MeinungTech-Riesen wie Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta Platforms liefern sich ein halsbrecherisches Wettrüsten beim Ausbau von Rechenzentren. Die Gewinner sind Halbleiterkonzerne und andere Ausrüster. Doch wird die gigantische Wette auf künstliche Intelligenz aufgehen?Kevin Duffy14.07.2026, 03.52 Uhr«Der Ausbau von KI-Fabriken – der grösste Infrastrukturausbau in der Geschichte der Menschheit – schreitet mit aussergewöhnlicher Geschwindigkeit voran. Die agentische KI ist da: Sie leistet produktive Arbeit, schafft echten Mehrwert und verbreitet sich rasch in Unternehmen und Branchen.»Jensen Huang, Gründer und CEO von NvidiaOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die USA investieren in sechs Jahren mehr Kapital in KI-Rechenzentren (rund 930 Mrd. $) als die inflationsbereinigten Kosten des Marshall-Plans, des Apollo-Programms, des Manhattan-Projekts und des Interstate-Highway-Systems – zusammen.»Ronnie Stoeferle, Partner und Fondsmanager bei Incrementum«Der KI-Investitionsboom ist das einzige Thema, über das derzeit gesprochen wird. Betrachten wir das Ganze einmal in einem grösseren Zusammenhang […] Der Anteil der KI-Investitionen am BIP-Wachstum steigt, aber er beträgt 10% des BIP [der USA]. Drei Viertel des Wachstums im ersten Quartal stammten allein aus dieser Quelle.»David Rosenberg, Ökonom und Gründer von Rosenberg ResearchDer Boom im Bereich künstliche Intelligenz erinnert an den Film «Field of Dreams», der unter dem deutschen Titel «Feld der Träume» 1989 in die Kinos kam. Er handelt von Ray Kinsella (gespielt von Kevin Costner), einem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Farmer aus Iowa. Er erhält eine Eingebung von einer geheimnisvollen Stimme, die sagt: «Wenn du es baust, wird er kommen.»Zur Bestürzung seiner Nachbarn und seines Schwagers, eines Bankers, pflügt Ray ein makelloses Maisfeld um, um ein Baseballfeld nach offiziellen Grössenvorgaben mit Tribüne und Flutlicht anzulegen.Beim Ausbau von KI-Rechenzentren wird die Handlung des Films auf den Kopf gestellt: Jeder, der nur kann, pflügt sein Feld um und baut ein Baseballstadion. Dies, in der Gewissheit, dass eine unersättliche Nachfrage und unermessliche Reichtümer auf ihn warten.Für Investoren und die Elite des Silicon Valley ist dieses Verhalten völlig rational. Doch auch wenn Kinsellas unerschütterlicher Glaube letztlich belohnt wird, könnte der Film über das gegenwärtige Geschehen für diejenigen vielleicht nicht so gut enden, die vom Gewinnpotenzial der KI-Investitionen überzeugt sind.Ackerland in der Nähe der Baustelle eines neuen Rechenzentrums von Meta Platforms in Holly Ridge, Louisiana.Bild: The Coffee Can PortfolioKI erlebt derzeit zweifellos einen Boom, wobei der jüngste Schub vom Aufkommen agentischer KI ausgeht. Adam Levine, der für das Anlegermagazin «Barron’s» über Technologie schreibt, erklärt dazu:«Zu Beginn des KI-Booms war das Wachstum an das Training neuer Modelle geknüpft; ein langsamer, aufwendiger Prozess. Mittlerweile verlagert sich die Arbeitslast zunehmend auf die praktische Anwendung dieser Modelle, einen Prozess, der Inferenz genannt wird. Der Trend zur Inferenz wird durch den Aufstieg von KI-Agenten vorangetrieben: Software, die mithilfe von KI-Modellen eine komplexe Abfolge von Aufgaben anhand einer einfachen Gesprächsanregung ausführen kann. KI-Agenten verarbeiten Datenmengen in einem Tempo, mit dem kein Mensch mithalten kann. Wenn die Prognosen stimmen, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie in IT-Umgebungen von Unternehmen zahlenmässig die Menschen übertreffen.»Die Nachfrage nach Rechenleistung steigt nicht nur rasant an – die Gewinne werden nun auch breiter verteilt. Unternehmen, die nicht Nvidia heissen (Intel, AMD, Micron Technology, Broadcom, ARM u. a.), sichern sich