AnalyseDer Dax-Konzern ist in nahezu allen Wertschöpfungsstufen der Energieinfrastruktur hervorragend positioniert. Das ermöglicht Profitabilität und Wachstum, wie sie nur selten zu finden sind. Die Abspaltung einer Sparte könnte den Wert weiter steigern.Sebastian Lang13.07.2026, 14.55 UhrEs ist die spektakulärste Kursrally eines deutschen Unternehmens der vergangenen Jahre: Seit dem Kurstief vom Oktober 2023 hat Siemens Energy seinen Wert zeitweilig verdreissigfacht, bis auf 191.66 € Ende April 2026. Seitdem ist der Börsenwert um 20% gefallen, auf 131 Mrd. €; das bedeutet Rang 4 im Dax nach Siemens, Allianz und SAP.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.The Market hatte die Aktien im Juli 2025 erstmals zum Kauf empfohlen, bei Kursen um 90 €. Das Unternehmen steht im Mittelpunkt des «AI Trade», des Booms rund um das Thema künstliche Intelligenz (KI), der die Märkte die vergangenen rund dreieinhalb Jahre dominiert hat. Denn die Gasturbinen des Unternehmens sollen für viele der geplanten Rechenzentren den benötigten Strom liefern und auch in den Rechenzentren selbst kommen Produkte des Konzerns zum Einsatz.Der «AI Trade» ist brüchig geworden. Die Tech-Giganten kommen nicht mehr vom Fleck, und im heiss gelaufenen Halbleitersektor wiederholen sich empfindliche Rückschläge. Es macht den Anschein, als stellten die Finanzmärkte die riesigen Investitionen für den Bau von Rechenzentren vermehrt infrage. Die Quartalsberichte der Hyperscaler Amazon, Google, Microsoft und Meta ab dem 22. Juli dürften entscheiden, ob die Akteure an den Finanzmärkten weiterhin stark auf KI wetten, oder mindestens eine Pause einlegen.Allerdings profitiert Siemens Energy nicht nur vom KI-Boom. Bei dem Konzern wirken mehrere strukturelle Wachstumstrends wie zum Beispiel der Ausbau der Stromnetze. Gleich mehrere Indikatoren zeigen an, dass der Kursaufschwung weitergehen könnte.Viel Gegenwind zum StartDabei deutete zunächst nichts darauf hin, dass der Dax-Konzern an der Börse ein Überflieger werden würde. Nach der Abspaltung von Siemens im September 2020 entwickelte sich Siemens Energy zunächst zu einem der grössten Sorgenkinder des deutschen Leitindex. Die Windkrafttochter Siemens Gamesa wurde zwischen 2022 und 2024 von Qualitätsproblemen bei Onshore-Turbinen, hohen Kosten und verlustreichen Altverträgen ausgebremst. Hohe Sonderbelastungen und ein Ende 2023 geschnürtes Garantiepaket mit staatlicher Rückendeckung erschütterten das Vertrauen der Investoren.Seither hat Siemens Gamesa jedoch einen tiefgreifenden Restrukturierungsprozess eingeleitet. Dazu gehört die Konzentration auf profitable Märkte und Projekte, der Rückzug aus margenschwachen Aufträgen, die Verbesserung der Produktqualität sowie die konsequente Anpassung der Produktionskapazitäten an die Nachfrage. Heute steht nicht mehr Wachstum um jeden Preis, sondern eine nachhaltige Profitabilität im Mittelpunkt. