist die grösste Qualität von Emiliano Martínez. Und schliesslich verselbständigt sich der Ruf eines Torhüters, der am Ende dazu beiträgt, dass die Knie der Schützen weich werden.Meister der Einschüchterung: Argentiniens Goalie Emiliano Martínez während des Penaltyschiessens im WM-Final gegen Frankreich.Stephen McCarthy / Fifa via GettyIn noch extremerer Form gilt dies für den Marokkaner Bono, der sich bei Weltmeisterschaften bislang insgesamt neun Strafstössen gegenübersah, von denen nur zwei im Netz landeten: Vier parierte er selbst – geteilter Bestwert seit Beginn der Datenerfassung 1966 –, drei weitere scheiterten anderweitig. Dabei verhält er sich unkonventionell, geht manchmal sogar von der Linie ab. Auf diese Weise hat er schon mehrere Elfmeter abgewehrt.Er parierte auch gegen Kylian Mbappé, der im Final der WM 2022 gegen Martínez drei Elfmeter kaltblütig verwandelte, gegen Bono aber verschoss – wobei man rätseln kann, ob dies dem furchteinflössenden Ruf des Marokkaners oder der Situation geschuldet war.Denn in einem Punkt haben die Wissenschafter einwandfrei nachweisen können, was den Schützen zum Nachteil gereicht: Je mehr Zeit vergeht, bis der Strafstoss ausgeführt wird, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass er verschiesst. Mbappé, obschon ein routinierter und auch in Extremsituationen routinierter Schütze, stand schon am Elfmeterpunkt, als die Überprüfung der Strafstossentscheidung durch den Videoassistenten noch nicht abgeschlossen war.Immerhin ist Mbappé ein grundsolider Schütze – anders als Lionel Messi. Ihn unter den Spitzenkönnern des Weltfussballs einen unsicheren Kantonisten zu nennen, ist keine Verleumdung, sondern statistisch erwiesen: Von 150 Strafstössen vergab er 34.Auch die sichersten Schützen scheiternAndererseits gibt es Spezialisten, die mit geradezu verstörender Zuverlässigkeit treffen: Der frühere niederländische Nationalspieler Pierre van Hooijdonk verwandelte 54 von 55 Versuchen. Besonders sichere Schützen teilen meist eine Gemeinsamkeit: Sie machen keine Fisimatenten, trippeln nicht zum Punkt, als gelte es, eine Piaffe hinzulegen, bevor der Ball den Fuss berührt. Ein kurzer Anlauf, ein präziser Schuss – und sollte der Torhüter doch einmal im Weg stehen, dann war es eben Pech.Harry Kane, der mal verzögert, mal präzise schiesst, gehört zu den sicheren Elfmeterschützen: 109 von 123 Versuchen verwandelt. Andererseits: Auch er ist fehlbar, zumal in entscheidenden Augenblicken, wie ein Fehlschuss im Viertelfinal der WM 2022 gegen Frankreich zeigt.Einen gemeinsamen Nenner gibt es im Elfmeterschiessen nicht. Jede vermeintliche Gewissheit kann von kurzer Dauer sein, präziser: Sie dauert möglicherweise nur bis zum nächsten Strafstoss. Wissenschaftern mag es gelingen, Muster zu erkennen, aber alles, was verspricht, eine Formel für den perfekten Elfmeter zu liefern, wird sich als Irrtum erweisen. So bleibt der Elfmeter – erst recht das Elfmeterschiessen – das vielleicht letzte Mysterium des Fussballs.Julian Finney / GettyJulian Finney / GettyAuch die Besten scheitern am Elfmeter: Englands Stürmer Harry Kane schiesst 2022 im WM-Viertelfinal gegen Frankreich in Katar seinen zweiten Penalty über das Tor.Passend zum Artikel