deutlich grössere Stücke eines wachsenden Kuchens. Gemäss Dan Niles, einem Technologie-Analysten und Portfoliomanager mit langer Erfahrung, der seine Sporen während der Internetblase verdient hat, «benötigt agentische KI zehn bis hundert Mal mehr Token als gewöhnliche KI-Modelle wie ChatGPT.»In der Welt vor dem Aufkommen von KI-Agenten wurden in Grossrechnern etwa 8 GPU-Chips (die Domäne von Nvidia) pro CPU-Chip (der Kernmarkt von Intel und AMD) verwendet. Gemäss Niles «nähert sich dieses Verhältnis durch den Übergang zu agentischer KI gegen 1:1 an». (Nebenbei bemerkt: Niles sieht eine Blase entstehen, glaubt aber, dass sich noch reichlich Geld verdienen lässt, bevor sie irgendwann im nächsten Jahr platzt.)Wie die nachstehende Tabelle zeigt, hat sich die KI-Rally an der Börse ausgeweitet, wobei die grössten Gewinner im ersten Halbjahr 2026 fast alle mit dem Boom bei den KI-Investitionen in Verbindung stehen. Diese Aktien werden rege gehandelt und sind bei Momentum-Anlegern sehr begehrt. Nvidia ist hingegen ins Hintertreffen geraten und verzeichnet im Vergleichszeitraum eine Gesamtrendite von lediglich rund 7%.Micron ist zum Aushängeschild dieses Booms geworden. Der Kurs des US-Herstellers von Speicherchips hat sich in den zwölf Monaten bis zum 30. Juni mehr als verneunfacht, wobei die Marktkapitalisierung von 138 Mrd. $ auf über 1,3 Bio. $ gestiegen ist. Im gleichen Zeitraum nahmen die Erwartungen für die Investitionsausgaben der grössen fünf Hyperscaler (Amazon/AWS, Microsoft, Google, Meta und Oracle) für das laufende Jahr von rund 600 auf 750 Mrd. $ zu. Mit anderen Worten: 150 Mrd. $ an zusätzlichen KI-bezogenen Investitionsausgaben führten zu einem Wertzuwachs von annähernd 1,2 Bio. $ bei Micron.Am 27. Mai berichtete das «Wall Street Journal»: «Die rasante Rally in Chip-Aktien hat am Mittwoch einen neuen Meilenstein erreicht: Der PHLX Semiconductor Index verzeichnete die stärkste Performance in den ersten 100 Handelstagen eines Jahres seit Beginn seiner Lancierung.»Zu diesem Zeitpunkt waren Halbleiteraktien um 80% gestiegen und hatten damit 5,7 Bio. $ an Börsenwert dazugewonnen. Auf dem Rekordhoch von Mitte Juni lagen sie rund 102% im Plus und machten zu diesem Zeitpunkt 105% am Gesamtzuwachs der Marktkapitalisierung des US-Aktienmarktes von 7 Bio. $ seit Anfang Jahr aus.NachfrageDie Rentabilität und das Gewinnwachstum dieser KI-Gewinner stehen derzeit zwar ausser Frage, doch die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung ist umstritten. Verhält es sich mit dem Boom bei KI-Investitionen ähnlich wie bei einem grossen Volksfest? Sind seine Profiteure vergleichbar mit Feuerwerksraketen: publikumswirksame Spektakel, die den Nachthimmel erhellen, aber schnell verglühen? Anleger sind sichtlich begeistert und blenden jegliche Risiken aus.Gavin Baker, Gründer und Chief Investment Officer von Atreides Management, sagt:«Hersteller von Speicherchips handeln zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im niedrigen bis mittleren einstelligen Bereich, auch das KGV von Nvidia ist niedrig, und es gibt andere Hersteller von KI-Prozessoren mit angemessenen Bewertungskennzahlen. Aber dann wird fast allen anderen [Bereichen mit KI-Bezug] – Stromversorgung, Kühlung, Optik und Halbleiterequipment – eine deutlich höhere Bewertung attestiert.»In einem kürzlich veröffentlichten Artikel mit dem Titel «Chip Stars» argumentiert «Barron’s», dass Micron «nach wie vor unterbewertet» sei. Das gelte auch für die Aktien von Nvidia, AMD, Broadcom und TSMC.Bei einer Hochzeit in Cape Cod, Massachusetts, im vergangenen Monat hörte ich zufällig Unterhaltungen darüber, dass der KI-/Chip-Boom praktisch eine sichere Sache sei. «Nvidia druckt Geld», lautete das Argument zum Investment Case.Titelseite des Anlegermagazins «Barron's» vom 1. Juni 