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet das Management um CEO Christian Bruch nun den operativen Break-even für Gamesa.Von den vier Geschäftsbereichen, die 2025 zusammen einen Umsatz von 39 Mrd. € erwirtschafteten, stammt der überwiegende Teil des operativen Ergebnisses vor Sondereffekten heute aus Grid Technologies und Gas Services. Auf Konzernebene belief sich das operative Ergebnis zuletzt auf 2,4 Mrd. €, entsprechend einer Marge von 6%. Das war zugleich das höchste Niveau seit der Abspaltung.Grid Technologies ist der Hauptprofiteur der globalen Elektrifizierung. Siemens Energy geht davon aus, dass die globalen Investitionen in die Netzinfrastruktur in den nächsten 15 Jahren 10'000 Mrd. $ übersteigen werden. Als einer der weltweit führenden Anbieter verfügt der Konzern über einen ausgeprägten Wettbewerbsvorteil: Jeder fünfte Leistungstransformator und rund 30% der weltweit installierten Systeme zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung stammen von ihm. Hohe Eintrittsbarrieren, jahrzehntelange Kundenbeziehungen und langwierige Qualifizierungsprozesse sichern diese Marktposition ab. Vor dem Hintergrund des weltweiten Netzausbaus hat sich der Auftragsbestand der Sparte seit 2021 auf rund 42 Mrd. € vervierfacht.Auch Gas Services hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Da neue Rechenzentren kurzfristig eine zuverlässige Grundlastversorgung benötigen und Stromnetze vielerorts an ihre Kapazitätsgrenzen stossen, erlebt die Nachfrage nach modernen Gaskraftwerken eine Renaissance. Im Geschäftsjahr 2025 verdoppelte Siemens Energy den Absatz von Gasturbinen auf 194 Einheiten und steigerte den Auftragsbestand auf den Rekordwert von 54 Mrd. Euro.Noch attraktiver als das Neuanlagengeschäft ist das margenstarke Servicegeschäft. Die weltweit installierte Gasturbinenflotte von rund 700 Gigawatt bildet die Grundlage für langfristige Wartungsverträge mit einer Verlängerungsquote von rund 90% und sorgt über Jahrzehnte für berechenbare, wiederkehrende Erträge.Transformation of Industry steht vor NeuausrichtungTransformation of Industry könnte sich als der nächste Werttreiber erweisen. Nach Informationen von «Manager Magazin» erwägt der Konzern, die Sparte mehrheitlich abzuspalten und an die Börse zu bringen. Ausschlaggebend ist die Kapitalallokation: Während Grid Technologies und Gas Services derzeit die attraktivsten Wachstums- und Renditeperspektiven bieten, konkurriert Transformation of Industry konzernintern um Investitionsmittel.Generatorenfertigung bei Siemens Energy in MühlheimZVGOperativ gibt es für diesen Schritt kaum Gründe. Seit 2021 verbesserte sich die Marge vor Sondereffekten um mehr als 13 Prozentpunkte auf über 11%. Mit Kompressoren, Dampfturbinen, Generatoren, Elektrolyseuren und digitalen Lösungen profitiert die Sparte von der Elektrifizierung energieintensiver Branchen, steigenden Effizienzanforderungen und dem langfristigen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Auch hier sorgt das margenstarke Servicegeschäft für kalkulierbare, wiederkehrende Erträge.Die Eigenständigkeit würde Investitionen erleichtern und nach internen Szenarien Umsatz, Margen und Unternehmenswert spürbar steigern. Sollten sich die von «Manager Magazin» genannten Bewertungsmodelle als belastbar erweisen, könnte die Sparte einen Unternehmenswert von 10 bis 15 Mrd. € erreichen. Das entspräche rund einem Zehntel des heutigen Börsenwerts von Siemens Energy, obwohl die Sparte etwa 15% des Konzernumsatzes erwirtschaftet. Eine separate Börsennotierung könnte diesen im Konglomerat bislang nur begrenzt sichtbaren Wert deutlicher herausarbeiten.Der Turnaround zeigt sich auch in der BilanzIm Zuge der operativen Erholung hat sich auch die Bilanz von Siemens Energy grundlegend verbessert. Nach einer Nettofinanzverschuldung von 193 Mio. € im Geschäftsjahr 2023 verfügte der Konzern Ende 2025 bereits über ein