2026.Das Problem ist jedoch, dass zyklische Aktien beim Höhepunkt des Zyklus immer günstig erscheinen; der richtige Zeitpunkt zum Verkauf ist bei Spitzenergebnissen. Könnten sich die überdurchschnittlichen Gewinne also alle nur als grosse Illusion herausstellen?Trotz der Zusicherungen von Finanzchefs und CEOs aus der Tech-Branche, wonach es eine riesige «Mauer vertikaler Nachfrage» gebe und der «Verbrauch von Token explodiere», sehen Skeptiker kaum Anzeichen für eine reale Endnachfrage. Dario Perkins von TS Lombard erläutert:«Eine wirklich nachhaltige Entwicklung kann nicht dadurch entstehen, dass die Hyperscaler immer grössere Summen ins System pumpen. Sie muss auf externen Quellen basieren, insbesondere von Konsumenten und Unternehmen, die bereit sind, für echte KI-getriebene Produktivitätssteigerungen zu zahlen. Derzeit ist das jedoch nicht der Fall; und selbst die physischen Engpässe bei KI-Hardware sind nach wie vor grösstenteils das Ergebnis der Nachfrage seitens der Hyperscaler und Entwickler von KI-Modellen und nicht die Folge davon, dass der Rest der Wirtschaft eine neue Technologie einsetzt.»Ed Zitron, Gründer von EZ Primary Research, geht sogar noch weiter:«Ich glaube, die Leute verwechseln eine Hausse bei Halbleitern mit einem fundamental erfolgreichen Geschäft, das es eigentlich gar nicht gibt. Das derzeitige Umsatzwachstum von Anthropic, das höchst fragwürdig ist, … ist darauf zurückzuführen, dass die Leute nicht einschätzen können, wie viel KI-Dienste tatsächlich kosten. Vor ein paar Monaten hat Anthropic damit begonnen, Unternehmenskunden die echten Token-Preise in Rechnung zu stellen. Das hat dazu geführt, dass Unternehmen plötzlich sagen: «Oh, wie viel Geld geben wir da eigentlich aus?» Andrew McDonald, der das operative Geschäft von Uber leitet, sagte, dass es ihm schwerfalle, die Ausgaben für KI anhand der tatsächlichen Rendite zu rechtfertigen, sofern man diese überhaupt messen könne. Wir haben es also mit etwas zu tun, bei dem man weder die Kosten noch die Kapitalrendite messen kann. Und wie nennt man so etwas? Man nennt es eine Investition ohne Rendite.»Die bisher subventionierte und angeheizte Nachfrage stösst nun auf die wirtschaftliche Realität, wie Evan Lorenz, Redaktor bei «Grant’s Interest Rate Observer», bestätigt:«Nachdem viele US-Unternehmen ihre für das gesamte Jahr vorgesehenen KI-Budgets bereits nach wenigen Monaten aufgebraucht haben, greifen die Finanzchefs nun hart durch. Meta Platforms beispielsweise rationiert die KI-Nutzung und entfernt interne Ranglisten, die das Management Anfang des Jahres erstellt hatte, um die grössten Token-Verbraucher zu würdigen, wie ‹The Information› letzte Woche berichtete.»Angebot«Der Preiskampf könnte den kostenintensiven und kapitalintensiven KI-Boom zum Erliegen bringen.»Evan Lorenz, Redaktor bei «Grant’s Interest Rate Observer»Die offensichtliche Quelle für neues Angebot, von der keiner der Optimisten zu sprechen wagt, ist China. Es würde kaum überraschen, wenn Huawei in fünf bis zehn Jahren zu TSMC aufschliesst und die fortschrittlichsten Chips produziert. Ebenso dürften chinesische Unternehmen den Markt für Speicherchips erobern. Was das KI-Wettrüsten angeht, berichtet Lorenz, dass das neueste Modell des chinesischen KI-Unternehmens DeepSeek mit Namen V4 «bloss ein Zehntel bis ein Viertel verglichen mit führenden amerikanischen Pendants kosten wird».Die Investmentpublikation «The Kobeissi Letter» hält dazu fest:«Chinas Selbstversorgungsquote bei KI-Chips liegt bei einem Rekordwert von 41%. Diese Kennzahl misst den Anteil der inländischen Nachfrage nach KI-Prozessoren, der durch lokal hergestellte Fabrikate statt durch Importe gedeckt wird. Diese Quote hat sich in den letzten fünf Jahren VERVIERFACHT. Gemäss Morgan Stanley wird sich der Selbstversorgungsgrad bei KI-Chips bis 2030 voraussichtlich mit etwa 85% mehr als VERDOPPELN. Anders gesagt: China könnte innerhalb von fünf Jahren fast seinen gesamten Bedarf an KI-Chips im Inland decken. Chinas Unabhängigkeit bei KI-Chips schreitet immer schneller voran.»Anteil an KI-Chips in China, die von heimischen Herstellern produziert werden.Quellen: Morgan Stanley, BloombergAm 13. Mai veröffentlichte das «Wall Street Journal» einen Artikel mit dem Titel «Chinas beste und klügste Köpfe kehren nach China zurück».«Jahrzehntelang galt ein Durchbruch in den USA als ultimativer Beweis für den Erfolg der besten und klügsten Köpfe Chinas. Nun kehren viele von ihnen in die Heimat zurück – und dieser entgegengesetzte Abfluss von Know-how beflügelt Pekings Bemühungen, die USA in den Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik und medizinische Forschung zu übertrumpfen.»Weiter heisst es im Artikel:«Zu den jüngsten Beispielen für hochkarätige KI-Talente, die von führenden chinesischen Technologieunternehmen abgeworben wurden, gehören Wu Yonghui, ein ehemaliger Bereichsleiter für Forschung bei Google, der an der Entwicklung von Gemini mitgewirkt hat und nun die Forschung der KI-Sparte von ByteDance, der Muttergesellschaft von TikTok, leitet, sowie Yao Shunyu, ein ehemaliger Forscher bei OpenAI, der zum KI-Forschungschef bei Tencent ernannt wurde.»Ich vermute, dass die Wettbewerbsvorteile der amerikanischen Tech-Giganten bei weitem nicht so unantastbar sind, wie die Optimisten an der Börse glauben.SchlussfolgerungIm Film «Feld der Träume» zahlt sich das verrückte Maisfeld-Projekt von Ray Kinsella aus. Geister längst verstorbener Baseball-Stars tauchen aus dem Rest des Maisfeldes auf und trainieren auf dem Spielfeld. Am Schluss strömt eine schier endlose Autokolonne von Zuschauern auf das Stadion zu.Im Hier und Jetzt stürzen sich alle gleichzeitig auf den Markt und walzen ihre Farm platt; in der Gewissheit, dass die Zuschauermassen schon kommen werden. Doch während Unternehmenskunden ihre Token rationieren und chinesische Halbleiterfabriken sich darauf vorbereiten, den Markt zu überschwemmen, bleibt die eigentliche Frage offen: Werden Fans diese glitzernden Stadien füllen, oder werden Investoren am Ende verloren in einem überdimensionierten Spielfeld stehen und sich fragen, wer als erster mit dem Abschlag beginnt?Das Popcorn im Kino duftet fantastisch gut – bis der Abspann läuft.Entwicklung der Investitionen in Rechenzentren verglichen mit anderen Grossprojekten in den USA, in Bio. $, inflationsbereinigt.Quelle: Applied DigitalDieser Artikel ist ein Auszug aus «The Coffee Can Portfolio», einem Investmentbulletin, das der Verfasser in loser Folge publiziert.Kevin DuffyKevin Duffy ist ein schlachterprobter Contrarian-Investor. Seine Ansicht zu den Märkten und Ideen für Investments teilt er im Newsletter «The Coffee Can Portfolio» sowie auf dem Blog «Notable and Quotable». Duffy ist Mitbegründer des 2002 lancierten Hedge Funds Bearing Asset Management. Zuvor war er Mitbegründer von Lighthouse Capital Management und leitete dort von 1988 bis 1999 das Research-Team. Während seiner Karriere befasste er sich eingehend mit den Exzessen, unter anderem mit den Blasen in Japan sowie im Technologiesektor in den späten Achtziger- bzw. Neunzigerjahren sowie mit den Übertreibungen am US-Häusermarkt in den Jahren 2006/07. Duffy ist Anhänger der österreichischen Wirtschaftsschule. Seine erste Aktie kaufte er im Alter von dreizehn Jahren.
Kevin Duffy: Feld der KI-Träume
Tech-Riesen wie Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta Platforms liefern sich ein halsbrecherisches Wettrüsten beim Ausbau von Rechenzentren. Die Gewinner sind Halbleiterkonzerne und andere Ausrüster. Doch wird die gigantische Wette auf künstliche Intelligenz aufgehen?