Nettofinanzguthaben von 5,2 Mrd. €. Ausschlaggebend ist der kräftige Anstieg des Cashflows: Höhere Margen, die starke Ergebnisverbesserung bei Grid Technologies und Gas Services, deutlich geringere Mittelabflüsse bei Siemens Gamesa sowie ein konsequentes Working-Capital-Management liessen den Free Cashflow auf 4,1 Mrd. € anschwellen.Der kräftige Cashflow ermöglicht es, den Kapazitätsausbau aus eigener Kraft zu finanzieren, die Bilanz weiter zu stärken und gleichzeitig erhebliche Mittel über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre zurückzuführen.Die jüngsten Aussagen des Managements untermauern die positive Stimmungslage. Ende Juni bestätigte Siemens Energy die Jahresprognose für 2026 und verwies auf die unverändert hohe Nachfrage nach Energieinfrastruktur. Besonders dynamisch entwickelt sich der Rechenzentrumsmarkt: Grid Technologies verbuchte allein im ersten Halbjahr 2026 Aufträge aus diesem Bereich von rund 2 Mrd. €, nahezu so viel wie im gesamten Geschäftsjahr 2025.Für das laufende Geschäftsjahr (per 30.9.) rechnet der Konzern mit einem vergleichbaren Umsatzwachstum von 14 bis 16 % und einer Marge vor Sondereffekten von 10 bis 12%. Grid Technologies soll den Umsatz um 25 bis 27% steigern und eine Marge von 18 bis 20% erreichen, Gas Services verspricht 16 bis 18% Wachstum sowie 14 bis 16% Marge. Damit sieht sich Siemens Energy auf Kurs, bis 2028 ein durchschnittliches jährliches vergleichbares Umsatzwachstum im niedrigen zweistelligen Prozentbereich und eine Marge von 14 bis 16% zu erzielen.Auch externe Marktanalysen sprechen für eine anhaltend hohe Dynamik. Nach Einschätzung der Analysten von Bank of America dürfte der adressierbare Markt für elektrische Infrastruktur von Rechenzentren in den kommenden Jahren um 30 bis 40% jährlich wachsen. Ausschlaggebend ist nicht nur die Anzahl neuer Rechenzentren, sondern auch der Infrastrukturbedarf je installiertem Megawatt: KI-Anwendungen erhöhen die Leistungsdichte der Server und treiben den Bedarf an Transformatoren, Schaltanlagen und Netzanschlüssen überproportional. Genau in diesen Bereichen zählt Siemens Energy zu den weltweit führenden Anbietern und dürfte von diesem Trend überdurchschnittlich profitieren.Gewinnwachstum statt höherer MultiplikatorenDie Bewertung erscheint trotz der starken Kursentwicklung nicht überzogen. Zwar liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zum für 2026 geschätzten Gewinn bei 36, der Konsens erwartet jedoch bis 2028 ein kräftiges Gewinnwachstum, wodurch das KGV auf rund 20 sinken würde.Trotz ähnlicher struktureller Wachstumstreiber und einer leicht niedrigeren Marge wird der US-Konkurrent GE Vernova etwa doppelt so hoch bewertet. Im Vergleich zu Schneider Electric ist der Dax-Konzern allerdings sogar teurer, obwohl der französische Konzern nachhaltig höhere Margen erzielt. Die Bewertung lässt damit zwar weiteres Aufholpotenzial gegenüber GE Vernova erkennen, preist die erwartete Margenverbesserung gegenüber den europäischen Elektrifizierungskonzernen jedoch bereits weitgehend ein.Entscheidend für weiteres Kurspotenzial wird daher die erfolgreiche Umsetzung der ambitionierten Margen- und Wachstumsziele sein. Erfüllt Siemens Energy die Erwartungen, dürfte das prognostizierte Gewinnwachstum die Grundlage für weitere Kursgewinne bilden. Dafür sprechen die hohe Visibilität, die strukturellen Wachstumstreiber und das starke operative Momentum.